Cannes-Rauswurf von Lars von Trier Stinkbombe und Fehlurteil

Wegen dummer Nazi-Frotzeleien, für die er sich bereits entschuldigt hat, schließt das Filmfestival von Cannes den dänischen Regisseur Lars von Trier aus. Das allein ist dämlich genug - wenn nicht im gleichen Zug auch noch Mel Gibson rehabilitiert würde.
Cannes-Rauswurf von Lars von Trier: Stinkbombe und Fehlurteil

Cannes-Rauswurf von Lars von Trier: Stinkbombe und Fehlurteil

Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/ AFP

Wie sehr hat sich Lars von Trier mit seinen umstrittenen Äußerungen zu Hitler und Israel geschadet, war die Frage vom Mittwoch. Die Frage am Donnerstag lautet: Wie sehr hat sich das Festival von Cannes mit der Fehlentscheidung geschadet, von Trier auszuschließen?

Mit dem Beschluss, von Trier für den laufenden Wettbewerb zur persona non grata zu erklären, verliert das Festival massiv an Glaubwürdigkeit. Denn von Triers Äußerungen als ernst gemeinte politische Stellungnahme zu werten und aus ihr weitreichende Konsequenzen zu ziehen - das verkennt sowohl die Situation, in der von Trier sie getätigt hat, als auch sein Werk als ästhetischen Kontext.

"How do I get out of this sentence?" - wie komme ich aus diesem Satz heraus?, fragte sich von Trier laut während der Pressekonferenz zu seinem neuen Film "Melancholia". Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits vom Zweiten Weltkrieg distanziert und betont, dass er Juden sehr schätze. "Oder nein, so sehr nun auch wieder nicht. Schließlich geht einem Israel wirklich auf die Nerven." Hauptdarstellerin Kirsten Dunst war sichtlich unangenehm berührt, doch ob des Gefasels war aus der Menge der Journalisten vor allem Lachen zu vernehmen. Von Trier fand schließlich keinen Ausstieg aus "diesem Satz" und endete mit den fast resignierenden Worten "Okay, ich bin ein Nazi." Erläutert hier jemand sein geschlossenes Weltbild? Eine ausgefeilte, antisemitische Ideologie? Wohl kaum.

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Von Trier in Cannes: "Melancholia" und der Rauswurf

Foto: Ian Langsdon/ dpa

Lars von Trier assoziierte auf der Pressekonferenz frei - und würde er nicht auf wildere, geschmacklosere Assoziationen als jeder andere stoßen, wäre er nicht der bahnbrechende Regisseur, der er ist. "Jeder Journalist, der jemals eine der vielen Pressekonferenzen von Triers in Cannes gesehen hat, weiß, dass der Mann gleichzeitig schüchtern und provokativ, depressiv und frotzelnd, spontan und durchgedreht ist", schrieb daraufhin die US-Kritikerin Lisa Schwarzbaum . "Jeder Reporter mit nur ein bisschen Einordnungsvermögen weiß, dass man solche Stinkbomben nicht für bare Münzen nehmen darf."

Rehabilitation einerseits, Verbannung andererseits

Aber von Trier wurde für bare Münze genommen. Deshalb musste auch er die Sache ernst nehmen und entschuldigte sich noch am selben Tag. "Falls ich jemanden mit meinen Worten heute morgen auf der Pressekonferenz verletzt haben sollte, entschuldige ich mich aufrichtig dafür. Ich bin weder ein Antisemit, noch ein Rassist, noch ein Nazi", verlautbarte er in einem offiziellen Statement am Mittwoch. Warum diese prompte, unmissverständliche Stellungnahme der Festivalleitung nicht genügte, ist unverständlich.

Zur Erinnerung: Am Tag vor der Premiere von "Melancholia" wurde in Cannes der neue Film mit Mel Gibson, "The Beaver", gezeigt. Gibson wurde 2006 wegen eines Verkehrsdelikts verhaftet und beschimpfte daraufhin im Alkoholrausch den jüdischen Polizisten, der ihn festnahm, mit den Worten: "Verdammte Juden, die Juden sind für alle Kriege in der Welt verantwortlich." Auch Gibson musste sich entschuldigen und litt lange unter den Folgen für seine Karriere - bis Cannes "The Beaver" ins Wettbewerbsprogramm hob.

Auf der einen Seite rehabilitieren, auf der anderen Seite verbannen - rückgratloser geht es kaum. In Gibsons Filmen finden sich zumindest Ansatzpunkte für eine Diskussion über antisemitische Tendenzen. Sein archaischer Film "Die Passion Christi" stand zum Beispiel wegen seiner als verzerrend wahrgenommenen Darstellung von Juden in der Kritik. Bei von Trier sucht man solche Ansatzpunkte vergeblich.

Wie sehr im aktuellen Streit um von Trier die Maßstäbe verrutscht sind, zeigt noch ein anderer Vergleich: Von Trier hat während einer Pressekonferenz von Mitgefühl für den Menschen Hitler geschwafelt und gesagt, er könne ihn sich in seinem Bunker ganz am Ende vorstellen. Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel haben nicht über Hitler als Menschen geschwafelt, sondern daraus einen Film gemacht und Hitler über 150 Minuten hinweg in seinem Bunker ganz am Ende gezeigt: "Der Untergang" heißt der Film und war 2005 sogar einer Oscar-Nominierung würdig.

Was von dem Skandal bleiben wird? Wahrscheinlich weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Von Trier hat den Rauswurf umstandslos akzeptiert und seine Äußerungen selbst noch einmal als "total schwachsinnig" bezeichnet. Die Leitung des dänische Filminstituts hat bereits angekündigt, dass von Trier bei künftigen Anträgen auf Projekthilfe keine Nachteile entstehen würden. Und die Festivalleitung hat betont, der Rauswurf gelte nur für die Person von Trier, wohl nur für dieses Jahr und nicht für seinen Film. Die dümmste, sinnentleerte Inszenierung 2011 in Cannes - sie geht eindeutig aufs Konto der Filmfestspiele selbst.

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