Film über Dominique-Strauss-Kahn-Affäre Alle zehn Minuten Frischfleisch

Am Strand von Cannes stellt Abel Ferrara seinen Film über die Dominique-Strauss-Kahn-Affäre vor. Doch statt eines hintergründigen Porträts bekommt der Zuschauer nur eines zu sehen: einen kopulierenden Gérard Depardieu in der Endlos-Schleife.

Gérard Depardieu alias Mr. Deveraux in "Welcome to New York": Willkommen bei den Lustgreisen
DPA/ Nicole Rivelli/ Wild Bunch

Gérard Depardieu alias Mr. Deveraux in "Welcome to New York": Willkommen bei den Lustgreisen

Aus Cannes berichtet


Es grunzt und stöhnt, röchelt und schnauft. Die Dialoge bestehen über weite Strecken aus allerlei Laut- und Lustäußerungen. Ab und zu lassen sich einzelne Wörter ausmachen: "Arsch" zum Beispiel, "Lecken" oder "Blasen". Der Schauspieler Gérard Depardieu spuckt sie aus wie halb verdaute Bissen eines hastig heruntergeschlungenen Essens. Sein Regisseur Abel Ferrara behauptet, in "Welcome to New York" einen Banker und Politiker zu porträtieren. Tatsächlich hat er einen Tierfilm gedreht.

"Welcome to New York" handelt von einem sexsüchtigen französischen Banker namens Devereaux (Depardieu), der in einem New Yorker Hotel über ein Zimmermädchen herfällt und es zum Sex zwingen will. Er wird verhaftet und angeklagt, seine Frau (Jacqueline Bisset) kommt aus Paris und stellt sich an seine Seite. Ferraras Film folgt relativ genau dem Verlauf der Affäre um Dominique Strauss-Kahn, DSK genannt, der 2011 als Direktor des Internationalen Währungsfonds zurücktreten musste, nachdem er in New York wegen versuchter Vergewaltigung angeklagt worden war.

Schon im Vorfeld von Cannes hatte der Film Diskussionen ausgelöst. Das Festival wollte den Film offenbar nicht im Wettbewerb zeigen. Sofort ging das Gerücht um, dies geschehe aus Rücksichtnahme auf Strauss-Kahn. Der Weltvertrieb Wild Bunch zeigte den Streifen nun außerhalb des offiziellen Programms, Samstagnacht in einem Zelt auf dem Privatstrand des Hotel Carlton. Hysterie beim Einlass, kleiderschrankgroße Türsteher, die Wellen der Erregung schlugen die Croisette hoch. Gegen so viel Hype kommt der schlechteste Film nicht an. Gegen die vielen Nebengeräusche auch nicht.

Sabbernder Depardieu in der Endlos-Schleife

Die Leinwand war strandentsprechend eher mies und bewegte sich, so dass die Bilder des Kameramanns Ken Kelsch ganz besonders flau wirkten. Da war es also wieder, das gute, alte Bahnhofskino. Seitdem der Porno im Internet eine neue Heimat gefunden hat, schien es ausgestorben. In Cannes erlebte es seine Wiederkehr: Ewig lang sieht der Zuschauer Bilder eines sich durch Büros und Hotelbetten sabbernden und vögelnden Depardieu.

Alle zehn Minuten muss Frischfleisch her. Ferrara treibt seinem Star immer wieder neue, junge Mädchen in die Arme. Alles, was diese Szenen über die Hauptfigur verraten, haben sich nach einer Minute erzählt. Aber sie dauern fast eine halbe Stunde. So sieht der Zuschauer tatsächlich zwei Lustgreisen zu, Regisseur der eine, Schauspieler der andere, wie sie einfach nicht genug kriegen können von den jungen Dingern. Und als sie dann doch endlich satt sind, kommt ihnen allmählich zu Bewusstsein, dass sie ja eigentlich eine Geschichte erzählen wollten. Aber da ist es bereits zu spät.

