Cannes-Programm 2019 Maradona trifft auf Elton John

Filmstars, Popgrößen, Fußballer: Mit einem wild gemischten Programm versprechen die Filmfestspiele von Cannes große Unterhaltung. Dabei ist unklar, was eigentlich mit Quentin Tarantinos neuem Film ist.

Elton John
AFP

Elton John

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"The Dead Don't Die" heißt der diesjährige Eröffnungsfilm von Cannes. Das kann man auch als eine Anspielung auf das vergangene Festival verstehen. 2018 war Cannes vor allem von der US-amerikanischen Presse für so gut wie tot erklärt worden - weil es sich nicht mit Netflix einigen konnte und ihm so hochkarätige Filme wie der spätere dreifache Oscar-Gewinner "Roma" entgingen.

Auch in diesem Jahr wird Netflix keinen Film an der Croisette zeigen, doch das Festival zeigt sich so lebendig wie möglich. In der offiziellen Auswahl, die am Donnerstag von Festivalpräsident Pierre Lescure und Programmleiter Thierry Frémaux vorgestellt wurde, reihen sich die großen Namen aneinander: Mit Terrence Malick, Ken Loach sowie Jean-Pierre und Luc Dardenne werden allein drei Goldene-Palmen-Gewinner ihre neuen Filme zeigen. Hinzu kommen Pedro Almodóvar und Xavier Dolan sowie Jim Jarmusch, von dem der Eröffnungsfilm, eine Zombie-Komödie mit Bill Murray, Adam Driver und Tilda Swinton, stammt.

Mit vier Filmen im Wettbewerb ist Frankreich das am stärksten vertretene Land, doch statt der üblichen Verdächtigen setzt Cannes auf junges weibliches Talent: Mit den Festivallieblingen Céline Sciamma ("Girlhood") und Justine Triet ("Victoria") sowie der Debütantin Mati Diop sind allein drei französische Regisseurinnen dabei. Zusammen mit der Österreicherin Jessica Hausner, die nach der Premiere von "Amour fou" 2014 in der Nebenreihe "Un Certain Regard" in den Wettbewerb vorrückt, sind erstmalig seit 2011 wieder vier Frauen in die Konkurrenz um die Goldene Palme eingeladen.

Rocketman trifft Fußballgott

Dass in der 71-jährigen Geschichte des Festivals bislang nur einmal eine Frau den Hauptpreis gewann und sich die Goldene Palme auch noch teilen musste, lastet immer noch als Makel auf Cannes. Doch das Problembewusstsein scheint gestiegen zu sein, die Pressekonferenz eröffneten Lescure und Frémaux mit Zahlen zur Geschlechtergerechtigkeit - ganz so, wie sie es vor einem knappen Jahr mit dem Abschluss des Gender Parity Pledge versprochen hatten.

Wie sehr das Festival auch ohne Netflix aus den Vollen schöpft, zeigt sich auch in der Nebenreihe "Un Certain Regard", die klangvolle Namen wie Bruno Dumont oder Christophe Honoré vorweist, sowie in den Sonderprogrammierungen: Außer Konkurrenz laufen das Elton-John-Biopic "Rocketman", das schon jetzt als größerer Hit als "Bohemian Rhapsody" gehandelt wird, sowie das Filmporträt " Diego Maradona" von Oscar-Gewinner Asaf Kapadia ("Amy", "Senna"). Sowohl Maradona als auch Elton John werden in Cannes erwartet.

Penélope Cruz in "Dolor y Gloria"
Manolo Pavan/ El Deseo/ Studiocanal

Penélope Cruz in "Dolor y Gloria"

Auf allzu viele Filmstars dürften sie dort nicht treffen: Neben dem Ensemble von "The Dead Don't Die" bieten bislang nur Almodóvars "Dolor y Gloria" mit Penélope Cruz und Antonio Banderas (startet unter dem Titel "Leid und Herrlichkeit" am 25. Juli in Deutschland) sowie Ira Sachs' "Frankie" mit Isabelle Huppert nennenswerte Starpower.

Was ist mit Tarantino?

Sollte Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" rechtzeitig fertig werden, würde sich das schlagartig ändern: Bei dem Epos über die Charles-Manson-Bande spielen auch Brad Pitt, Leonardo DiCaprio, Al Pacino und Margot Robbie mit. Doch Tarantinos neunter Film steckt in der Post-Produktion. Weil er auf 35 Millimeter gedreht hat, ist diese weit aufwendiger als bei digitalem Material. Auch wenn sich für Tarantino mit der Cannes-Premiere ein Kreis schließen würde - vor 25 Jahren gewann er mit "Pulp Fiction" die Goldene Palme -, scheint seine Teilnahme nicht gesichert zu sein.

