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Cannes 2010: Knüppel auf den Kopf

Foto: Guillaume Horcajuelo/ dpa

Cannes-Bilanz Wenn das Kino die Krise kriegt

Viel Schatten, wenig Licht, so muss es sein im Kino: Das 63. Festival von Cannes litt unter mediokren Filmen im Wettbewerb und den Folgen der globalen Wirtschaftskrise. Zu entdecken gab es trotzdem viel, vor allem durch die Abwesenheit der Amerikaner.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Cannes

Im Kino geht es um Gefühle, die jeder alleine, umfangen von Dunkelheit, für sich durchlebt. Aber natürlich ist er nicht alleine, sondern im besten Fall mit Hunderten Anderen zusammen, die lachen, wenn man selbst lacht, weinen, wenn man selbst weint, und zusammenzucken, wenn das Geschehen da oben auf der Leinwand schockiert. Kino, ob Arthouse-Drama oder Popcorn-Spaß, ist Individualerfahrung und Kollektiverlebnis zugleich, das macht es auch im Zeitalter von YouTube und Home-Entertainment so faszinierend und wertvoll. In wird alljährlich genau diese Qualität gefeiert. Es ist ein Festival der harten Zahlen, wenn auf dem Markt Geschäfte gemacht werden, es ist aber auch ein Festival des kindlichen Staunens über den Zauber und die Macht der auf Zelluloid gebannten Bilder.

Bei der Pressevorführung von Takeshi Kitanos Wettbewerbsbeitrag am vergangenen Wochenende gab es mal wieder einen dieser schönen Momente, die daran erinnern, dass es zu den schönsten Dingen der Welt gehört, Filme im Kino anzusehen: "Outrage" erzählt die Geschichte einer Yakuza-Organisation, die sich, getrieben vom Machthunger zahlreicher Unterbosse, selbst zerfleischt.

Es wird gemordet, dass das Kunstblut nur so spritzt, und die Methoden, derer sich die Killer bedienen, werden immer schlimmer, je länger der Film läuft. Irgendwann reichte es, dass Regisseur Takeshi, der in "Outrage" den kaltblütigsten Killer höchstpersönlich verkörpert, zu einem seiner Opfer sagt, er solle die Zunge herausstrecken: Ein kollektives Aufstöhnen ging durch den Saal! Alle ahnten bereits, was kommen würde. Und natürlich verlor Takeshis Widersacher im Film kurz darauf auf bestialischste Weise seine Zunge.

Dieses Spiel mit den Nerven der Zuschauer ist brutal, klar, aber auch von einer Magie, die man alleine zu Hause vor dem Fernseher nicht reproduzieren kann.

So mancher Besucher des 63. Festivals von Cannes hätte sich wahrscheinlich nicht nur bei Kitanos Gangster-Blutbad gerne vor Grauen unter seinem Kinosessel versteckt: Programmchef Thierry Frémaux hatte ein "schwieriges Jahr" angekündigt, und tatsächlich liefen so viele schwache Beiträge wie selten im offiziellen Wettbewerb. Dabei war nach außen hin eigentlich alles wie immer: Die Top-Stars waren da, von Russell Crowe und Cate Blanchett ("Robin Hood"), Michael Douglas und Shia LaBeouf ("Wall Street 2"), Naomi Watts und Josh Brolin (Woody Allens "You Will Meet A Tall Dark Stranger") bis hin zu Popstars wie Pharrell Williams und Mick Jagger.

Und sogar einen veritablen Mini-Eklat gab es, als rechtsgerichtete Politiker Frankreichs den neuen Film von Regisseur Rachid Bouchareb über den Unabhängigkeitskampf der Algerier bereits im Vorwege als anti-französisch beschimpften und auf der Croisette zu Demonstrationen aufriefen.

Cannes: Von Wirtschafts- und Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen

Das Wetter hatte sich nach dem schlimmen Sturm in der Woche vorm Festivalstart schnell berappelt, die Vulkanasche aus Island blieb dem Flughafen von Nizza dankenswerterweise fern, am Strand und in den Straßen tummelten sich von morgens bis abends Touristen - alles wie immer, und doch alles ganz anders.

Denn nicht zu übersehen war, dass das Festival von der andauernden Wirtschafts- und Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sie war nicht nur in Oliver Stones "Wall Street 2" oder Charles Fergusons aufwühlender Dokumentation "Inside Job" ein Thema, sondern wurde - metaphorischer - auch in Alejandro González Iñárritus Prekariatsdrama "Biutiful", Kitanos "Outrage" oder dem deutschen Nebensektionsbeitrag "Unter Dir die Stadt" von Christoph Hochhäusler verarbeitet.

Auf dem Markt, neben der Kinokunst wichtigster Motor des weltweit wichtigsten Filmfestivals, regierte bereits im zweiten Jahr hintereinander Zurückhaltung beim Kauf kleinerer Produktionen ohne Stars. Und auch in den Restaurants und auf den obligatorischen Partys, so es sie überhaupt gab, war weniger los, weil Filmverleiher und Redaktionen aus Kostengründen nicht mehr so viel Personal an die Croisette entsenden - Cannes ist wichtig und beliebt, aber genau deshalb auch wahnsinnig teuer, wenn es um Hotels und Unterhalt geht.

Mönche, Morlocks, Großmütter

Es herrschte also eine gewisse Sparmentalität auf dem Festival, was zum ebenso sparsamen Wettbewerbsprogramm zurückführt. Nur 18 statt bis zu 25 Produktionen wurden in diesem Jahr gezeigt, und nur wenige werden dauerhaft in Erinnerung bleiben.

