US-Filme in Cannes Das Imperium schrumpft zurück

In Cannes zeigen drei US-Filme ein Amerika der einfachen Leute. Hollywoods Glamour könnte nicht weiter entfernt sein.

"American Honey"
Festival de Cannes

"American Honey"

Von , Cannes


Was könnte es für einen trostloseren Ort geben, um sich zu verlieben, als einen Walmart? In einem Supermarkt irgendwo in Oklahoma treffen sich die Blicke von Jake und Star, und plötzlich läuft dieser Rihanna-Song über die Lautsprecher: "We found love in a hopeless place/ We found love in hopeless place."

Da können Ryan Gosling, Julia Robert und George Clooney über den roten Teppich laufen und Steven Spielberg seinen neuen Familienfilm "BFG - Big Friendly Giant" in Cannes präsentieren: Das Amerika, das in den Wettbewerbsfilmen gezeigt wird, könnte nicht weiter von Hollywoods Instantglamour entfernt sein. Bauarbeiter, Busfahrer, Mitglieder einer Drückerkolonne bevölkern dieses andere Amerika und leben ein Leben, in dem Glück hart erkämpft sein will.

Es wirkt wie ein Flirt, ist aber in Wahrheit ein Headhunting: Als Jake (Shia LaBeouf) Star (Sasha Lane) auf dem Parkplatz des Walmarts anspricht, lädt er sie nicht auf ein Bier ein, sondern bietet ihr einen Job an. Er ist Teil einer Drückerkolonne, die von Stadt zu Stadt und von Staat zu Staat fährt, um Zeitschriften zu verkaufen. Da auf Star zu Hause nur ein Freund wartet, der zu viel Drogen nimmt, und zwei kleinere Geschwister, für die sie nur sorgen kann, indem sie die Müllhalden von Supermärkten durchsucht, zögert sie nur kurz.

Am nächsten Tag steigt Star in den Kleinbus voller anderer junger Erwachsener ein. Die Fahrt geht los, Namen werden genannt und Geburtsorte abgefragt, dann setzt harter Gangster-Rap ein, und das erste Bier wird rumgereicht.

Ungeduldige werden einwenden, dass in Andrea Arnolds "American Honey" im Wesentlichen nicht mehr passiert als in diesen ersten Szenen: Die Drückerkolonne ist unterwegs im Bus, die Musik wird aufgedreht, und es wird gekifft und getrunken. Dazwischen rückt die Truppe aus, um ihre Zeitschriften zu verkaufen, meist mithilfe von Lügengeschichten: Ich brauche das Geld, um meine Studiengebühren zu bezahlen, wir sammeln für eine neue Cafeteria.

Tatsächlich verschwimmen die Tage im Verlauf des Films: Cinematograph Robbie Ryan taucht die Bilder des Roadtrips durch den mittleren Westen in ein fast schon glühendes Goldgelb, das genauso gut den Filmtitel gestiftet haben könnte wie der gleichnamige Song von Lady Antebellum, der kurz vor Schluss erklingt. Alles ist von diesem Licht erfasst, die Körper der jungen Erwachsenen; die Motels, in denen sie sich zu viert oder fünft ein Zimmer teilen; die Wohnviertel, in denen sie für ihre Verkaufstouren abgesetzt werden.

Mit diesem Licht fällt auch Arnolds vorurteilsfreier Blick auf ihre Protagonisten. Wie in "Fish Tank", ihrem wohl bekanntesten Film, taucht die britische Autorin und Regisseurin tief in das porträtierte Milieu ein, ohne es moralisch zu ordnen. Und auch wie in "Fish Tank" hat Arnold eine Laiendarstellerin zur Hauptfigur erkoren. Sasha Lane, die Arnold einen Monat vor Drehbeginn beim Sonnenbaden entdeckte, macht ihre Sache als Star so gut, dass der Film wenig Platz für andere Figuren hat. Gern hätte man mehr über Stars Gefährten gewusst, über ihre Geschichten und Pläne. In den 162 Minuten Laufzeit hätte sich dafür sicherlich Zeit finden lassen.

Dafür gelingt Arnold an anderer Stelle ein Wunder: Sie hat die perfekte Rolle für Shia LaBeouf gefunden, der zuletzt durch etliche fragwürdige Aktionen auffiel, die er im Nachhinein zu Performance-Kunst zu erklären versuchte. In dem Hustler Jake verbinden sich nun LaBeoufs ganzer Charme, aber auch seine Aufdringlichkeit und sein Geltungsbedürfnis produktiv.

Auch wenn "American Honey" in Cannes insgesamt eher durchwachsen ankam: Für LaBeouf könnte der Film einen Wendepunkt in seiner Karriere markieren.

"Paterson"
Festival de Cannes

"Paterson"

Wie das geht mit den Kurzporträts von Nebenfiguren, zeigt Jim Jarmusch kunstvoll in seinem Wettbewerbsfilm "Paterson". Der Film, seine Hauptfigur und der Ort, an dem der Film spielt, heißen alle gleich: Paterson. Die Hauptfigur (Adam Driver) ist Busfahrer und fährt stets dieselbe ruhige Tour durch Paterson, New Jersey. Dabei schnappt er immer wieder Gesprächsfetzen auf, die ihm ein Bild von seinen Fahrgästen vermitteln. Mal wird über Anarchismus diskutiert, mal über die heiße Frau, die man beim Barbecue kennengelernt hat, aber erst in ein paar Tagen anrufen will, damit man nicht zu bedürftig wirkt.

