Cannes-Tagebuch Qualmende Waffen, rauchende Elfen

Gewalt und Liebe regieren die Welt - und die Filmfestspiele in Cannes. Während im Kino Kriege verarbeitet werden, streifen anderswo die Schönen durch städtische Kulissen.

Von


Regisseur Tanovic: Wer die Waffe hat, schreibt Geschichte
AP

Regisseur Tanovic: Wer die Waffe hat, schreibt Geschichte

Schützengraben-Klamotte

Hauptsache Ambition: Im Wettbewerb, so scheint es, zählt der Wille der Regisseure schon fürs Werk. Der bosnische Regisseur Danis Tanovic zum Beispiel will mit seinem Film "Niemandsland", der mit viel europäischem Geld gedreht ist, irgendwie das Trauma der Kriege in Ex-Jugoslawien verarbeiten.

Es geht um einen serbischen und zwei bosnische Krieger, die in einem Schützengraben im Niemandsland zwischen den Fronten gelandet sind. Meistens versuchen sie sich mit Gewehr, Messer und einer Mine gegenseitig umzubringen, zwischendurch aber gewinnen die Angst und der Überlebenswille die Oberhand: Sie rufen die UN-Truppen um Hilfe, um heil aus ihrer verfahrenen Lage herauszukommen.

Das Ganze wirkt lange Zeit wie eine etwas platte, aber hübsch zynische Klamotte über die Sinnlosigkeit des Tötens und die Trotteligkeit der internationalen Hilfstruppen (und der internationalen Journaille), am Ende aber steht eine Propaganda-Lektion des Regisseurs über die Kriegsschuld der Serben. Kann schon sein, dass der Mann in der Sache Recht hat, im Film aber demontiert die eindeutige Schuldzuweisung den bösen Witz der besten vorangegangenen Szenen.

Da zwingt zum Beispiel erst ein Bosnier den serbischen Gegner mit vorgehaltener Waffe zuzugeben, dass seine Leute den Krieg angefangen haben; zwei Minuten später hat der andere die Knarre und der Bosnier muß das gleiche von seinen Leuten behaupten. Merke: Wer die Waffe in der Hand hat, der schreibt die Geschichte.

Kate Moss im Abendwind

Französischer Chic: Cannes-Besucherin Moss
REUTERS

Französischer Chic: Cannes-Besucherin Moss

Nicht alle schönen und berühmten Frauen, die hier in Cannes sind, haben im eigentlichen Sinn mit dem Festival zu tun. Was macht zum Beispiel Kate Moss abends um zehn auf der Croisette? Sie wirkt ein bisschen verloren und steht, mit riesigen Ohrringen behängt, am Eingang zum Strand-Restaurant des Hotels Majestic. Mit zwei im Vergleich zu ihr riesenhaft wirkenden Model-Freundinnen berät sie sich, ob man schon hineingehen soll zu der Party, die im Lokal angesetzt ist. Offenbar ist es zu früh, und das Trio bleibt erst mal im kühlen Nachtwind vor der Tür.

Die kurzen Haare verleihen Kate Moss übrigens nicht bloß einen sehr französischen Chic, sie schützen sie auch vor neugierigen Blicken: Hunderte von Leuten flanieren an ihr vorbei, mustern sie kurz und scheinen sie nicht zu erkennen.

Liv Tyler spricht die Sprache der Elfen

Der erste Teil des Megaprojekts "Der Herr der Ringe" läuft zwar erst im Dezember fast zeitgleich in den Kinos der Welt an, und im Festivalprogramm sucht man vergeblich auf irgendeinen Hinweis, trotzdem ist die Tolkien-Verfilmung eines der wichtigsten Gesprächsthemen an der Croisette. 270 Millionen Dollar haben die drei Filme gekostet (Teil zwei und drei sollen jeweils im Jahresabstand in die Kinos kommen), die der neuseeländische Regisseur Peter Jackson in seiner Heimat in fast anderthalbjähriger Drehzeit fertiggestellt hat.

Schauspielerin Tyler: Eindrucksvoller Strahleblick
REUTERS

Schauspielerin Tyler: Eindrucksvoller Strahleblick

Die Produzenten nutzen nun den Journalistenauftrieb in Cannes, zeigen ein paar hundert Presseleuten aus aller Welt einen 25-Minuten-Ausschnitt aus dem Werk und laden auf ein Schloss in den Hügeln bei Mougins zu einem Interview-Spektakel. Per Bus wird die Journalistenmeute angekarrt, der Schlossgarten ist mit Hobbit-Hütte und allerlei anderen Filmkulissen dekoriert, und die Schauspieler wandern von Tisch zu Tisch, um jeweils einem Dutzend Fragestellern von ihren Erlebnissen zu erzählen.

Christopher Lee (er spielt den bösen Saruman) sagt, er habe kein Problem damit, die nächsten 27 Jahre lang als Tolkien-Bösewicht zu gelten, schließlich sei er seit 27 Jahren Dracula, obwohl er hundert andere Rollen gespielt habe. Bis auf Cate Blanchett sind alle anderen wichtigen Mitspieler da, die Journalisten aber interessieren sich vor allem für Liv Tyler.

Die spielt im Film die Elfe Arwen, läuft hier barfuß durchs Gras und gibt mit sehr eindrucksvollem Strahleblick viele Freundlichkeiten zum besten. Der Regisseur sei zauberhaft, sagt sie, manchmal habe sie in Neuseeland Heimweh gehabt und Tolkiens Bücher finde sie zwar toll, habe sie aber nicht ganz gelesen. Dann spricht sie ein paar Sätze in der Sprache der Elfen, was natürlich alle Zuhörer begeistert. Sie ist sehr blass, scheint ein bisschen zu frieren unter dem wolkenbedeckten Himmel, weshalb sie eine beige Kaschmirdecke um die Schultern trägt. Bald steckt sich die Haare zu einem niedlichen Dutt hoch und kramt eine American-Spirit-Zigarettenschachtel hervor, Eine Elfe, die raucht.

Und der Film? Natürlich hat Jackson Tolkiens Abenteuer in überwältigendes, unglaublich aufwändiges Unterhaltungskino verwandelt: Der ganze Clip ist ein einziger Rausch aus brillanten Kampfszenen, ein einziges Schwelgen in schönen Farben und gigantomanischen Kulissen, und die Zwergenhelden wirken darin wie verwegene Samurais aus dem Lande Lilliput. Keine Ahnung, ob dieses Werk wirklich, wie alle glauben, die Erfolge von "Titanic" und "Star Wars" übertrumpfen wird.

Regisseur Jackson jedenfalls sagt mit sympathischem Selbstbewusstsein: "Wir müssen keine Konkurrenz fürchten, nicht mal die des Harry-Potter-Films." Der nämlich soll weltweit rund einen Monat vor dem ersten Teil von "Der Herr der Ringe" anlaufen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.