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17. Mai 2007, 11:06 Uhr

Cannes-Eröffnung

Klappern auf der Croisette

Aus Cannes berichtet

Hysterisch wird es noch früh genug: Sanft und glamourös startete das Festival von Cannes in sein 60. Jubiläum. Zum Auftakt küsste Jude Law in Wong Kar-wais Amerika-Hommage "My Blueberry Nights" sehr sexy Norah Jones wach.

Der Moment ist so rührend, dass man den Film anhalten möchte, um die Szene gleich noch einmal anzusehen: Jude Law küsst der selig auf der Theke schlummernden Norah Jones ganz zart die letzten Reste des Blaubeerkuchens von den Lippen - und hält sich damit viel länger auf als eigentlich nötig. Die Kamera filmt diesen sehr erotischen Moment der schüchternen Liebesbezeugung von oben, und da sich die beiden von verschiedenen Seiten des Tresens zum Schlummer-Kuss finden, wirkt die Szene wie eine träumerische Antwort des Arthouse-Kinos auf das berühmte Über-Kopf-Knutschen aus dem Mega-Blockbuster "Spider-Man".

Der chinesische Regisseur Wong Kar-wai hat mit "My Blueberry Nights" zum ersten Mal einen Film in den USA mit westlichen Darstellern gedreht. Als Hommage an Amerika und die Literatur, die er als Kind gelesen hat, soll man das Road Movie verstehen, das von einer jungen Frau handelt, die quer durchs Land tingelt, um sich selbst zu finden und eine zerbrochene Liebe zu überwinden. Ausgangspunkt für diese Geschichte ist ein Kurzfilm Wongs, den er bereits 2001 drehte. Aber erst als er die Musik der US-Sängerin Norah Jones hörte, wurde der Schöpfer elegischer Liebesreigen ("In The Mood For Love") dazu inspiriert, einen ganzen Film daraus zu machen. Mit viel Charme und Überrumpelungs-Effekten brachte Wong die mehrfache Grammy-Gewinnerin dazu, erstmals als Schauspielerin aufzutreten.

Und das dann gleich an der Seite von Schönling Jude Law, der in "My Blueberry Nights" einen Exil-Briten spielt, der ein mittelgutes Café in New York gerade so über die Runden bringt. Niemand isst seinen Blaubeerkuchen, außer Lizzie (Norah Jones), die nächtens in der Spelunke abhängt, weil sie von ihrem Freund betrogen wurde und nun nicht mehr weiß, wohin sie gehört. Just als sich Jeremy an seine traurige Nachtschwärmerin gewöhnt hat und (siehe oben) ein bisschen verliebt ist, verschwindet sie auf ihren Trip auf der Route 66, bei dem es grandiose Auftritte von Rachel Weisz, David Strathairn und Natalie Portman zu erleben gibt.

Küsse, Killer, Kontroversen

Am Ende, so viel sei verraten, gibt es ein Wiedersehen in New York, und auch die Kuss-Szene kommt noch einmal - aber nicht ganz so wie am Anfang. "My Blueberry Nights" ist ein Film über Distanzen, sagt Wong Kar-wai über seinen schönen, sehr intimen und musikalischen Film, der mit opulenten Landschaftsaufnahmen und langen Einstellungen allerdings manchmal auch an Wim Wenders kontemplativere Werke erinnert. In Wahrheit aber ist dem Jury-Präsidenten von 2006 mit seinem Eröffnungsfilm der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes ein Wunder der kulturellen Annäherung gelungen: Ein Chinese, der einen Film mit Amerikanern und Briten über die USA dreht und ihn in Frankreich uraufführt - chapeau!

Fehlen eigentlich nur die Deutschen, aber die kommen erst in der nächsten Woche richtig zum Zug, wenn Fatih Akin seinen Wettbewerbsbeitrag zeigt. Bis dahin wird es allerdings noch hoch hergehen an der Croisette, denn am Samstag steht eine weitere Welturaufführung an, Michael Moores "Sicko" über die Abseiten der amerikanischen Pharmaindustrie. Wie man hört, hat der streitbare Dokumentarfilmer, der hier in Cannes vor zwei Jahren die Goldene Palme gewann, extra eine Kopie seines hochbrisanten neuen Werks außer Landes geschmuggelt, um sie auf dem Festival zu zeigen. Der geplante US-Starttermin (bisher 29. Juni) kann nämlich durch Klagen und Einstweilige Verfügungen diverser Pharmaunternehmen noch in weite Ferne rücken. Branchenexperten raunen schon von einer noch größeren Kontroverse als einst bei "Fahrenheit 9/11". Aber das ist normal, denn wo, wenn nicht in Cannes, gehört klappern so sehr zum Filmgeschäft?

