Filme über Flucht und Ausbeutungs-Economy Der neue Horror

Dem Filmfest in Cannes wurde lange vorgeworfen, ein Wettbewerb ohne gesellschaftliche Sprengkraft zu sein. Doch Filme wie "Sorry We Missed You" und "Atlantique" sind herausragendes politisches Kino. Cannes kommt in die Gänge.

"Sorry We Missed You"
Festival de Cannes

"Sorry We Missed You"

Aus Cannes berichtet


Mitten rein in den Arbeitskampf, auf der einen Seite brüllende Kollegen, auf der anderen angespannte Polizisten, alle auf das Schlimmste vorbereitet. So hat Stephane Brizé 2018 mit "Streik" aktuelle politische Auseinandersetzungen in den Cannes-Wettbewerb getragen. Dass man nicht mitten im Getümmel stehen muss, sich von den Rändern aus die Konflikte unserer Zeit womöglich genauer und sogar akuter erzählen lassen, beweisen nun zwei bestechend gute Filme: Ken Loachs "Sorry We Missed You" über einen Paketboten, der in der Selbstausbeutungs-Economy zerrieben wird, und Mati Diops "Atlantique" über einen Freundeskreis in Dakar, Senegal, der durch Flucht auseinandergerissen und in bizarrer Weise wieder zusammengesetzt wird.

"Wenn du dich zur Flucht entscheidest, bist du schon tot." Es ist ein Satz aus ihrem semi-dokumentarischen Kurzfilm "Atlantique" von 2009, der das Langfilm-Debüt der Französin Mati Diop durchdringt. Ein junger Senegalese sagte ihn damals, Jahre, bevor im Mittelmeer gekenterte Flüchtlingsboote anfingen, die Nachrichten und die kollektive Imagination zu dominieren.

In ihrem Spielfilm denkt Diop, selber Tochter eines Senegalesen, diesen Satz nun fort. Was ist, wenn das Sterben tatsächlich nicht auf dem Mittelmeer beginnt, sondern schon in Afrika? In den Städten, in den Familien, in den Beziehungen?

Ein erstaunlicher Spuk

Fluchtursachenforschung könnte man das nennen, was "Atlantique" im Folgenden unternimmt. Wütende Arbeiter einer großen Baustelle, die seit vier Monaten kein Gehalt bekommen haben, bestimmen die ersten Bilder. Doch der Streit, die Empörung scheinen nur Details eines größeren Panoramas zu sein. Die Geschichte Adas (Mame Bineta Sane), einer jungen Frau aus ärmlichen Verhältnissen, die einem Mann aus der Oberschicht versprochen ist, entspinnt sich. Ada ist nicht verliebt, aber ihre Freundinnen bestärken sie, trotzdem zu heiraten: Welche Optionen hat sie denn sonst?

Dann verschwinden die Partner der Freundinnen, ein Hochzeitsbett entzündet sich von selbst, und die geisterhafte Stimmung, die zunächst vor allem Fatima Al Qadiris spannungsvoller Soundtrack befeuert hatte, nimmt buchstäblich Gestalt an: In den glühenden Nächten Dakars treffen Menschen und Geister aufeinander.

Am Ende dieses erstaunlichen Spuks werden die fehlenden Löhne, die am Anfang eingeklagt wurden, ausgezahlt. Ursachen und Folgen von Flucht fließen ineinander, ein Kreis schließt sich, doch ohne ein falsches Gefühl von Abschluss und Versöhnung mit sich zu bringen - Geister sind schließlich unter uns.

Mame Bineta Sane in "Atlantique"
Festival de Cannes

Mame Bineta Sane in "Atlantique"

Einen solchen Film über das Phantasmagorische an Migration hat man noch nicht gesehen - ob ihn nur eine junge schwarze Frau mit senegalesischen Verbindungen machen konnte? Das beste Argument, Biografie und kreative Leistung nicht gegeneinander aufzurechnen, liefert ausgerechnet Ken Loach.

