Cannes 2021 Ein dicker Fauxpas, ein mulmiges Corona-Gefühl – und starke Filme

Altmeisterkino und laxe Coronaregeln: Die Filmfestspiele von Cannes drohten ein Reinfall zu werden. Doch Spike Lee und seine Jury haben klug ausgezeichnet. Die Vorfreude des Publikums kann beginnen.
Spike Lee, Jurypräsident bei den 74. Filmfestspielen von Cannes

Spike Lee, Jurypräsident bei den 74. Filmfestspielen von Cannes

Foto: ERIC GAILLARD / REUTERS

»Der Abend ist so perfekt, weil er nicht perfekt ist«, freute sich Julia Ducournau, die Gewinnerin der Goldenen Palme, noch auf der Bühne. Jurypräsident Spike Lee hatte den Höhepunkt der Veranstaltung, die Bekanntgabe des Hauptpreises, vermasselt und Ducournaus Film »Titane« als ersten und nicht wie geplant als letzten Preisträger verraten. Mitjurorin Mati Diop schlug die Hände vorm Gesicht zusammen, Lees Sitznachbarin Mélanie Laurent fiel ihrem Präsidenten buchstäblich in den Arm, um nicht noch mehr Chaos zu veranstalten.

Ein Moment wie bei den Oscars 2017, als »La La Land« fälschlicherweise zum besten Film ausgerufen worden war, der Preis dann aber an »Moonlight« ging. Und ein Moment, den Ducournau ganz richtig als gelungen erkannte, denn wilder und lustiger ist es bei einer Preisverleihung in Cannes wohl noch nie zugegangen. Das übertriebene Pathos, das diese 74. Filmfestspiele umgab, war endlich und vollständig gebannt.

Nach einem Jahr coronabedingter Pause hatte sich das Festival die unmögliche Aufgabe gesetzt, sowohl alte Stärke als auch neue Relevanz zu beweisen. Ersteres sollte durch die Einladung etlicher Grandseigneurs des Weltkinos wie Ashgar Farhadi in den Wettbewerb markiert werden, letzteres durch Spike Lee als ersten schwarzen Künstler an der Spitze der Jury, eine Refokussierung der Reihe »Un certain regard« auf den globalen Filmnachwuchs sowie die Einführung einer Sektion für Filme zum Klimawandel. Zudem wurde zum ersten Mal bei den offiziellen Ansagen gegendert: »Toutes et tous« sind nun bei den Vorführungen willkommen.

Doppelt gescheitert

Perfekt, weil nicht perfekt, würde man am Ende der zwölf Tage von Cannes dem Festival auch gern bescheinigen. Das Kino und mit ihm seine Festspiele haben in den Coronajahren 2020 und 2021 schmerzlich gefehlt. Aber an der Doppelaufgabe, sowohl die Zwangspause vergessen zu lassen als auch die Euphorie eines Neustarts zu verbreiten, ist Cannes gescheitert. Das lag nicht zuletzt an seinem Pandemie-Management.

Für den Kinobesuch brauchte es nur ein gültiges Ticket, schon saß man dicht an dicht mit Kolleginnen und Kollegen aus fast aller Welt. Auf dem Weg ins große Premierenkino Grand Théatre Lumière wurde zweimal die Tasche und fünfmal das Ticket kontrolliert. Saß die Maske jedoch unter der Nase oder hing am Kinn, gab es maximal einen freundlichen Hinweis des Personals. Sobald die Lichter aus waren, schaute man von offizieller Seite gar nicht mehr hin.

Umgeben von Maskenverweigerern, die auch auf Bitten nicht reagierten, versuchte ein Kollege, in einem kleineren Kino einen Ordner zu Hilfe zu rufen. Nach Vorstellungsbeginn waren aber alle gegangen. Andere Kolleginnen berichteten davon, wie sie von den Rängen der größeren Kinos ins Parkett geschickt wurden. Dort sollten sie leere Reihen auffüllen, damit die Vorstellung besser besucht aussehe. Für ein Filmfestival nur logisch, für ein Kulturevent unter Pandemiebedingungen jedoch fatal: In diesen Tagen zählte hauptsächlich die Optik.

»Film-Uefa« nannte eine Programmerin denn auch die Festivalleitung von Cannes, die ähnlich bedenkenfrei wie die Veranstalter der Fußball-EM auf den Schein von Normalität setzte und sich nach und nach von aller Zurückhaltung verabschiedete. Festivalleiter Thierry Frémaux war anfangs noch fist bump gebend und mit Maske auf den Treppen des Lumière zu sehen. Am Ende gab es wieder maskenfreie Umarmungen für »toutes et tous«.

Die Haut von Tilda Swinton

Ob Cannes nun ein Pandemietreiber war, wird sich wahrscheinlich nicht klären lassen. Die Zahlen, die Frémaux zum Schluss verkündete, legen es nicht nahe: Bei rund 50.000 Schnelltests habe es nur um die 70 bis 80 positive Befunde gegeben. Da man für den Kinobesuch keinen negativen Test brauchte, sagen diese Zahlen jedoch wenig aus über das tatsächliche Infektionsgeschehen vor Ort und wie es von den Festivalbesuchern aus in die Welt getragen werden könnte.