Action-Kracher und zarte Elegien

Produzent Harvey Weinstein jedenfalls, der gestern Abend über den roten Teppich in die Eröffnungs-Gala flanierte, zeigte sich bestens gelaunt: Er wird Wong Kar-wais "Blueberry Nights" in den USA vertreiben und kann sich dank des Norah-Jones-Neugier-Effekts einen Hit ausrechnen. Außerdem wird er mit seiner Weinstein Company auch Michael Moores Skandal-Doku distribuieren und hat mit Quentin Tarantinos "Death Proof" einen weiteren Aufmerksamkeitsgaranten im Festival. Die 60. Cannes-Ausgabe wird also auch ein bisschen das Comeback des polternden Independent-Moguls markieren. Daran merkt man, dass es hier natürlich vorrangig ums Geldscheffeln geht. Das sieht man auch entlang der Croisette an den riesigen Werbeplakaten für "Die Hard 4" oder den mehrseitigen Anzeigen für neue Action-Kracher in den Festival-Tageszeitungen.

Wie schön also, dass das Festival dank Wong Kar-wai und seinem tollen Ensemble mit einer ruhigen und kunstvollen Note begann. Und auch US-Regisseur David Fincher, dessen Thriller "Zodiac" ebenfalls im Wettbewerb läuft, legt viel Wert auf Komposition und Ästhetik. Sein Film, der in den USA bereits im Kino lief, erzählt die wahre Geschichte eines Serienkillers in der kalifornischen Bay Area, der, beginnend in den späten Sechzigern, die Polizei über Jahrzehnte hinweg in Atem hält. Am Ende steht die Erkenntnis, dass nicht nur krankhafte Mörder sich in Obsessionen verlieren können, sondern auch deren Jäger.

Charmant, charmant!

Fincher, bekannt durch grünstichige Düster-Dramen wie "Sieben" und "Panic Room", geht hier dramaturgisch ganz neue Wege und verwebt die Polizeiermittlungen mit den Recherchen eines jungen Reporters (Jake Gyllenhaal), der letztlich sein halbes Leben damit zubringt, den Code zu entziffern, mit dem der Zodiac genannte Killer seine neckenden Botschaften an die Behörden chiffriert. Furios gleitet der Film mit geschliffenen und gewitzten Dialogen in einer wahren Ausstattungsorgie durch die Jahrzehnte und verfügt dank ausgeklügelter Digitaltechnik über einige der verblüffendsten Kameraeinstellungen und -fahrten, die man seit langem im Kino gesehen hat.

Trotz massivem Technikeinsatz wirkt "Zodiac" dabei so grobkörnig wie ein echtes Siebziger-Jahre-Politthriller-Drama im Stile Sydney Pollacks. Die Darsteller, allen voran Robert Downey Jr. als drogenseliger Reporterkollege Gyllenhaals, und Chloë Sevigny in einer Mini-Rolle als dessen Ehefrau, begeistert durch Präzision und sichtbare Spielfreude. Man merkt ja meistens, ob Schauspieler Spaß beim Drehen hatten. Bei "Zodiac", das sieht man diesem erstaunlichen Zweieinhalbstünder an, haben sich alle mit Herz und Seele engagiert.

A propos engagiert: So ganz zu kurz kamen die Deutschen ja doch noch nicht in Cannes. Schließlich durfte das deutsche, in Paris geschulte Model und Hollywood-Starlet Diane Krüger ("Troja") die feierliche Eröffnungszeremonie moderieren. Eine Ehre! Das absolvierte die blonde Aktrice auch ganz charmant, auch wenn sie zuweilen ein bisschen arg nervös wirkte, wenn sie ihr Mikrofon beidhändig umklammerte. Ist ja aber auch schwierig, wenn man mit drei Sprachen jonglieren muss. Neben einer Moderation auf Französisch und Englisch gab es nämlich auch noch einen kurzen, hübsch verstolperten Gruß nach Deutschland, in dem sie sich wirklich freute, das Festival "zum 60. Mal eröffnen zu dürfen". So oft schon? Potzblitz! Nicht, dass diese unbedachte Äußerung noch diplomatische Verwerfungen provoziert.

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