Bush-Bashing "W." auf ProSieben Junior, was hast du getan?

Bevor er ganz vergessen ist, feiert Oliver Stones Anti-Bush-Pamphlet "W." bei ProSieben eine Gnadenpremiere - nur drei Monate nach dem US-Kinostart. Leider wirkt die Abrechnung ähnlich schlicht wie das Gemüt des Ex-Präsidenten.

Ist Papa an allem schuld? Bush junior kann machen, was er will, der Alte ist doch nur enttäuscht von ihm. Gründet der junge George eine weitere Ölfirma, zieht der Senior skeptisch die Augenbrauen hoch. Und gewinnt er die Gouverneurswahlen in Texas, schaut Dad traurig Richtung Florida, wo sein Lieblingssohn Jeb den Kampf ums selbe Amt verloren hat.

Der kleine "Dabblju" (Josh Brolin) kann sich recken und strecken, wie er will, er kann saufen oder auf Entzug gehen, er kann eine Firma gegen die Wand fahren oder zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigen - kein Fünkchen Freude, keinen Anflug von Stolz vermag er ins strenge Gesicht seines Vaters (James Cromwell) zaubern. Der Blick des Alten scheint nur fortwährend zu fragen: Junior, was hast du wieder getan?

Das hat sich auch noch niemand getraut: In seinem Präsidentenporträt "W." interpretiert Oliver Stone eine gesamte Laufbahn als Abfolge ödipaler Reflexe. Aber lässt sich die Komplexität großer Politik tatsächlich als Seifenoper-Version einer griechischen Tragödie nachbauen? Zumindest für seine Rigorosität muss man Stone, der in der Vergangenheit US-Geschichte immer wieder genialisch ausgedeutet hat, um sie dann wieder brutal zu vereinfachen, Respekt zollen.

Konsequent bringt er die klassischen Tragödien-Sidekicks um seine zum Scheitern verurteilte Hauptfigur in Stellung: Außenminister Colin Powell lässt er von Jeffrey Wright als großen Zauderer spielen, der sich gegen sein Gewissen in der Irak-Frage zum Lügen entscheidet und so den dritten Golfkrieg ermöglicht. Den Vizepräsidenten Dick Cheney gibt Richard Dreyfuss als listigen Präsidentenflüsterer, der seinem schlichten Dienstherren komplexe politische Vorgänge anhand von dessen Truthahn-Sandwich erklärt. Und Toby Jones verkörpert Karl Rove, den Stabschef des Weißen Hauses, als hässlichen Hexer, der die Schwächen des Chefs in Stärken verwandelt.

So übersichtlich hat man Weltpolitik nie zuvor präsentiert bekommen. Das hat natürlich auch, so ist gerechtigkeitshalber hinzuzufügen, mit der außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte von "W." zu tun. Denn dieses 25-Millionen-Dollar-Bush-Bashing ist in jeder Hinsicht rekordverdächtig. Wurde der Film doch noch im Juli 2008 abgedreht, um kaum drei Monate später schon im amerikanischen Kino zu laufen - und weitere drei Monate darauf bereits im deutschen Fernsehen.

Es ist allerdings auch wirklich Eile angeraten bei der Wertschöpfung dieses schnellen, kleinen und für Hollywood-Verhältnisse recht kostengünstigen Films, rekordverdächtig ist nämlich auch seine Haltbarkeit. Rekordverdächtig gering.

Zeitdokument, keine Analyse

Denn zur heutigen Deutschland-Premiere von "Oliver Stone's W." ist dessen zweifelhafter Held schon Geschichte. Eben gerade hat George W. Bush seine Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger übergeben, und genau an diesem Wechsel wollte Polit-Filmer Stone ja Anteil haben.

Aber nun ist da plötzlich dieser Film übrig, dieser schon bizarr anmutende Anachronismus, den kein deutscher Verleiher mehr ins Kino bringen wollte und der parallel zu seiner Videotheken-Auswertung deshalb eine Gnadenpremiere auf ProSieben erlebt. Zur Bewertung dieses Politikerporträts ist es daher notwendig, es als das zu betrachten, was es wirklich ist: ein Dokument aus der Zeit, aus der es stammt - und keine Analyse derselben.

Wenngleich sich zum US-Starttermin am Vorabend der Wahl im Oktober vergangenen Jahres sicherlich kein eingeschworener Republikaner ausgerechnet durch den Hugo-Chávez-Freund Stone davon überzeugen lassen wollte, dass Bush als Präsident untragbar war, so sollte der Film doch letzte Unentschlossene zu den Demokraten treiben. Er sollte ein politisches Instrument sein. Die eher mauen Einspielergebnisse an den US-Kinokassen sprechen allerdings dafür, dass "W." in Wirklichkeit wenig Anteil am Change hatte.

Vielleicht war das Erzählkonzept von Stone einfach zu unterkomplex für die Amerikaner, die in Serien wie "West Wing" oder in Präsidentendramen wie "Rufmord" ja durchaus gelernt haben, dass der Politikbetrieb auch immer von Ambivalenzen und ineinander wirkenden Kräften geprägt wird.

Der Entscheidungsträger wird seiner Haftbarkeit beraubt

Die Misere eines ganzen Landes allein auf die ödipalen Verspannungen eines einzigen Mannes abzuwälzen, erscheint zu simpel. Doch tatsächlich wird jeder Wendepunkt im Leben des George W. Bush vom Regisseur und seinem Drehbuchautor Stanley Weiser (schrieb auch Stones "Wall Street") mit dem schwierigen Verhältnis zum Senior erklärt.

Lässt sich der ehemalige Trunkenbold zum fundamentalen Christen bekehren, so nur deshalb, weil ihm der Herr im Himmel angeblich jene Liebe gewährt, die ihm sein alter Herr daheim verwehrt. Kämpft er später ums Weiße Haus, dann vor allem, um die schmachvolle Abwahl seines Dads im Jahr 1993 wiedergutzumachen. Und zieht er 2003 in den dritten Golfkrieg, so tut er das vor allem, um endlich jenen Saddam den Garaus zu machen, den sein Alter einst während des zweiten Golfkriegs davonkommen ließ.

Je mehr Stone aber seinen Antihelden als getriebenen, leidenden und unterdrückten Sohn zeichnet (und als solcher spielt Josh Brolin wirklich furios!), desto menschlicher, bemitleidenswerter und irgendwie auch schuldloser wird dieser. Wenn man Politik ausschließlich als Folge persönlicher Probleme deutet, wird der Entscheidungsträger unweigerlich seiner persönlichen Haftbarkeit beraubt: Er konnte ja gar nicht anders!

Wie sonderbar, wie rührend: Am Ende sitzt Bush junior mit seiner Frau im abgedunkelten Schlafzimmer und träumt nur noch davon, endlich mal wieder sein Lieblingsmusical "Cats" anzuschauen. Beinahe möchte man ihn da in die Arme nehmen, diesen kleinen missratenen Ödipus.


"Oliver Stone's W." - ProSieben, 23. Januar, 22.25 Uhr

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