Cannes-Eröffnung Auf dem Teppich bleiben mit Ron

"The Da Vinci Code" ist langweilig, schreiben die Kritiker. Für das Cannes-Festival ist das nebensächlich: Ron Howards Blockbuster sorgte für Trubel und große Stars an der Croisette.

Von Daniel Haas


Vielleicht kommt ja irgendwann ein Dokumentarfilm über Dreharbeiten und Rezeptionsgeschichte des "Da Vinci Code" in die Kinos. Michael Moore zum Beispiel könnte anhand der Querelen ein flammendes Plädoyer für Meinungsfreiheit und Toleranz drehen. "Fahrenheit Da Vinci" - was es heißt, einen künstlerisch freizügigen Film in einer ideologisch unfreien Zeit zu machen.

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Auftakt in Cannes: Film ab an der Croisette

Die weltweiten Proteste christlicher Interessengruppen, in Indien, Thailand, auf den Philippinen und in Singapur, sie konnten den Stars, die gestern über den roten Teppich in Cannes zur Eröffnung paradierten, die Laune dennoch nicht verhageln. "Da Vinci Code"-Regisseur Ron Howard fegte die miesen Kritiken mit einer nüchternen Bemerkung beiseite: "Ich habe vor langer Zeit aufgehört, zu prognostizieren."

Es stimmt: Prognosen erübrigen sich. Mögen die Rezensenten nach der Vorab-Premiere auch eisig geschwiegen haben, der DVD- und Video-Markt wird sich für den Okkult-Thriller nach Dan Browns Buchvorlage erwärmen. Und für das Festival an der Croisette ist die Qualität des Eröffnungsfilms sowieso zweitrangig: Es geht um Glamour und Stars, und die brachte Howards Film in die Stadt.

Audrey Tautou, Jean Reno, Tom Hanks: Was will man mehr als Festivalchef, der den Spagat zwischen Kunst und Kommerz bewältigen muss. Und auch für die Fans war der gestrige Auftakt rundherum gelungen: Über den roten Teppich schlenderten neben den "Da Vinci"-Stars auch Samuel L. Jackson, Juliette Binoche und Sidney Poitier. Der afroamerikanische Darsteller, eine der Ikonen des US-Kinos, präsentierte den Auftaktfilm. "Ich fühle mich jenseits des Sagbaren geehrt, an diesem Ort, wo die Energie so vieler großer Kinoschaffender noch spürbar ist, die folgende Aufführung anzukündigen."

Poitiers Rührung über die Sprachgrenzen hinaus berührt natürlich wieder die metaphysischen Probleme, die der "Da Vinci Code" heraufbeschwört. Mochte in Cannes die Sonne mit den Sternen des Filmgeschäfts um die Wette strahlen, die spirituelle Verdunkelungsgefahr, die Opus Dei am Werke sah, ist damit noch nicht gebannt. Howard riet deshalb pragmatisch, man solle sich den Film einfach nicht ansehen, wenn man eine ketzerische Kränkung fürchte.

Gekränkt ist übrigens auch eine Gruppe, die anders als die großen Konfessionen keine mächtige Lobby hat: Die US-amerikanische Organisation für Albinismus. Deren Vorsitzender, Michael McGowan, erklärte "CNN", der "Da Vinci Code" sei der 68. Film seit 1960, der einen Albino in der Rolle des Schurken zeige. Auch dies wäre eine Doku wert: Wie die Ikonografie des Genrekinos bestimmte Körperbilder instrumentalisiert. Aber wollte man das wirklich sehen? An der Croisette wohl kaum. Wenn, dann nur in Blockbuster-Form. Wie gut, dass die "X-Men", die großen Mutanten des Actionfilms, ebenfalls in Cannes zu Gast sind.



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