Cannes-Tagebuch Froh dank Libido

An der Erderwärmung erhitzen sich die Gemüter, an Al Gores Film "An Inconvenient Truth" zum Thema nicht unbedingt. Heiß her geht es dafür in "Shortbus": Sex als befreiende Praxis - ein filmreifes Vergnügen.

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Krawall machen gehört zum Geschäft hier in Cannes. Aus den Strandclubs und Restaurants entlang der Croisette wummern am lauen Abend die Beats, um die Partystimmung anzuheizen; rund um den roten Teppich vor dem Festivalpalast feiert das Publikum mit viel Geschrei und Applaus die Ankunft schöner Frauen wie Beyoncé Knowles, um die sich die Fotografen am Samstag eine besonders hitzige Schubs-Schlacht lieferten. Und von den Filmplakaten und Programmheftcovern brüllen einen die Superlative an: "Mit Abstand der beängstigendste Film, den Sie jemals sehen werden", heißt es zum Beispiel in der Werbung für den Film "An Inconvenient Truth" von Davis Guggenheim.

Tatsächlich zeigt Guggenheims Werk erschreckende Dinge. Einstürzende Gletscherwände, tropische Stürme, das überschwemmte New Orleans, aufgequollene Wasserleichen. "An Inconvenient Truth", der in Cannes außerhalb des Wettbewerbs läuft, ist ein Film über die Gefahren der Erderwärmung. Der Hauptdarsteller des Films heißt Al Gore. Eineinhalb Stunden lang erklärt der Politiker, der nur wegen ein paar läppischer fehlender Stimmen aus Florida nicht Präsident der USA geworden ist, wie ungeheuer die Gefahren des Klimawandels sind, was die Wissenschaftler sagen, warum Politiker und Bürger endlich handeln müssen.

Meistens steht Gore auf Vortragspodien herum, manchmal erzählt er von seinem Leben als kleiner Bub oder von den Schicksalsschlägen seines Lebens (dem schlimmen Unfall seines Sohns etwa). Das ist durchaus bewegend. Vor all den Katastrophenbildern und Schautafeln erweist sich Gore als strenger, freundlicher, nur manchmal etwas pathetischer Lehrer.

Öko-Grusel auf Flugblattniveau

Aber kriegt man hier wirklich Angst? Guggenheims Dokumentation ist wegen der vielen Kohlenstoffdioxid- und Temperatur-Diagramme ganz sicher der kurvenreichste Film dieses Festivals, aber er erzählt zumindest für jeden, der schon mal ein Greenpeace-Flugblatt in der Hand gehalten hat, nichts niederschmetternd Neues. Nein, den beängstigendsten, gruseligsten, erschütterndsten Film dieses Festivals müssen wir woanders suchen.

Ein heißer Kandidat ist zum Beispiel "Southland Tales", der Wettbewerbsbeitrag des 1975 geborenen Amerikaners Richard Kelly. In seinem zweiten Film nach "Donnie Darko" von 2001 beginnt Kelly, den manche als phantasiebegabtes Wunderkind verehren, gleich mal mit dem Weltuntergang. Eine Atombombe verwüstet Texas. Dann schwenkt "Southland Tales" ins Los Angeles des Jahres 2008 und lässt lauter Science-Fiction-Freaks aus Venice Beach und Santa Monica auftreten.

Während der Wrestler und spät berufene Kinoheld Dwayne Johnson seine Muskelpakete zeigt und Sarah Michelle Gellar, eine Pornoqueen mit höheren Ambitionen, hinstöckelt, nervt uns der Film Informationen über flüssiges Karma, böse Terroristen und Teenagergeilheit. Sehr bizarre und meist eher eklig aufgeputzte Menschen, wie man sie in Venice Beach nun mal antrifft, hampeln zweieinhalb Stunden zu einer Null-Handlung wahlweise durch cooles Raumschiff-Ambiente und hässliches Tattoo-Shop-Gerümpel, sie ballern mit Revolvern und Injektions-Pistolen, und dauernd fragt man sich, wie bescheuert die Droge nur sein kann, die einen solche Filme machen und dann auch noch gut finden lässt.

"Southland Tales" ist das Desaster eines Films, der dauernd komisch und cool sein wird (Justin Timberlake spielt übrigens einen Soldaten mit total vernarbtem Gesicht), dabei aber nur entsetzlich auf den Nerven seiner Zuschauer herumtrampelt. Doch das vielleicht Erschreckendste an diesem Trash-Klamauk ist, dass sich die Organisatoren in Cannes nicht zu blöd sind, ihn im Wettbewerb zu zeigen. Na ja, es hat halt mal wieder eine französische Firma mitfinanziert.