Der Film entwickelt für seine Hauptfigur keine andere Idee mehr als die, ihn als animalisches Wesen zu zeigen und als ewiges Kind im Manne. Nicht einmal wird angedeutet, dass dieser Banker das Produkt einer Klassengesellschaft sein könnte, einer Elite aus Geld und Macht, die sich erhaben dünkt über das niedere Volk. Strauss-Kahn glaubte womöglich, nach Belieben über das Zimmermädchen in seinem New Yorker Hotel verfügen zu können, weil sie in seinen Augen einer Kaste angehörte, deren Aufgabe es ist, ihren Herren zu Diensten zu sein.

Fehlbesetzung Dépardieu

Ständig ist im Film davon die Rede, dass Devereaux seine Chancen verspielt habe, Präsident von Frankreich zu werden. Nun steht es um Frankreich zurzeit wirklich nicht gut, aber so schlimm, dass ein dumpfer Kerl wie Devereaux an die Spitze des Staates gewählt werden könnte, ist es um die Grande Nation dann doch nicht bestellt. Bildung, Eleganz, Charme - all das hat Depardieu noch nie wirklich glaubwürdig verkörpern können. Spätestens in dem Moment, als eine junge Frau von Devereaux' Brillanz schwärmt, wird klar: Der Star ist eine Fehlbesetzung.

Auf der Pressekonferenz direkt nach der Vorführung gaben sich Ferrara und sein Star gut gelaunt und gelassen. Eine Reaktion aus dem Umfeld von Strauss-Kahn hätten sie noch nicht, sagten sie. Möglicherweise hätte DSK den Film aber zeitgleich mit dem Premierenpublikum in Cannes gesehen, denn mit dem Beginn der Vorführung wurde "Welcome to New York" auf verschiedenen Video-on-Demand-Plattformen als Stream angeboten.

insgesamt 13 Beiträge
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jautaealis 18.05.2014
1. Der Film leidet NICHT unter seiner Idee, ...
... sondern DARUNTER: dass es immer noch derart widerliche Bestien auf der Welt gibt wie Strauss-Kahn! Typen, die mutmaßlich sogar noch zigfach schlimmer sind, als die Wirklichkeit des Streifens sie jemals wiedergeben kann...
Listerholm 18.05.2014
2. Cyrano de Bergerac
Zitat von sysopDPAAm Strand von Cannes stellt Abel Ferrara seinen Film über die Dominique-Strauss-Kahn-Affäre vor. Doch statt eines hintergründigen Porträts bekommt der Zuschauer nur eines zu sehen: einen kopulierenden Gérard Depardieu in der Endlos-Schleife. http://www.spiegel.de/kultur/kino/cannes-abel-ferrara-stellt-welcome-to-new-york-am-strand-vor-a-970102.html
Das war mal ein Film, wo dieser korpulente und sehr präsente, excellente Schauspieler gezeigt hat, was Kunst ist. Depardieu ist leider ein Alkoholiker. Und den Tiefpunkt erlebte ich entsetzlich in seiner Rolle als Schiffskoch in "Life of Pie". Depardieu sollte aufhören, Schauspieler sein zu wollen. Denn er ist es nicht mehr. Er ist ein menschlich bemitleidenswertes Wrack.
interstitial 18.05.2014
3. Tja
"Sein Regisseur Abel Ferrara behauptet, in "Welcome to New York" einen Banker und Politiker zu porträtieren. Tatsächlich hat er einen Tierfilm gedreht." Und damit wäre eigentlich auch schon alles gesagt. Über den Film, seine Vorlage, den Menschen im allgemeinen, Kreaturen der Macht im besonderen, und vor allem die Bankrotterklärung einer Zivilisation, die einmal angetreten war, diesen Umstand wenigstens zu mildern oder in unschädliche Bahnen zu lenken.
raber 19.05.2014
4. DSK bestimmt schlimmer als im Film
Der Film ist womöglich schlecht und Depardieu eine Fehlbesetzung. Trotzdem gut, dass es diesen Film gibt um so einen Kerl wie DSK nochmals vorzuführen. Elite, Erziehung und Rücksicht gibt es bei ihm nicht und deshalb sollte er auch ncht verschont bleiben. Er ist nicht der einzige der sich solch ein Benehmen erlaubt und dafür nicht mal gefeuert wurde oder anschliessend im Gefängnis landet.
maleku 19.05.2014
5. Zerrissen
Der Spiegel zerreisst den Film? Also muss er gut sein. Das weiss man spaetestens nach dem Misswort "Tierfilm".
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