Berlinale-Gewinner Netzer "Wir haben uns gegenseitig gequält"

Mit dem Beziehungsdrama und Berlinale-Gewinner "Mutter und Sohn" hat Calin Peter Netzer dem rumänischen Kino einen weiteren Triumph beschert. Im Interview sagt er aber, dass sich der rumänische Film neu erfinden muss - und erzählt, wie er seine Hauptdarstellerin zur Botoxspritze gebracht hat.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Netzer, die Hauptfigur Ihres neuen Films "Mutter und Sohn", eine fanatisch ihren Sohn liebende Mutter namens Cornelia, soll dem Vernehmen nach auf Ihrer eigenen Mutter basieren. Wie fanden Sie es denn, als Cornelia während der Berlinale zur unsympathischsten Figur des ganzen Festivals erklärt wurde?

Netzer: Das war nur gerecht. Cornelia musste zunächst so unsympathisch sein, damit zum Schluss der Wechsel gelingt und ihre Menschlichkeit erkennbar wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel von Ihrer eigenen Mutter steckt denn in Cornelia?

Netzer: Nicht so viel, das haben wir schon übertrieben - das Verhältnis zwischen Cornelia und ihrem Sohn grenzt ja ans Pathologische. Gleichzeitig wollte ich eine allgemeingültigere Geschichte erzählen: Viele Leute haben sich sowohl in der Mutter als auch im Sohn wiedererkannt, und das unabhängig davon, ob sie aus Ost- oder West-Europa, den USA oder Asien kommen. Alle haben den Film so verstanden, wie er ist. Das hat mich sehr gefreut.

SPIEGEL ONLINE: "Mutter und Sohn" wurde aber auch als Parabel auf die gespaltene rumänische Gesellschaft verstanden. Cornelias Sohn hat einen Jungen totgefahren, sie versucht nun, die ärmliche Familie des Opfers mit Geld zu bestechen, damit diese keine Anzeige erstatten. Nehmen Sie da auch eine Perspektive von außen auf Rumänien ein? Immerhin haben Sie von acht bis 19 Jahren in Deutschland gelebt.

Netzer: Nein, der Blick von außen hat für mich höchsten am Anfang, als ich Mitte der neunziger Jahre nach Bukarest zurückgekommen bin, eine Rolle gespielt. Mittlerweile erscheinen mir soziale Spaltung und Korruption so alltäglich, dass ich sie kaum mehr wahrnehme. Im Film haben diese Themen vor allem eine dramaturgische Funktion.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptfigur versucht, alles mit Geld zu steuern und die Menschen zu beeinflussen. Ist das symptomatisch für die rumänische Gesellschaft?

Netzer: Ja, aber das ist doch eigentlich überall so - wobei sich die Leute vielleicht etwas eleganter als Cornelia anstellen. Am Ende erreicht sie ihre Ziele übrigens immer auf der menschlichen Ebene, nicht durch das Geld.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich in die rumänische Oberschicht, in der Cornelia lebt, künstlerisch hineingefunden?

Netzer: Die kenne ich vor allem über meine Eltern. Die wohnen zwar in Deutschland, aber wenn sie mich in Bukarest besuchen kommen, ist das das Milieu, in dem sie sich am meisten bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Unterscheidet sich die Oberschicht in postsozialistischen Ländern von der in Westeuropa?

Netzer: Ich glaube, die fahren alle nach Monaco oder Saint Tropez - so was lernt man schnell (lacht). Das Phänomen der Neureichen in Rumänien ist aber vergleichsweise neu. Das hat sich erst um 2004 herum bemerkbar gemacht, da entstanden plötzlich die schicken Cafés und Clubs. Vielleicht ist das doch ein Unterschied: Die Neureichen in Rumänien müssen ihren Reichtum noch ausstellen. In Deutschland verstecken sie ihn eher.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptdarstellerin Luminita Gheorghiu soll große Probleme mit der Rolle der Cornelia gehabt haben und sie erst nicht spielen wollen. Was war da los?

Netzer: Luminita fand es schwierig, sich in das Oberschichtsmilieu einzufinden, in dem ihre Figur lebt. Das hatte sie noch nie gespielt. Problematisch wurde es, als ich versuchte, sie da langsam heranzuführen und sich auf eine bestimmte Art zu schminken oder die Haare zu machen. Darüber haben wir öfter gestritten und mussten vieles aushandeln.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn genau von ihr verlangt?