Unwiederbringlich

Nun aber zu den Schrecken der Liebe. Im türkischen Wettwerbsfilm "Iklimler" ist der 46-jährige Regisseur Nuri Bilge Ceylan auch der Hauptdarsteller. Er spielt einen Lehrer aus Istanbul, der mit seiner um einige Jahre jüngeren Freundin (Ebru Ceylan) einen Sommerausflug ans Meer macht. Den feuchten Augen und dem sehr ausgiebig präsentierten Schmollmund der Frau merkt man in diesem wortkargen Film schnell an, dass sich die beiden auseinandergelebt haben. "Iklimler" zeigt die Trennung der beiden. Sie sitzen im Sand und reden, wenig später chauffiert der Mann die Frau auf dem Moped und sie hält ihm plötzlich die Augen zu. Mann, Frau und Moped landen im Straßendreck. Dann reist die Frau allein im Bus zurück nach Istanbul.

Der Regisseur Ceylan hat sich schon mit seinem letzten Film "Uzak" einen Preis als strebsamster Antonioni-Schüler weit und breit verdient, hier nun erzählt er in prächtigen langen Einstellungen und mit elegischer Wucht vom Freiheitsdrang und der späten Reue des Mannes. Man sieht dem Helden beim ungelenken Sex mit einer Geliebten zu, die er offenbar schon länger hatte; dann ist es Winter und er fährt in den Osten der Türkei, um seine verstoßene Freundin zu suchen. Manchmal nervt dieser Film, weil er es gar so sehr auf Kunst abgesehen hat, aber wenn die beiden dann mitten im anatolischen Schneetreiben in einem Kleinbus nebeneinander sitzen und sich die Augen der Frau röten, während er von einem gemeinsamen Kind und einem zukünftigen Leben redet, dann beweist der Regisseur sein Talent für große, ergreifende Momente. In der Liebe kann man die Zeit nicht zurückdrehen – das ist die grausame Lehre dieses Films.

Hirnbefreiung, Triebentladung

Zum Schluss noch zu einer wirklich beängstigende Angelegenheit: Reden wir von purem, hemmungslosem, fröhlichem Sex. "Shortbus" heißt der Film des 1963 geborenen Amerikaners John Cameron Mitchell, der hier im offiziellen Programm außerhalb des Wettbewerbs läuft. Es ist der Film, über den am ersten Cannes-Wochenende fast alle reden. Weil er ein gutgelauntes, amüsantes, nur manchmal ein bisschen naives Plädoyer für die sexuelle Selbstverwirklichung ist, in dem es gleich am Anfang wild und kurios zur Sache geht.

Die Kamera schwebt über ein buntes Comic-Modell von New York in verschiedene Wohnungen; man guckt einem Paar dabei zu, wie es sich in lustigen Verrenkungen durch einen Art Hochleistungs-Kamasutra vögelt; eine Domina quält in einem Appartement mit Blick auf Ground Zero einen reichen jungen Schnösel; und ein junger Schwuler besorgt es sich selbst, indem er sich so lange verbiegt, bis er seinen Penis in den eigenen Mund befördert hat. Unfassbar – was ist denn hier los?

Ohne jede Scheu vor pornografischen Bildern kreuzt der Regisseur Mitchell durch eine Welt, in der junge Menschen ohne große Verklemmungen nach sexuellem Spaß suchen. "Shortbus" ist kein Hippie-Pamphlet und keine Exkursion ins Notstandsgebiet sexueller Bizarrerien, wie ihn das deutsche Müll-TV jeden Tag bietet. Es handelt sich eher um einen heiteren Zustandsbericht, der sich allerlei Frechheiten herausnimmt. Statt von Angst, Seelennot oder Aids erzählt die eher lockere Handlung (eine leider in dieser Hinsicht unterversorgte Sexualtherapeutin möchte endlich auch mal einen Orgasmus haben) nur von den Freuden der Liebe.

Im Club "Shortbus", von dem der Film seinen Titel hat, schildert Mitchell die Utopie einer völlig angstfreien Sexualökonomie, in der jeder Mensch tun und lassen kann, was er will. Mann kann das belächeln, wie die Sexualität hier aller Schrecken entkleidet und sozusagen mit großem Stauneblick entdämonisiert und verklärt wird. Mitchells Film aber scheint es ganz ernst zu meinen: Befrei deine Triebe, dein Hirn wird folgen!



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