Filmfestspiele in Cannes Das Millionen-Begräbnis

Das Filmfestival von Cannes feiert das Kino. Leider ohne Grund, behaupten Oscar-Preisträger wie Steven Soderbergh. Er sagt der US-Filmindustrie den Untergang vorher, weil sie aus Angst vor dem finanziellen Tod kreativen Selbstmord begeht: in Form von Blockbustern wie "Star Trek" oder "Iron Man".
Filmfestspiele in Cannes: Das Millionen-Begräbnis

Filmfestspiele in Cannes: Das Millionen-Begräbnis

Foto: WARREN TODA/ dpa

Während der Filmfestspiele von Cannes ließ sich schon immer ein wenig in die Zukunft des Kinos sehen. Lars von Triers Karriere begann an der Croisette, der Siegeszug des neueren rumänischen Kinos nahm hier seinen Lauf, Quentin Tarantino machte die Goldene Palme für "Pulp Fiction" über Nacht zum Star. Auch dieses Jahr lädt das am Mittwoch beginnende Festival zur Wahrsagerei ein. Aber die Zeichen stehen auf Untergang.

Zumindest wenn man Steven Soderbergh Glauben schenkt. Er ist 2013 im Wettbewerb von Cannes vertreten - in einer Leistungsschau der Kinokunst allerdings mit einem Fernsehfilm. Das Biopic "Behind The Candelabra" über den Travestiekünstler Liberace mit Michael Douglas in der Hauptrolle hat er für den Pay-TV-Sender HBO gedreht. Warum aus dem Stoff kein Kinofilm wurde und was das für das Kino generell zu bedeuten hat, hat Soderbergh in einer bemerkenswerten Rede  im Rahmen des San Francisco Film Festival Ende April erklärt.

140 Millionen Dollar. So viel Geld, rechnet Soderbergh vor, muss ein US-Film mit einem Budget von rund 10 Millionen Dollar weltweit einspielen, bevor er sich rentiert. 30 Millionen gehen für die nationale Vermarktung drauf, dieselbe Summe noch mal für das internationale Promo-Spektakel. Der Vertrieb der Filme verschlingt noch einmal die bereits angehäufte Summe von 70 Millionen Dollar, so dass am Ende ein mäßig budgetierter Film vor der Aufgabe steht, das 14-fache seines Budgets einspielen zu müssen.

Baseball gegen Baseball

Das klingt entmutigend genug, doch Soderbergh zufolge wohnt der aktuellen Filmfinanzierung zudem eine Art Skaleneffekt inne, der das Geschäft noch weiter zu Ungunsten kleinerer Filme kippen lässt: Bei einem Film, der 100 Millionen Dollar gekostet hat, verharren die Werbekosten trotzdem bei 60 Millionen, weshalb die Mega-Produktion zwar 320 Millionen Dollar einspielen muss, um auf eine schwarze Null zu kommen. Doch das ist kaum mehr als das Dreifache seines Budgets - und erscheint Studio-Bossen daher machbarer als die Mammut-Aufgabe des 10-Millionen-Dollar-Films.

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Zukunft des Kinos: Ab ins Fernsehen

Foto: Festival de Cannes

Für Soderbergh, der zuletzt mit Budgets zwischen 7 Millionen ("Magic Mike") und 60 Millionen ("Contagion") gedreht hat, bietet die Industrie deshalb schlicht keinen Platz mehr in der Mitte zwischen Indie und Blockbuster. "Als ich aufstieg, erschien es mir, einen unabhängigen Film zu drehen und damit ein Publikum zu erreichen wäre so, als müsste man einen Baseball mit einem Schläger in der Luft treffen. Heute erscheint mir das Filmgeschäft so, als müsste man einen Baseball in der Luft treffen - aber mit einem anderen Baseball." Soderbergh hat daraus die Konsequenz gezogen, sich auf Fernseh-Projekte (oder Twitter-Romane) zu konzentrieren.

Nun sind Soderberghs Klagen über das Auseinanderdriften des US-Filmindustrie weder neu - auch Oscar-Preisträger Robert Zemeckis hat vor kurzem mit Hollywoods Mega-Budget-Manie abgerechnet - noch sind alle Auswirkungen rein negativ. Die US-Indie-Szene hat zum Beispiel einen kreativen Aufschwung erlebt, den man ihr so kaum mehr zugetraut hätte und der sogar das totgesagte Sundance-Festival wiederbelebt hat. Benh Zeitlins Lowest-Budget-Produktion "Beasts of the Southern Wild" (1,8 Millionen Dollar) gewann dort 2012 erst den Hauptpreis, bevor er in Cannes mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde und schließlich vier Oscar-Nominierungen erhielt. Ähnliches scheint sich mit "Fruitvale Station" von Ryan Coogler zu wiederholen, einem umjubelten Sozialdrama, das in Sundance mit Jury- und Publikumspreis ausgezeichnet wurde und nun in Cannes in der Nebenreihe Un Certain Regard zu sehen ist.

"Es kann um Völkermord gehen"

Der Trend zur unabhängigen Produktion lässt sich mit Zahlen untermauern. Laut Soderbergh ist zwischen 2003 und 2013 die Zahl der Indie-Filme in den USA von 275 auf 549 pro Jahr gestiegen - sie hat sich also glatt verdoppelt. Im Gegenzug ist der Output der Studios im selben Zeitraum um 28 Prozent zurückgegangen, von jährlich 180 auf 128 Filme. Was sich auf den ersten Blick wie eine strukturelle Machtverschiebung ausnimmt, ist in Wahrheit keine: Die Studios haben nämlich trotzdem ihren Marktanteil steigern können, von 69 auf 76 Prozent.

Mit weniger Filmen mehr Geld machen und höhere Marktanteile erreichen - eine risikoreiche Strategie. Ein Riesenflop wie Disneys "John Carter" (Budget: 250 Millionen Dollar, Einspielergebnis: 283 Millionen Dollar) kann die Existenz eines kompletten Studios gefährden. Kein Wunder also, wenn der Kinosommer von "Star Trek 2", "Iron Man 3" und "Fast & Furious 6" beherrscht wird: Experimente können sich die Studios buchstäblich kaum mehr leisten.

"Ich war in Meetings, in denen ich spürte, dass mir die Dinge entglitten, in denen ich spürte, dass meine Ideen zu bedrohlich oder zu seltsam waren", erzählt Soderbergh am Ende seiner Rede in San Francisco. "Ich merkte: Es wird nichts, ich schaffe es nicht, sie davon zu überzeugen, es so zu machen, wie ich es für richtig halte."

Um sein Publikum nicht gänzlich deprimiert zurückzulassen, sagte Soderbergh zum Schluss, was er jungen Filmemachern rät, wenn sie um Geld für ihre Projekte werben: "Wenn du in einen dieser Räume reingehst und jemanden von deinem Film überzeugen willst - egal, wem du es vorstellst und was du ihm vorstellst - es kann um Völkermord gehen, um Kindermörder, um den schlimmsten Justizirrtum, den man sich vorstellen kann, während du jedenfalls die Geschichte erzählst, halte plötzlich mitten im Satz inne, tue so, als hättest du eine Eingebung und sage: Wissen Sie was, am Ende des Tages ist dies ein Film über Hoffnung."

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