Mit dem mittlerweile 17. Film im Wettbewerb scheint der 82-Jährige der Inbegriff des privilegierten alten weißen Mannes zu sein. Doch nicht nur ist Loach zuletzt so erfolgreich wie lang nicht mehr - mit "I, Daniel Blake" gewann er 2016 die Goldene Palme - mit seinem neuen Film "Sorry We Missed You" übertrifft er sich sogar.

Für Familienvater Ricky (Kris Hitchen) ist der Job als Fahrer bei einem Paketzusteller ein Traum: Guter Verdienst, kein Chef über sich und vor allem keine Abhängigkeit vom Sozialstaat. Dafür ist sich Ricky nämlich zu stolz. Und womöglich ist es auch sein Stolz, der ihm den Blick darauf versperrt, dass seine neuen Freiheiten neuen Abhängigkeiten verdammt ähneln. Von Adresse zu Adresse hetzend, abwechselnd mit Polizei oder schwierigen Kunden streitend, bleibt nicht einmal Zeit zum Pinkeln - geschweige denn für die Familie, der Ricky von dem neuen Job eigentlich ein Haus kaufen wollte.

Der Teufel im Detail

Die Familie ist es allerdings, die Loach und sein Stammautor Paul Laverty in den Fokus nehmen. Denn den auszehrenden Alltag von Paketboten kann sich jeder ausmalen, der jemals einem hechelnden Menschen mit Paket und Scanner in der Hand die Tür aufgemacht hat. "Sorry We Missed You" zeigt stattdessen die soziale Zersetzung, die die sogenannte Gig-Economy vorantreibt.

Ricky und seine Frau Abbie (Debbie Honeywood), eine freiberufliche Altenpflegerin, schlafen gemeinsam vor dem Fernseher ein - das ist ihre Art von "quality time". Für die Kinder bleiben eine Nachricht auf der Mailbox und eine Tupperdose mit Nudeln übrig. Nach drei Wochen fängt die zehnjährige Tochter an, wieder ins Bett zu machen.

"Sorry We Missed You" kommt ohne die dramatischen Ausschläge aus, die "I, Daniel Blake" so eindrücklich, mitunter aber auch berechnend gemacht haben. Die Art von dichter Beschreibung, die Loach hier gelingt, ist aber nicht minder effektiv. Denn der Teufel steckt hier wirklich im Detail und erschreckt in den unpassendsten Momenten. Ein Notfall in der Familie? Dann heißt es nicht nur, den Verdienstausfall wegzustecken, sondern selber noch Ersatz zu organisieren - oder 100 Pfund zu bezahlen.

"I, Daniel Blake" hatte in Großbritannien für eine Debatte über Missstände in den dortigen Jobcentern gesorgt. "Sorry We Missed You" könnte nun noch mehr Menschen aufrütteln, denn er zeigt Missstände, die sich überall in Europa festgefressen haben.

Udo Kier in "Bacurau"
Festival de Cannes

Udo Kier in "Bacurau"

Neben so starkem, auch formal unabhängigem Kino verblassen die genrekonformeren Versuche im Cannes-Wettbewerb, gesellschaftliche Sprengkraft offenzulegen. Der französische Newcomer Ladj Ly bemüht noch Victor Hugo, um seinen Banlieue-Gangster-Reißer "Les Misérables" mit klassischem Sozialdrama-Nimbus zu versorgen. Kleber Mendonza Filho bläst in "Bacurau" gleich zur kommerziell organisierten Jagd auf eine Dorfgemeinschaft im brasilianischen Hinterland.

Erschrecken kann das aber kaum. Für echten Horror, das lässt sich nach fünf Tagen Cannes festhalten, braucht es keine Shoot-Outs, Zombies oder Vorstadtkrawalle - es reichen Uber, Deliveroo und Amazon.



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