Das Prinzip der Miniatur durchwirkt den ganzen Film. Die Geschichte ist in sieben Tage unterteilt, in denen Jarmusch den Menschen Paterson durch seinen Alltag begleitet. Dieser Alltag ist von kurzen Begegnungen geprägt, nicht nur im Bus, sondern auch in der Bar, in der Paterson jeden Abend ein Bier trinkt. Manchmal fängt Jarmusch das Geschehen gar nicht mehr in Szenen, sondern nur noch in einzelnen Bilder ein, so kleinteilig ist dieser Film angelegt.

Doch über allem hängt ein großer Name: Der berühmte Dichter William Carlos Williams ist in Paterson aufgewachsen und hat mehrere Gedichtbände über seine Heimatstadt verfasst. Ihm eifert Busfahrer Paterson nach, indem er ebenfalls kurze, von Alltagsimpressionen geprägte Gedichte verfasst. Sie werden in Handschrift über die Bilder gelegt und überlassen dem Publikum das Urteil, ob sie es mit dem großen Vorbild aufnehmen können.

In diesem Abgleich steckt denn auch der Reiz von "Paterson": Man kann in Patersons Leben ein Scheitern erkennen, Größeres zu erreichen, oder eine Zufriedenheit entdecken, die sich aus der Fülle des Kleinen speist. Wer zu letzterem tendiert, wird auch den Film ganz ähnlich zu schätzen wissen - als einen kleinen Film, der in der Summe groß ist.

"Loving"
Festival de Cannes

"Loving"

Von so einer Bescheidenheit ist Jeff Nichols' mit Spannung erwartetes Rassismusdrama "Loving" nur vordergründig getragen. Der Film erzählt die wahre Geschichte vom weißen Richard Loving (Joel Edgerton), der 1958 die schwarze Mildred (Ruth Negga) heiratet. Weil "gemischtrassige" Ehen in ihrem Heimatstaat Virginia verboten sind, lassen sie sich in Washington, DC, trauen. Doch der Trick hilft nichts: Von einem Unbekannten verraten, wird das Paar verhaftet. Einer Verurteilung entkommen sie nur knapp und werden mit einem Bann von 25 Jahren belegt, in dem sie nicht gemeinsam nach Virginia zurückkehren dürfen.

In den Geschichtsbüchern ist nachzulesen, dass der Fall Loving gegen den Staat Virginia 1967 vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten landete und schließlich dazu führte, dass in einer Grundsatzentscheidung für die Bürgerrechtsbewegung das Verbot in Virginia aufgehoben wurde. Wesentlich mehr erfährt man auch in "Loving" nicht über den Fall: Nach seinem eigenen Drehbuch hat Nichols die Geschichte der Lovings als konventionelles Sozialdrama inszeniert, das darauf setzt, dass man sich über etwas sanft empört, das lang zurückliegt.

Immer wieder sieht man Bauarbeiter Richard dabei, wie er Mörtel aufträgt und Stein auf Stein setzt. Mit seinen eigenen, bescheidenen Mitteln, so macht es der Film klar, baut Richard Loving ein neues Amerika auf - eines, in dem er mit seiner Familie in Frieden leben kann. Ihr Sieg vor dem Supreme Court ist nicht zuletzt dem Engagement der American Civil Liberties Union (ACLU) geschuldet, die die Lovings kostenfrei vertreten hat.

Wie die Anwälte dabei vorgegangen sind, lässt Jeff Nichols außen vor, er will dankenswerterweise keinen Gerichtsfilm liefern, an dessen Ende Anwälte sich mit Tränen in den Augen vom Richter weg zu ihren Mandaten wenden. Was ihn aber sonst an der Geschichte interessiert hat, ist auch nicht zu erkennen.

Den Alltag der Lovings, der bald von Angst und Versteckspielen geprägt ist, füllt Nichols nicht mit der Art von sanfter Paranoia, die seine vorherigen Filme wie "Take Shelter" oder jüngst "Midnight Special" ausgezeichnet haben. Auch die Dialoge fallen dürftig aus: Meist hat Ruth Negga wenig mehr zu tun, als mit ihren großen Augen wehmütig dreinzuschauen. Joel Edgerton ist dagegen arg damit beschäftigt, einen einfachen Mann ohne größeres Innenleben darzustellen.

Von US-Branchendiensten "Variety" und "Hollywood Reporter" sind Negga und Edgerton trotzdem bereits zu Oscar-Kandidaten ausgerufen worden. Aber das ist wohl bezeichnend für eine Branche, die lieber den Blick in die Geschichte als in die Gegenwart wagt. Für letzteres haben sich "Paterson" und "American Honey" empfohlen.



insgesamt 2 Beiträge
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Teigkonaut 16.05.2016
1. Würde mir alle ansehen!
Endlich Schluss mit Seifenopern! Das das Leben in den USA nicht so easy beasy sein kann wie uns Hollywood vorgaukelt ist klar. Amerika hat seit J. Steinbeck eine Tradition für authentische Sozialdramen. Back to the roots!
johannesbueckler 16.05.2016
2. @ #1
Bezüglich "American Honey" kann ich nur anmerken, dass eine Geschichte über Drueckerkolonnen in der USofA für Zeitschriften absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Es gibt zwar noch PCS (Publishers Clearing House), aber die werben via TV und Spam Mail. Bei mir kommen sogar die "Jehova's Witnesses" nicht mehr vorbei. Das mag aber auch am Rottweiler im "Invisible Fence" liegen ;-) Nichtsdestotrotz, Telluride ist das coolere Festival.
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