Cannes-Tagebuch (4) Das Kino als Geisterbahn

Wer zu oft ins Kino geht, wird paranoid. Bei den Filmfestspielen in Cannes scheint zwar wieder die Sonne - doch in den dunklen Vorführsälen erzählen die Regisseure von trüben Machenschaften und undurchsichtigen Verschwörungen.


Jury-Obmann Lynch
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Jury-Obmann Lynch

Cannes - Das Feiertagswochenende sorgt in Cannes für einen Riesenandrang von promenierenden Touristen, auf der Croisette herrscht ein trügerischer Frieden. Denn hinter den Wänden der Kinos bricht jäh das Verhängnis ein - worüber sich im Festivaljahr 2002, in dem bekanntlich der große Kino-Dunkelmann David Lynch Jury-Vorsitzender im Wettbewerb ist, eigentlich niemand zu wundern braucht.

Wie eine kuriose Hommage an Lynch-Filme wie "Lost Highway" und an Lynchs Kollegen David Cronenberg wirkt der französische Wettbewerbsbeitrag "Demonlover" von Olivier Assayas. Der ehemalige Filmkritiker Assayas, 47, wollte den Amis offenbar zeigen, dass auch Franzosen die Kunst der psychotischen Verwirrung beherrschen - und schickt die wunderschöne Connie Nielsen

Connie Nielsen
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Connie Nielsen

als Big-Business-Amazone durch eine kalte Hightech-Welt aus polierten Oberflächen und tiefgefrorenen Gefühlen. Nielsen ist eine Doppelagentin in einem Millionenspiel um japanische Sexcomics, und schaltet gleich zu Beginn eine Konkurrentin aus, indem sie ihr im Flugzeug ein Betäubungsmittel ins Mineralwasser spritzt.

"Demonlover" beginnt wie ein grandios durchgestylter Thriller - und verwandelt sich mehr und mehr in eine lächerlich logikferne und matt surrealistische Geisterbahnfahrt. Angesichts völlig unvermittelter Handlungssprünge und ebenso hübscher wie sinnleerer Bilder ist es dem Zuschauer bald völlig egal, wer nun auf welcher Seite kämpft, ob die schöne Heldin selbst nur einem Sado-Maso-Comic entsprungen ist und was der Regisseur um Himmels willen mit seinem Film eigentlich sonst so sagen will. Am Ende der Pressevorführung jedenfalls gab's, was in Cannes eher selten vorkommt, jede Menge Buhs für Assayas' superehrgeiziges, superkonfuses Zwei-Stunden-Werk.

Jubel für Kritikerliebling Anderson

Regelrecht bejubelt von den Pressemenschen wurde dagegen der neue Film des US-Regisseurs Paul Thomas Anderson, der spätestens seit "Magnolia" ein Kritikerliebling ist und immer noch erst 31 Jahre alt. In "Punch-drunk Love" lässt er gleichfalls sehr seltsame, beunruhigende Dinge im Leben eines schwer gehemmten jungen Mannes (Adam Sandler) passieren. Erst sieht der Kerl eines Morgens vor der Garagenfirma, in der er arbeitet, wie sich ein Auto völlig grundlos überschlägt, dann wird aus einer anderen Karre plötzlich ein altes Harmonium-Piano auf die Straße gestellt. Am Abend des gleichen Tages probiert der (wie man bald erfährt) von sage und schreibe sieben Schwestern bemutterte Klemmi eine Telefonsexnummer aus - und wird ziemlich bald erpresst, verprügelt und ausgeraubt von Typen, die durch das Sex-Telefonat an seine Adresse gekommen sind.

Doch anders als Assayas erzählt Anderson bei aller Beschwörung des Unheimlichen eine gerade, simple Geschichte, die - wie der Titel schon andeutet - im Kern eine Lovestory ist: Ein von Emily Watson gespieltes Mauerblümchen erobert das Herz des Helden, das Harmonium erweist sich als Glücksbringer. "Punch-drunk Love" (der Ausdruck punch-drunk kommt aus der Boxersprache und heißt so viel wie groggy) ist ein skurriler, herzerwärmender Film, der nur aus einem Grund einen faden Nachgeschmack hinterlässt: Zwischendurch fühlt man sich bei Anderson immer wieder wie in Hollywoods nervtötendem Mainstream-Behindertenkino - man sieht einem Mann, der offenbar schwer einen an der Waffel hat, dabei zu, wie er durchs Leben und ins Glück stolpert, und denkt sich ein ums andere Mal: Jaja, tolle Schauspielerarbeit, aber könntest du dich vielleicht ein bisschen weniger blöd stellen?

Mit Unheimlich-Abgedrehtem versuchen es auch zwei deutsche Regisseure in den Nebenreihen - wobei Werner Schroeter als Regisseur des in der "Quinzaine" gezeigten französischen Films "Deux" (Zwei) hier glatt selber als Franzose durchgeht. Hauptdarstellerin in "Deux" ist Isabelle Huppert, mit ihr hat der Regisseur vor Jahren auch Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" verfilmt. Hier hüpft Huppert in einer Doppelrolle durch einen leider völlig beliebigen Bilderbogen von Schroeter-Obsessionen: Man sieht gleichgeschlechtliche Liebe und von einem poetischen Mörder hingemeuchelte Frauen, man hört Opernarien und altmodische Schlager - doch das Kitschpostkarten-Puzzle passt beim besten Willen nicht zusammen.

Wim Wenders
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Wim Wenders

Sehr nett ist dagegen, was Wim Wenders zu dem Gruppenwerk "Ten Minutes Older" eingefallen ist, zu dem noch eine Handvoll weiterer Regisseure wie Aki Kaurismäki, Spike Lee und Werner Herzog je zehn Minuten lange Beiträge lieferten. Das ganze Projekt - jeder Filmemacher sollte irgendwas zum Thema Zeit festhalten -erweist sich leider als läppischer Klimbim, Wenders Kurzfilm "Twelve Miles To Trona" aber ragt aus dem Sammelsurium heraus: Ein einsamer Autofahrer im kalifornischen Nirgendwo leidet unter Sehstörungen,w eil er miese Drogen erwischt hat und sucht verzweifelt ein Krankenhaus. Diese Paniksituation zeigt Wenders so packend lakonisch, dass man sich unwillkürlich nach einem Wenders-Film sehnt, in dem diese Szene nur der Auftakt ist.

Vielleicht sollte man die Filme von Assayas, Anderson, Schroeter und Wenders einfach nicht nacheinander ansehen - jedenfalls lassen sie den Festivalbesucher selber leicht panisch und groggy in die klare Luft von Cannes hinauswanken: Gibt es auch hier Dämonen, die hinter den Häuserecken lauern, wird gleich ein Auto sich überschlagen, könnte plötzlich der Blick verschwimmen? Was tun gegen die Kino-Paranoia? Ein Sprung ins kalte Meer sollte helfen. Also ab an den Strand.



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