Zu den herausragenden Filmen gehören Iñárritus "Biutiful", ein beklemmendes, neorealistisches Sozialdrama über einen sterbenden Lebenskünstler und Menschenhändler in einer der übelsten Ecken Barcelonas, gespielt von einem beeindruckend intensiven Javier Bardem; Mike Leighs leises, aber rührendes Familiendrama "Another Year", das zu den Kritikerfavoriten gehörte, sowie der französische Film "Des Hommes et des Dieux" von Xavier Beauvois, der von einer Gruppe christlicher Mönche handelt, die sich in ihrem algerischen Kloster gegen islamistische Gewalt zur Wehr setzen müssen.

Aber auch aus Asien kamen interessante Beiträge. So dürfte vor allem das von dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul mit reichlich Naturspiritismus und jeder Menge Humor ausgestattete Sterbedrama "Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives" einen Nerv beim Fantasy-verliebten Jury-Chef Tim Burton getroffen haben, zumal darin lustige Affen-Geister vorkommen, die mit ihren zotteligen Haaren und rot glühenden Augen aussehen wie eine Kreuzung aus dem "Star Wars"-Wookie Chewbacca und den Morlocks aus der "Zeitmaschine".

Ähnlich phantasievoll erzählt der koreanische Film "Poetry" von Lee Chang-dong die bewegende Geschichte einer Großmutter, die mit ihrer beginnenden Alzheimererkrankung ebenso fertigwerden muss wie mit ihrem halbwüchsigen Enkel, der eine Mitschülerin vergewaltigt hat. Hauptdarstellerin Yun Junghee, die die lebensfrohe, aber weltfremde alte Dame mit sympathischer Naivität spielt, galt als Favoritin auf einen Schauspielerpreis.

Lahmes Laberdrama mit Chancen auf die Palme

Der beste Film des Festivals lief leider nicht im Wettbewerb: Das fünfeinhalbstündige Terroristen-Biopic "Carlos" von Olivier Assayas überzeugte durch politisches Schwergewicht ebenso wie mit darstellerischen Glanzleistungen (allen voran Hauptdarsteller Edgar Ramirez) und inszenatorischer Virtuosität.

Hätte sich die rund zweieinhalbstündige Kinofassung um die Palme bewerben dürfen; der Sieger hätte wahrscheinlich schon früh festgestanden. Aber die Kritikermeinung geht ja eher selten konform mit der Entscheidung der Jury, in der neben Burton unter anderem die Schauspieler Kate Beckinsale und Benicio Del Toro sowie der Filmkomponist Alexandre Desplat sitzen. So haben auch künstlerisch eher unentschiedene, wenn nicht nachgerade ärgerliche Beiträge wie Ken Loachs Irak-Kriegs-Thriller "Route Irish" oder das trotz (oder wegen) Hauptdarstellerin Juliette Binoche lahme Laberdrama "Certified Copy" von Abbas Kiarostami eine Chance, das Festival zu gewinnen.

Vater-und-Sohn-Dramen (vom Eröffnungsfilm "Robin Hood" über "Biutiful" bis zum gelungenen ungarischen Beitrag "Tender Son - The Frankenstein Project"), Wirtschaftsnöte und Krieg (von Rachid Boucharebs "Hors-la-loi" über "Route Irish" bis zu Nikita Mikhalkovs vergurktem Weltkriegsbombast "Burnt By The Sun 2") waren die Hauptthemen dieses vom europäischen und asiatischen Kino dominierten Festivaljahrgangs.

Irreales Schaulaufen auf der Croisette

Die Amerikaner, lediglich mit Doug Limans Polit-Thriller "Fair Game" im Wettbewerb vertreten, dürften im Herbst eher in Venedig auftrumpfen: Neue Filme von Festival-Größen wie Clint Eastwood, Terrence Malick, Darren Aronofsky und Gus Van Sant sollten eigentlich in Cannes laufen, wurden jedoch nicht rechtzeitig fertig, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen. Da war sie wieder, die Krise.

Einen Vorteil hatte die Abwesenheit der Amerikaner, die stets viele Stars mitbringen und alleine dadurch viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Man öffnete den Blick vielleicht mal wieder etwas weiter für das künstlerische und engagierte Weltkino, ob aus Korea, Thailand, dem Tschad oder der Ukraine.

Von dort kam übrigens der unterirdischste Wettbewerbsbeitrag dieses schwierigen Jahres. Nach zwölf Tagen Kino und Cannes-Trubel fühlt man sich als Zuschauer und Berichterstatter fast so erschlagen wie der Hauptdarsteller in "Schastye Moe", der nach der Hälfte des Spielfilmdebüts von Regisseur Sergej Loznitsa so heftig einen Knüppel über den Kopf gezogen bekommt, dass er den Rest der Zeit nur noch apathisch vor sich hinglotzt. Offenbar eine recht grobe Metapher für das moderne Russland, die aber der von da an immer erratischeren und ausfransenden Handlung des Films denkbar wenig zuträglich ist.

Aber auch das muss man aushalten als Kinogänger. Der Eskapismus, der im Kino dank 3-D-Technik und aufgeblasenen Fantasy-Actionfilmen wie "Avatar" gerade wieder eine Vormachtstellung einnimmt, findet hier in Cannes meistens nur außerhalb des Vorführraums statt - mitten im gerade zu Krisenzeiten immer irrealer scheinenden Schaulaufen der Reichen und Schönen unter Palmen auf der Croisette.