Ein anderer Film mit Brad Pitt, James Grays Weltraumdrama "Ad Astra", war auch im Wettbewerb erwartet worden, doch Frémaux tat das als von den Medien unnütz geschürtes Gerücht ab. Ebenfalls vermisst werden Kelly Reichardts Trapper-Drama "First Cow", Benedict Andrews Biopic "Against All Enemies" mit Kristen Stewart als Jean Seberg sowie "Wendy", Benh Zeitlins lang erwarteter Nachfolger auf "Beasts of the Southern Wild".

Auch der neue Film der Deutschen Katrin Gebbe, die mit ihrem Debütfilm "Tore tanzt" überraschend 2013 in "Un Certain Regard" eingeladen worden war, galt als Anwärterin für die "Sélection officielle". Noch ist die Auswahl aber nicht abgeschlossen, 90 Prozent des Programms stünden erst fest, so Frémaux. Neue Titel dürften deshalb in den kommenden Tagen hinzukommen, ebenso wie das Programm der unabhängigen Reihen "Quinzaine des Réalisateurs" und "Semaine de la Critique" sowie die Namen der diesjährigen Jurorinnen und Juroren. Bislang steht nur der mexikanische Regisseur Alejandro G. Inárritu als Jurypräsident fest.

Die 72. Filmfestspiele von Cannes laufen vom 14. bis 25. Mai. Das bislang bekanntgegebene Programm im Überblick:

Wettbewerb
"Atlantique" (Mati Diop)
"Bacarau" (Kleber Mendonça Filho & Juliano Dornelles)
"Frankie" (Ira Sachs)
"A Hidden Life" (Terrence Malick)
"It Must Be Heaven" (Elia Suleiman)
"Les Misérables" (Ladj Ly)
"Little Joe" (Jessica Hausner)
"Matthias and Maxime" (Xavier Dolan)
"Oh Mercy!" (Arnaud Desplechin)
"Parasite" (Bong Joon Ho)
"Portrait of a Young Girl on Fire" (Céline Sciamma)
"Sibyl" (Justine Triet)
"Sorry We Missed You" (Ken Loach)
"Pain and Glory" (Pedro Almodóvar)
"The Traitor" (Marco Bellocchio)
"The Whistlers" (Corneliu Porumboiu)
"The Wild Goose Lake" (Diao Yinan)
"The Young Ahmed" (Jean-Pierre Dardenne & Luc Dardenne)

Un Certain Regard
"Adam" (Maryam Touzani)
"Beanpole" OR "Dylda" (Kantemir Balagov)
"A Brother's Love" (Monia Chokri)
"Bull" (Annie Silverstein)
"The Climb" (Michael Covino)
"Evge" (Nariman Aliev)
"Freedom" OR "Liberté" (Albert Serra)
"Invisible Life" OR "Vida Invisivel" (Karim Aïnouz)
"Joan of Arc" OR "Jeanne" (Bruno Dumont)
"Chambre 212" OR "Room 212" (Christophe Honoré)
"Papicha" (Mounia Meddour)
"Port Authority" (Danielle Lessovitz)
"Summer of Changsha" OR "Liu Yu Tian" (Zu Feng)
"The Swallows of Kabul" (Zabou Breitman & Eléa Gobé Mévellec)
"A Sun That Never Sets" OR "O Que Arde" (Olivier Laxe)
"Zhuo Ren Mi Mi" (Midi Z)

Außer Konkurrenz
"The Best Years of a Life" (Claude Lelouch)
"Diego Maradona" (Asif Kapadia)
"La Belle Époque" (Nicolas Bedos)
"Rocketman" (Dexter Fletcher)
"Too Old to Die Young - North of Hollywood, West of Hell" (Nicolas Winding Refn)
"The Gangster, the Cop, the Devil" (Lee Won-Tae)

Midnight Screening
"Être vivant et le savoir" (Alain Cavalier)

Special Screenings
"Family Romance, LLC." (Werner Herzog)
"For Sama" (Waad Al Kateab, Edward Watts)
"Share" (Pippa Bianco)
"Tommaso" (Abel Ferrara)



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liberalerfr 19.04.2019
1. Abschied von Cannes
Da hilft auch das Schönreden (-schreiben) wenig: Wenn ein Filmfestival neue Filmanbieter ausschließt, hat es sich verabschiedet. Das ist schade, aber auch ein gutes Recht des Festivals.
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