Cannes-Tagebuch Star oder Stimmvieh?

Bei Sommerwetter an der Côte d'Azur sorgt der amüsante Animationsfilm "Shrek 2" für strahlende Gesichter, während der Regisseur Emir Kusturica in seinem Wettbewerbsbeitrag "Zivot Je Cudo" angestrengt Fröhlichkeit verbreitet.

Aus Cannes berichtet


Shrek winkt hinter den Schauspielern Mike Myers (li.) und Cameron Diaz. Rechts Regisseur Andrew Adamson
REUTERS

Shrek winkt hinter den Schauspielern Mike Myers (li.) und Cameron Diaz. Rechts Regisseur Andrew Adamson

Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten zurück auf die Erde. So hieß 1978 der großartige Werbeslogan zu dem Zombiefilm-Klassiker "Dawn of the Dead", dessen Remake im Wettbewerb von Cannes außer Konkurrenz läuft. Wenn auf der Leinwand kein Platz mehr ist, so der überraschende Befund des diesjährigen Festivals, kehren die Stars zurück in das Leben. Auf der Croisette treten sie sich derzeit auf die Füße wie selten zuvor, während man in den hier gezeigten Filmen vergeblich nach ihnen Ausschau hält.

Will Smith, Angelina Jolie oder auch Eddie Murphy beehren die Stadt, weil sie den Figuren in den Animationsfilmen "Shark's Tale" und "Shrek 2" ihre Stimmen leihen. Da gewinnt Hitchcocks Bonmot, Stars seien Viehzeug, eine ganz neue Bedeutung: Eddie Murphy zum Beispiel spricht in "Shrek 2" einen Esel. Zwischendurch wird aus ihm in diesem im Film zwar für kurze Zeit mal ein Hengst, und als solcher sieht sich natürlich jeder Mann gern. Aber der Trend ist nicht von der Hand zu weisen: In Cannes wird der Star in diesem Jahr zum Stimmvieh.

Doch Esel hin, Hengst her: Am heutigen Sonntag setzte sich "Shrek 2" (Regie: Adam Adamson, Kelly Ashbury und Conrad Vernon) wie der Galopper des Jahres an die Spitze des Wettbewerbs-Feldes. Überbordend vor Phantasie, bezaubernd liebevoll in der Figurenzeichnung, temporeich, beschwingt und auf höchstem Niveau unterhaltend riss der Film sogar die notorisch verhaltene Journaille zu Beifallsstürmen hin.

Angelina Jolie auf Plastikhai: Promotion für "Shrek 2"
REUTERS

Angelina Jolie auf Plastikhai: Promotion für "Shrek 2"

Auch die Bedenkenträger, die es für ein Sakrileg hielten, die Fortsetzung eines US-Blockbusters in den Wettbewerb aufzunehmen, müssen zugeben, dass "Shrek 2" seine Zuschauer mit außerordentlichem Einfallsreichtum beschenkt. Und in dem animierten Esel, dem Eddie Murphy aus der Seele spricht, steckt weit mehr Leben als in dem echten Esel, den Emir Kusturica in seinem neuen Film "Zivot Je Cudo" immer wieder unerwartet aus dem Nichts auftauchen lässt. Asinus ex machina - dann doch lieber aus dem Computer.

"Zivot Je Cudo" spielt 1992 in Bosnien und erzählt eine Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen den Fronten. Der Serbe Luka (Slavko Stimac), der eine Eisenbahnlinie baut, verliebt sich in die Muslimin Sabaha (Natasa Solak), die durch einen Zufall in seine Gewalt geraten ist. Doch bevor sich Kusturica auf seine zwei Hauptfiguren konzentriert, wirft er den Zuschauer mitten ins Getümmel seines völlig unübersichtlichen Personals und entfesselt eine Pseudo-Fröhlichkeit, die für den Zuschauer rasch zur Tortur gerät.

Wenn Kusturica auf einen jaulenden Hund und eine miauende Katze schneidet, die vor dem Bett sitzen, in dem sich die Helden gerade liebkosen, möchte man vor Scham den Blick von der Leinwand abwenden. Und wenn ein Soldat eine Panzerfaust falsch herum hält, bevor er sie abfeuert, hört man nur den Nachhall zahlreicher anderer schlechter Filme, in denen dieser Gag bereits verballert wurde. Froh zu sein bedarf es wenig - aber ein bisschen mehr darf's schon sein.

Croisette, Cannes: Kampf um die besten Plätze
AFP

Croisette, Cannes: Kampf um die besten Plätze

Wenn man sich in diesem Jahr zum abendlichen Drink auf einer jener Jachten einfindet, die traditionell von verschiedenen Film- und Fernsehfirmen im Hafen von Cannes gemietet wurden, spürt man bisher nicht mal den Hauch von Seegang. Den meisten gefällt das. Für Menschen, die lieber auf schwankendem Boden stehen, hat Jonathan Nossiter seinen Dokumentarfilm "Mondovino" gemacht.

Über zweieinhalb Stunden lang attackiert der Regisseur mit einer hypernervös wackelnden Kamera das Gleichgewichtsempfinden seiner Zuschauer. Zwar geht es in diesem Film um dubiose bis sinistre Machenschaften im internationalen Weingeschäft, denen man nur zu gerne auf die Spur käme, aber an Alkohol wagt man mit rebellierendem Magen gar nicht zu denken. Bei der Entscheidung, diesen Film in den Wettbewerb zu nehmen, dürfte wohl auch das eine oder andere Gläschen geflossen sein.

Auf den Magen schlug einigen Zuschauern des südkoreanischen Films "Old Boy" eine Szene, in dem einem Mann ohne Betäubung ein paar Zähne gezogen werden. Mit bewundernswerter Konsequenz geht dieser Film stets dahin, wo es weh tut.

Doch der Regisseur Park Chan-wook, der schon mit mehreren Werken zum neuen Boom der Kinematografie seines Landes beigetragen hat, hat viel zu viel zu erzählen, um die Zeit damit zu verschwenden, sich an der Gewalt zu weiden. Packend rollt er die Geschichte eines Mannes auf (gespielt von Choi Min-sik), der nach 15 Jahren Einzelhaft aus einem Verschlag entlassen wird und herauszufinden versucht, warum er hinter Gitter kam und wer ihn eingesperrt hat.

Souverän und virtuos zieht Park Chan-wook den Zuschauer in eine wüste Liebe-, Hass- und Rachegeschichte hinein und zaubert dabei im Minutentakt brillante narrative und visuelle Einfälle aus dem Ärmel. Damit setzt das Genre-Kino, dessen Rückkehr in den Wettbewerb von den Organisatoren vollmundig angekündigt wurde, tatsächlich einen echten Glanzpunkt.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.