Feministische Meisterwerke Die schönsten Mädchen von Cannes

Palmenfavorit, sofortiger Filmklassiker: Mit der lesbischen Liebesgeschichte "Portrait de la jeune fille en feu" setzt Céline Sciamma die Herzen an der Croisette in Brand. Mithalten kann da nur eine echte Skandalnudel.

Julian Torres/ Les Films Velvet/ Festival de Cannes

Aus Cannes berichtet


Wenn die Männer kommen, hört der Spaß auf. Das gilt zum Glück nicht für den Cannes-Jahrgang 2019 im Allgemeinen - schließlich präsentieren sich Ken Loach, Pedro Almodóvar und Terrence Malick in Höchstform. Das gilt allein für "Portrait de la jeune fille en feu" (Porträt des jungen Mädchens in Flammen), den neuen Film der Französin Céline Sciamma.

Die längste Zeit ist kein einziger Mann im Bild, dann sitzt plötzlich einer in der Küche. Es ist der Bote, der die junge Braut Heloise (Adèle Haenel) von der normannischen Küste nach Mailand zu ihrem Zukünftigen bringen soll. So endet die physische Beziehung zwischen der großbürgerlichen Heloise und der Malerin Marianne (Noémie Merlant), die vor der Hochzeit noch ihr Porträt malen soll.

Die emotionale Beziehung der beiden dauert jedoch weit darüber hinaus an, im Film, über den Film hinaus, ins Festival: Publikumsliebling Sciamma erhielt schon vor Beginn der Weltpremiere im Wettbewerb längere Standing Ovations als manch Filmemacher nach dem Abspann. Am Ende von "Portrait" war die Verzückung nicht mehr zu steigern. So bedingungslos eingenommen für ein Paar hat in jüngster Zeit nur "Call Me By Your Name".

Warum guckt sie so?

Dabei gibt sich "Portrait", angesiedelt um 1770, für Sciammas Verhältnisse zunächst sehr spröde. Ihre gefeierten zeitgenössischen Coming-of-Age-Filme ("Girlhood", "Mit siebzehn") lassen einen sofort ins pralle Leben, egal ob in der Banlieue oder in den Vogesen, stürzen. Hier schippern und kraxeln wir nun mühsam mit Marianne bis zum Anwesen von Heloises Familie. Dort sind nicht nur die kargen Räume abweisend, sondern auch die Tochter des Hauses. Mit dem Porträt, das ihr Verlobter als Geschenk erhalten soll, möchte sie nichts zu tun haben. Marianne wird deshalb von Heloises Mutter beauftragt, ihr Sujet nur aufmerksam zu beobachten und es später im Geheimen zu malen.

Die aufmerksamen Blicke, die ihr Marianne zuwirft, missversteht Heloise deshalb zunächst als Zuneigung. Dann versteht sie sie richtig, denn zwischen den beiden entwickelt sich eine unwiderstehliche Anziehungskraft, der sie schließlich bei flackerndem Kerzenlicht nachgeben.

Wie Blicke und Begehren zusammenhängen, ist das große Thema des Kinos. Unter dem Schlagwort "male gaze" ist immer wieder diskutiert worden, inwieweit männliche Blicke und männliches Begehren die Filmgeschichte geprägt haben. Mit "Portrait" greift Sciamma nun diese Diskussionen auf und spielt sie gewissermaßen mit ihren Figuren nach.

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Blicke und Begehren: Frauen, die auf Frauen starren

Was sie aus der Konstellation von Porträtistin und Porträtierter entwickelt, ist jedoch kein simples "Frauen sehen anders". Sciamma zeigt vielmehr, wie sich Blicke verändern, wenn sich Beziehungen verändern. Je näher sich Marianne und Heloise nämlich kommen, desto stärker verändert sich auch Mariannes Darstellung von Heloise. Am Ende gelingt es ihr sogar, das geheimnisvolle Lächeln ihrer Geliebten einzufangen.

Wollte man den größten Unterschied zu "Blau ist eine warme Farbe", der anderen lesbischen Liebesgeschichte, die Cannes zuletzt im Sturm erobert hat, benennen: Es wäre wohl dieser buchstäblich umsichtige Umgang mit Blicken auf und von Frauen.

Frei in der Gestaltung ihrer Bilder können Frauen jedoch nur sein, wenn sie unabhängig von Männern sind. An einer Stelle erzählt Marianne, dass es ihr verboten sei, männliche Akte zu malen. Warum, fragt Heloise. Um Frauen davon abzuhalten, ebenso große Kunst wie Männer zu schaffen, antwortet Marianne.

In ihrem Essay "Ein Zimmer für sich allein" argumentierte Virginia Woolf einst, dass Frauen einen selbstbestimmten Rückzugsort bräuchten, um ihr wahres kreatives Potenzial zu entfalten. Sciamma liefert nun den glorreichen Beweis, wie wichtig auch ein Film für sich allein sein kann. Es ist aber nicht die einzige feministische Position, die das Kino in diesen Tagen in Cannes brillant ausformuliert. Unter völlig anderen Voraussetzungen verhandelt Rebecca Zlotowski in "Une fille facile" (etwa: "Ein leichtes Mädchen") komplementäre Fragen.

Was heißt schon vulgär?

Angesiedelt im sommerlichen Cannes der Gegenwart lässt Zlotowski ihre 16-jährige Hauptfigur Naima (Mina Farid) Besuch von ihrer älteren Cousine Sofia bekommen. Sofia wird gespielt von Zahia Dehar, dem französisch-algerischen "glamour girl", das durch den Prostitutionsskandal um die französischen Fußballnationalspieler Franck Ribéry und Karim Benzema bekannt wurde und sich nun per Instagram im Gespräch hält.

Mit ihren langen Beinen und überprallen Brüsten zieht Sofia die Blicke der Männer im Film auf sich. Bald werden sie und Naima von zwei reichen Kunsthändlern eingeladen, in Clubs, Edelrestaurants und immer wieder auf ihre Yacht. Deren Name: "Winning Streak", Glückssträhne.

Zahia Dehar in Cannes 2019
CHRISTOPHE SIMON/ AFP

Zahia Dehar in Cannes 2019

Für Sofia enden die Nächte regelmäßig im Bett von Andrès (Nuno Lopes), für Naima dagegen auf dem Sofa im Wohnzimmer. Dem Treiben ihrer Cousine kann sie nur zugucken, doch sie tut das mit einem Interesse, ja einer Lust, die auch der Film an dieser Figur hat und zu der er in seinen vielen Aufnahmen von Sofias Schenkeln und Brüsten souverän steht.

"Une fille facile" verurteilt nämlich das Vulgäre nicht, sondern fragt vielmehr, ob nicht Sexismus und Klassismus unsere Vorstellungen vom Unfeinen grundieren. Denn warum sollten "gemachte" Brüste und Sonnenbank-Teint geschmackloser sein als die protzigen Yachten in den Marinas von Cannes? Warum sollte uns ein durchsichtiges Kleid mehr empören als der herablassende Umgang mit Personal?

Stärker zeitgemäße Fragen könnte man in der Ära Kardashian/Jenner kaum stellen, stärker ortsgemäße als in Cannes während der Filmfestspiele auch nicht. Dass "Une fille facile" nicht in der offiziellen Auswahl läuft, sondern nur in der Nebenreihe "Quinzaine des Réalisateurs", unterstreicht in diesem Fall nur, wie weit manche diese Fragen wohl gern von sich weisen würden.



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