Netzer: Ach, wir sind zum Beispiel nach Rom geflogen, um eine Perücke für sie anfertigen zu lassen. Aber ich habe sie auch zum Schönheitschirurgen gebracht und ihr etwas Botox spritzen lassen. Das hat sie noch mitgemacht, aber eigentlich wollte ich noch viel mehr machen lassen. Das hat sie etwas erschrocken, und sie hat mir vorgeworfen, ich würde sie nicht so akzeptieren, wie sie ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie bringt man als Regisseur eine Schauspielerin dazu, ihre Widerstände aufzugeben? Hat das nicht auch was Gewaltvolles?

Netzer: Nein, ich würde das nicht gewaltvoll nennen, schließlich ist Luminita auch eine starke Persönlichkeit, und sie hat erkannt, dass Cornelia eine gute und große Rolle für sie ist. Gleichzeitig habe ich versucht, nicht auf meinen Positionen zu beharren und sie mehr zu verstehen. Irgendwann hat sich eine Art Spiel zwischen uns entwickelt: Sie hat auch nach Drehschluss Cornelia gespielt - und ich ihren Sohn Barbu.

SPIEGEL ONLINE: Barbu behandelt seine Mutter nicht gerade gut, er beschimpft sie und wirft einmal mit einer Medizinflasche nach ihr…

Netzer: (lacht) Ja, wir haben uns gegenseitig etwas gequält. Sie hat mich zum Beispiel drei Mal täglich angerufen: "Seite 72! Warum sagt Cornelia das?" Jetzt hat das aber nachgelassen, jetzt ist sie müde.

SPIEGEL ONLINE: Am Schluss des Films zeigen Sie eine lange Plansequenz - ein bekanntes Stilmittel des jüngeren rumänischen Films. Ist das schon eine Art Selbstzitat?

Netzer: Natürlich ist mein Film minimalistisch und damit auch in der "neuen rumänischen Welle" verwurzelt. Aber eigentlich wollte ich diesmal etwas Neues machen und zum Beispiel ein anderes Milieu darstellen.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie Angst hatten, zu sehr mit anderen Filmen aus Rumänien verglichen zu werden?

Netzer: Ja, meines Erachtens besteht die Gefahr, dass die Filme zu erwartbar werden - dass man keine Credits braucht, um zu wissen, wer den Film gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Geht nur Ihnen das so oder ist das eine allgemeine Einschätzung unter Ihren rumänischen Kollegen?

Netzer: Das geht uns allen so. Ich glaube, wir sind an einem Wendepunkt angekommen, an dem wir darüber nachdenken müssen, etwas anders zu machen, persönlichere Filme zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit persönlicheren Filmen?

Netzer: Welche, die nicht so dem Realismus verpflichtet sind. Schauen Sie sich die ersten Filme von Christi Puiu, Cristian Mungiu oder auch meinen Debütfilm an - die sind irgendwie anders, poetischer, eigenständiger. Danach haben wir uns zunehmend gegenseitig beeinflusst und zu einer Art Bewegung zusammengefunden.

SPIEGEL ONLINE: Wie findet die Verständigung zwischen Ihnen statt?

Netzer: Wir treffen uns nicht so häufig, eigentlich nur, wenn Krise ist - zum Beispiel jetzt. In Rumänien ist die staatliche Filmförderung in den letzten zwei Jahren so zusammengestrichen worden, dass das Risiko besteht, dass keine Filme mehr machen können. Gleichzeitig ist das rumänische Fernsehen pleite, das heißt, wir müssen Koproduktionen machen und zum Beispiel Förderung bei deutschen TV-Sendern beantragen. Dort wird aber immer nur ergänzend gefördert, nicht komplett. So wird es sehr kompliziert, 500.000 oder 600.000 Euro zu kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geschlossen treten Sie als Filmemacher auf? Haben Sie einen Sprecher?

Netzer: Das machen wir tatsächlich gemeinsam - wobei Cristian Mungiu gut bei rechtlichen Fragen ist. Ich selber war aufgrund der Filmtournee mit "Mutter und Sohn" nicht so häufig dabei, die anderen haben sich aber die Filmförderungsmodelle in Deutschland, Israel, Finnland und anderswo angeschaut. Nun versuchen wir, die besten Dinge daraus zusammenzustellen und ein eigenes Modell zu entwickeln. Das muss dann noch durchs Parlament, und es wird sicherlich noch alles sehr kompliziert und langwierig. Aber da müssen wir jetzt durch, it's now oder never.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zuvor von einer kreativen Neuorientierung im rumänischen Kino gesprochen. Was ist denn Ihr nächstes Projekt?

Netzer: Das steht noch nicht fest, ich weiß noch gar nicht, in welcher Zeit ich ansetzen will und was ich zu erzählen habe. Aber ein Drama würde mich reizen - und einen englischsprachigen Film zu drehen. Auf Englisch erreicht man so viel mehr Leute, als wenn man auf rumänisch oder sogar auf deutsch dreht.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk



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