Tilda Swinton in »Memoria«

Tilda Swinton in »Memoria«

Foto: ZDF / Arte / Piano / Cannes Film Festival

Im besten Fall sind es nur Bilder, die sich von Cannes aus verbreiten. Sie sind bei Apichatpong Weerasethakul zu finden, der in »Memoria« Tilda Swinton als Medium zwischen Welten, Zeiten und Menschen einsetzt. Ihre weiß leuchtende Haut ist die Membran, durch die Erinnerungen bis in den Kinosaal dringen. Und in Gaspar Noés »Vortex«, der einen Splitscreen dazu nutzt, um von zwei Leben zu erzählen, die die längste Zeit gemeinsam gelebt wurden und nun kurz vor ihrem Ende keine Berührungspunkte mehr finden.

Noés Film gehört zu den Höhepunkten des Festivals, die diesmal viel weiter verstreut als im Wettbewerb gebündelt waren. Joanna Hoggs Diptychon »The Souvenir« über ihre Anfänge als Filmemacherin hätte alles für eine Goldene Palme zu bieten gehabt, autobiografische Intimität ebenso wie intellektuelle Rigorosität. Statt Hogg durften jedoch Nanni Moretti und Ildikó Enyedi altbackenes Erzählkino im Wettbewerb ausbreiten und Sean Baker und Justin Kurzel ihre oberflächlichen Männlichkeitsstudien präsentieren.

Übermacht – oder doch eher Ohnmacht?

Warum sich Cannes ausgerechnet in diesem Jahr dazu entschieden hat, seine berühmte Konzentration aufs Wesentliche und Beste aufzugeben und stattdessen 30 Filme mehr zu zeigen, ist schwer nachvollziehbar. Denn eigentlich rührt das Ansehen des Festivals daher, einen zwingenden Parcours durchs Kino der Gegenwart abzustecken, mit Stationen bei den größten Meistern und den vielversprechendsten jüngeren Talenten.

Zum Teil war das wohl französischer Arroganz geschuldet. Was sich zum Beispiel an Namen in der neuen Nebenreihe »Cannes Premiere« vereinigte (Noé, Andrea Arnold, Hong Sang-soo), wäre anderswo ein vorzeigbarer Wettbewerb gewesen. So signalisierte Cannes den Konkurrenten seine Übermacht in einem Festivalspätsommer, der gedrängter nicht sein könnte: In drei Wochen beginnt Locarno, am 1. September Venedig, am 8. September Toronto.

Oder war es Ohnmacht, die Cannes 2021 gezeigt hat? Dem Überangebot an Bewegtbildern, das die Streamer vorantreiben, scheint sich auch das Festival kaum mehr verwehren zu können. Lieber alles als zu wenig zeigen, scheinen sich Frémaux und sein Team gedacht zu haben. Gerettet vor der eigenen Willkür haben sie nun Spike Lee und seine Jury. Die Preise, die Lee, Diop, Laurent, Tahar Rahim, Kleber Mendonça Filho, Jessica Hausner, Song Kang-ho, Maggie Gyllenhaal und Mylène Farmer vergeben haben, zeugen von Weitblick.

Mit Renate Reinsve (»The Worst Person in the World«) und Caleb Landry Jones (»Nitram«) zeichneten sie die Schauspieler aus, ohne die ihre Filme schlicht nicht denkbar gewesen wären. Bei Leos Carax' »Annette« erkannten sie genau, dass ein groteskes Projekt wie ein Musical über toxische Männlichkeit nur von einer herausragenden Regie zusammengehalten werden kann, und dass sich Ryusuke Hamaguchis Epos von Verlust und Neubeginn »Drive My Car« auf dem Papier fast noch besser macht als auf der Leinwand, erkannten sie auch.

Dass sich Apichatpong Weerasethakuls leises Kino den Jurypreis mit Nadav Lapids ohrenbetäubend lautem teilen muss, weist die Pole der Filmkunst aus, die die Jury nicht gegeneinander ausspielen wollte. Und eine echte Pointe gelang ihnen, als Asghar Farhadi den großen Jurypreis mit gewohntem stocksteifen Ernst entgegennehmen wollte, nur um festzustellen, dass er die Auszeichnung mit dem kleinen räudigen Roadmovie »Compartment No. 6« teilen musste. Die Freude des Finnen Juho Kuosmanen über den Preis war unbändig, Farhadi blieb neben ihm fast regungslos. Auch das ein Sinnbild für die verschiedenen Temperamente des Kinos.

Weerasethakul und Lapid mit ihrem geteilten Jurypreis

Weerasethakul und Lapid mit ihrem geteilten Jurypreis

Foto: JOHANNA GERON / REUTERS

Doch alle diese klugen Entscheidungen wären nichts ohne die Goldene Palme für »Titane« gewesen. Es hat einfach keinen Film in Cannes 2021 gegeben, der einen so unbedingt in Beschlag genommen hat wie Julia Ducournaus Gender-Gore. Ein Mischwesen aus Mensch und Metall schlägt sich durch ihren Film, es stößt mit seinem Begehren an die Grenzen seines Körpers und an die der anderen. Nasen brechen, Ohren bluten, Bäuche reißen in »Titane«. Man will hinsehen und muss weggucken. Ist das der beste Film des Jahres? Der würdigste Palmengewinner? Für »Titane« müssen andere Maßstäbe heran als die althergebrachten. Aber wie könnte die Zukunft sonst beginnen, für Cannes und fürs Kino.