Autofiktion im Kino Sind sie's oder sind sie's nicht?

Mit Alter Egos begeistern Pedro Almodóvar und Isabelle Huppert in Cannes: Von so einer emotionalen und verletzlichen Seite hat man die Altstars noch nie gesehen. Oder ist das alles nur Projektion?

Beatrice Dalle und Charlotte Gainsbourg in "Lux Æterna"
Gaspar Noé/ Festival de Cannes

Beatrice Dalle und Charlotte Gainsbourg in "Lux Æterna"

Aus Cannes berichtet


Ob und wie viel Heroin Pedro Almodóvar zu sich nimmt, beantwortet "Leid und Herrlichkeit" ("Dolor y gloria") nicht.

Dabei hat sein neuer Film einen Regisseur zum Helden, der dem Heroin verfällt und ihm selbst unmissverständlich nachempfunden ist: Antonio Banderas trägt die Haare wie Almodóvar, schlüpft in dessen Klamotten, läuft durch eine Wohnung, die eine direkte Nachbildung der seinen ist.

Es ist schwer möglich, in Banderas hier nicht Almodóvar zu sehen. Und doch heißt er anders, nämlich Salvador Mallo, und es erscheint bald müßig, alle Details seiner Geschichte mit der des spanischen Regisseurs abzugleichen.

Antonio Banderas und Nora Navas in "Leid und Herrlichkeit"
El Deseo 2019/ Studiocanal

Antonio Banderas und Nora Navas in "Leid und Herrlichkeit"

Im Film selbst fällt das Stichwort der Autofiktion und auch in Interviews verweist Almodóvar auf den Begriff, der vor allem als Trend aus der Literatur bekannt ist. Die Verbindung von erkennbar autobiografischen Details mit einer fiktionalen Erzählung ist im Kino besonders produktiv, weil sie auf bekannte Bilder verweisen kann. Bereits durch kleine Gesten und Bewegungen ruft das Schauspiel von Banderas die außerfilmische Realität ab, erinnert an den Almodóvar, den man aus den Medien kennt und transformiert die Kinoerfahrung.

"Leid und Herrlichkeit" (Kinostart: 25. Juli) nutzt die Bezüge aber just nicht für eine klassische Heldenreise, sondern zeigt diesen Salvador Mallo in den Momenten, in denen er am verwundbarsten ist. Lethargisch auf dem Sofa, apathisch gegenüber Fremden, zu gar keinen Witzen mehr aufgelegt und lange schon in einer Schaffenskrise. Der Film ist eine schonungslose Offenlegung seiner Süchte und seines Scheiterns gerade in Liebesdingen. Dass ein Mensch wie hier Almodóvar sich selbst so ehrlich verletzlich porträtiert, führt unweigerlich zur Intensivierung des Erlebnisses, vor allem der Gefühle, die man darauf projiziert. In Cannes sind es sehr positive Gefühle: Mit einigen der besten Kritiken des Festivals hat sich Almodóvar in Stellung für die Goldene Palme gebracht.

"Sie müssen guten Filmgeschmack haben"

Ähnliche Projektionen wie Almodóvar erzielt Ira Sachs in "Frankie" dadurch, dass er Isabelle Huppert als Schauspielstar kurz vor dem Tod inszeniert. Ganz egal, wie fiktional die Geschichte ist, Huppert spielt schon in erster Linie "die Huppert": Ihre Figur Françoise Crémont, genannt Frankie, ist stolz und sensibel, wechselt in Sekundenschnelle von herzlich zu hart, wirkt kalt kalkulierend und will alles kontrollieren, bis hin zum Beziehungsleben ihres Sohns.

Frankie hat ihre Familie nach Portugal eingeladen für einen letzten gemeinsamen Urlaub. Vor malerischer Kulisse begegnet Frankie einer alten Frau, die sie wiedererkennt. Huppert mit Schalk im Gesicht: "Sie müssen guten Filmgeschmack haben." Doch die Frau kennt sie nicht wegen der exquisiten Kollaborationen mit Autorenfilmern, eines der Markenzeichen von Huppert, sondern aus dem Fernsehen. Ira Sachs setzt die Bezüge zur Realwelt für leise komödiantische Momente wie diesen ein.

Gleichzeitig funktionieren diese Auflockerungen wie eine Abkürzung, um direkt zum Kern seines filmischen Projekts vorzudringen, nämlich den großen Gefühlen. Die Emotionen werden aus der Geschichte heraus gar nicht so umfassend hergeleitet, denn der Film ist kurz, und der Abschied von Frankie beginnt sofort. Da hilft es, Frankie als Huppert zu sehen. Vor allem, wenn minutenlang nur ihr Körper im Vordergrund ist, etwa in einer der zärtlichsten und traurigsten Liebesszenen seit Langem. Ja, was wäre, wenn Huppert nur noch wenige Monate zu leben hätte? Man will gar nicht daran denken.

Gaspar Noé/ Festival de Cannes

Um das Denken zu vermeiden, ist man bei Gaspar Noé goldrichtig. Im besten Sinne geht es dem argentinischen Regisseur primär um Reize und Reaktionen. Nach dem rauschhaften Cannes-Highlight 2018 "Climax" ist er ein Jahr später bereits zurück an der Croisette, mit einem 50-minütigen Experiment, das noch expliziter als "Frankie" wahre und fiktive Elemente durchmischt. In "Lux Æterna" setzt er zwei weibliche Schauspielstars als sie selbst vor die Kamera.

Béatrice Dalle, bekannt etwa für "Trouble Every Day" und "Night On Earth", gibt innerhalb des Films ihr Regiedebüt. Sie besetzt Charlotte Gainsbourg, Star aus "Antichrist", als Hexe. Die Szene, die gleich gedreht wird: ihre Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Das Werk will vieles auf einmal sein: MeToo-Kommentar, Reinkarnation von Mythen, Ehrerbietung vor der Filmgeschichte.

Doch die Referenzen wären nicht viel ohne das lockere, dokumentarisch wirkende Setting, in dem sich Dalle und Gainsbourg unterhalten und unfertige Gedanken formulieren. Erst durch den Kontrast dazu wirkt der Exzess mit Stroboskoplicht am Schluss. Man muss nicht wissen, was alles wahr ist, aber auf die Spannung kommt es an, dass es das sein könnte.



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