Cannes-Tagebuch (1) Glamour für alle!

Nicht nur Woody Allen wurde bei seiner Premiere in Cannes von Panikattacken geplagt: Die Freude am Glitzerfest an der Croisette wird durch diverse Ängste getrübt. Man fürchtet sich vor Terroranschlägen, jüdischen Boykotten, murrenden Zaungästen - und wird dann auch noch im Kino mit trostlosen Altherrenwitzen konfrontiert. Alles super? Noch nicht ganz.


Cannes-Gast Allen (mit Darstellerinnen Debra Messing und Tiffani-Amber Thiessen): Notorisch labile Seelenverfassung
DPA

Cannes-Gast Allen (mit Darstellerinnen Debra Messing und Tiffani-Amber Thiessen): Notorisch labile Seelenverfassung

"Supercannes" heißt eine noble Siedlung in den Hügeln über der Stadt der Filmfestspiele, und einigermaßen super hat drunten am Meeresstrand auch die diesjährige Kinoshow begonnen: Noch ein bisschen verkniffener als sonst schaute Woody Allen drein, als er am Mittwochabend an der Seite seiner Gattin Soon-Yi die mit einem roten Teppich bedeckten Stufen zum Festivalpalast hochstapfte. Seinen neuen Film "Hollywood Ending", der zum Auftakt der Filmfestspiele außerhalb der Konkurrenz um die Goldene Palme lief, mochte er sich dann selber doch nicht ansehen.

Sonst aber lief am Eröffnungsabend, den die schöne französische Schauspielerin Virginie Ledoyen moderierte, so weit alles glatt. Woody Allen, der zum ersten Mal in Cannes ist, machte einen seiner üblichen Scherze, um seine notorisch labile Seelenverfassung zu schildern: Er fürchte, jeden Moment mit einer Panikattacke zusammenzubrechen. Das Besondere in diesem Fall aber war: Er ist nicht der Einzige, der hier von üblen Ängsten geplagt wird.

Ganz so super ist die Stimmung nicht...

Denn ganz so super ist die Stimmung in diesem Jahr in Cannes nicht. Gut, das Wetter ist schön, die Luft noch ein bisschen kühl, die Organisatoren des Festivals jedoch plagen sich mit ungewohnten Sorgen.

Sorge Nummer eins ist die Angst vor einem möglichen Terroranschlag, der vor allem auf die vielen amerikanischen Gäste des Festivals zielen könnte; und deshalb gibt es strengere Sicherheitskontrollen als je zuvor. Am Bahnhof von Cannes überprüfen Polizisten die Ankommenden, an den Eingängen des Festivalpalasts kontrollieren strenge Wachleute Taschen und Jacken der Besucher mit Metalldetektoren, in den großen Hotels wurde zusätzliches Wachpersonal angestellt. Das Akkreditierungsbüro für Presse- und Filmleute hat man sicherheitshalber gleich aus dem Palast in ein Gebäude am Hafen verlegt. Auch auf dem Wasser, wo am Mittwochnachmittag übrigens zwei riesige Kreuzfahrtschiffe dümpelten, sieht man mehr Polizeiboote als sonst.

Sorge Nummer zwei ist die politische Lage in Frankreich. Wegen mehrerer Anschläge auf jüdische Einrichtungen in den vergangenen Wochen und wegen des Erfolgs des Rechtspopulisten Le Pen im ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen hatten amerikanische Juden sogar in Hollywood-Branchenblättern wie "Variety" dazu aufgerufen, in diesem Jahr nicht nach Cannes zu fahren. Hilft es da, dass Woody Allen nun am Mittwoch sagte: "Ich denke nicht, dass ein Boykott ein richtiges Mittel ist"? Nach Meinung der Cannes-Veteranen, die hier zu allem sofort eine starke Meinung haben, wird der Andrang zum Festival in diesem Jahr tatsächlich geringer ausfallen - auch wegen der Terrorangst, versteht sich. Offizielle Zahlen aber gibt es noch nicht.

Das Glotzen macht nicht satt

Allen-Film "Hollywood Ending" (mit Sharon Stone): Das schiere Grauen
Dreamworks

Allen-Film "Hollywood Ending" (mit Sharon Stone): Das schiere Grauen

Sorge Nummer drei der Cannes-Macher aber ist die Unzufriedenheit der einheimischen und touristischen Zaungäste: Das allabendliche Glotzen auf das Star-Defilee vor dem Festivalpalast (das auch im lokalen Fernsehkanal übertragen wird) macht nämlich nicht satt; das Gedränge auf der Croisette, dem Strandboulevard von Cannes, hat mit echtem Kino-Glamour auch wenig zu tun. Deshalb häuften sich in den vergangenen Jahren nicht nur die Beschwerden, sondern auch die Rangeleien und Schlägereien, die von meist sehr jungen Leuten aus den Vorstädten von Cannes und Nizza angezettelt wurden. Nun soll es ein bisschen mehr Glamour für alle geben: Von Donnerstagabend an werden auf einem kleinen öffentlichen Strand unweit des Festivalpalasts alte und neuere Kinofilme in Freiluft-Vorführungen gezeigt - dazu, gleich die Festivalfilme zu zeigen, fehlt es offenbar am Einverständnis aller Beteiligten. Ob sich so das Rumoren gerade unter den jungen Rabauken abstellen lässt?

Jetzt aber noch kurz ins Kino, zu Woody Allens Eröffnungsfilm. Manche Vorab-Kritiken, auch die im SPIEGEL, ließen ja hoffen, dass "Hollywood Ending" eine wirklich gelungene Hommage an die US-Filmindustrie und an Cannes ist. Die Story klingt ganz lustig: Verkanntes amerikanisches Filmemachergenie kriegt eine große allerletzte Chance, erblindet bei den Dreharbeiten vor lauter Angst vor dem Scheitern, sein Werk wird in aller Welt verrissen und nur in Cannes gefeiert. Man plumpst also voller gut gelaunter Erwartung in den Kinositz - und erlebt das schiere Grauen: Fast zwei Stunden schleppt sich der Regisseur und Hauptdarsteller Allen mit oberlahmen, oberlangsam hingestotterten Witzen über die Runden; mit seinen tollen Darstellern kann er ganz offensichtlich rein gar nichts anfangen. Der ganze Film ist ein müder, trostloser Altherrenwitz. Als Auftakt für ein Wettbewerbsprogramm, in dem dieses Jahr sehr viele alte Kino-Männer ihre neuen Werke zeigen dürften, kann man das natürlich durchaus passend finden.

Andererseits ist solche Miesepeterei zu Beginn eines Festivals natürlich absoluter Quatsch. Noch gilt die Losung: Cannes 2002 wird super werden!



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