Drama von Regisseurin Nadine Labaki "Bist du glücklich, am Leben zu sein?"

Ein verzweifelter Zwölfjähriger verklagt seine Eltern, weil sie nicht für ihn sorgen können. Der Kinofilm "Capernaum" erzählt vom bedrückenden Kinderalltag im Libanon - und wird für den Oscar gehandelt.

Alamode

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"Mein Film ist eine Anklage gegen ein ganzes System, das Kinder an den Rand der Gesellschaft drängt", sagt Nadine Labaki über "Capernaum". "Wir tun so, als würden wir es nicht sehen, die Gewalt, die Misshandlungen, die Vernachlässigung. Indem wir das alles zulassen, begehen wir aber ein großes Verbrechen. "

Vier Jahre lang haben die libanesische Regisseurin und ihr Team in ihrem Heimatland, das durch den syrischen Bürgerkrieg betroffen ist, zur Lage der Jüngsten im Land recherchiert. Sie haben Kinder getroffen, die geschlagen, misshandelt und vergewaltigt wurden, die kriminell geworden und im Gefängnis gelandet waren. "Unsere letzte Frage an die Kinder", sagt Labaki, "war immer: Bist du glücklich hier zu sein, bist du glücklich am Leben zu sein? Die häufigste Antwort: Nein, ich weiß überhaupt nicht, warum ich hier bin, wenn mich doch niemand will."

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"Capernaum - Stadt der Hoffnung": Warum habt ihr mich geboren?

Aus dieser Antwort hat Labaki "Capernaum" entwickelt. In der Rahmenhandlung verklagt der zwölfjährige Zein seine Eltern, weil sie ihn in die Welt gesetzt haben, ohne für ihn sorgen zu können. In der Rolle der Anwältin, die den Jungen vor Gericht vertritt: Nadine Labaki, die erst Schauspielerin war, bevor sie auch Regie zu führen begann.

Die Grenzen zwischen politischem Engagement und künstlerischer Aufbereitung verschwimmen in "Capernaum" immer wieder. Passenderweise lässt sich der Titel, der dem Namen einer galiläischen Stadt aus der Bibel entlehnt ist, mit Schlamassel oder Durcheinander übersetzen. In erster Linie bezieht sich das jedoch auf das Leben von Zein (Zain Al Rafeeaa).

Mit seiner Familie einst aus Syrien geflüchtet, lebt der Junge nun unter größten Entbehrungen in Beirut. Als seine geliebte jüngere Schwester von den Eltern verheiratet wird, damit sie nicht mehr für sie sorgen müssen, hält ihn vor Wut nichts mehr bei der Familie. Er kommt in den Slums von Beirut unter, wo es ihm zufällt, sich um ein Kleinkind zu kümmern, dessen Mutter illegal im Libanon ist.

Verschmutzt, verhärmt und hungrig

Es ist schwer, vom Anblick zweier Kinder, die verschmutzt, verhärmt und hungrig sind, nicht bewegt zu sein. Diese Reaktion rechnet Labaki fest in ihren Bildern ein. "Capernaum" ist aber nicht nur Konzept, sondern auch Erfahrung. Denn in ihrem Wesen sind die Szenen zwischen dem zwölfjährigen Zein und dem anderthalbjährigen Yonas (Treasure Bankole) kaum zu beschreiben - schon wegen der Frage, ob man das, was ein Kleinkind auf der Leinwand macht, bereits als Schauspiel bezeichnen kann.

Aber auch wegen des Rapports, den der Debütant Al Rafeeaa (dessen Familie selbst aus Syrien in den Libanon floh) mit seinem buchstäblich sprachlosen Konterpart Bankole aufbaut. Zwischen den beiden herrscht eine Verständigung, die nicht inszeniert werden konnte, sondern gelebt werden musste, damit ein Zusammenspiel und letztlich eine Regie überhaupt möglich wurde.

Rund 500 Stunden Material hat Labaki für "Capernaum" gedreht, fast zwei Jahre dauerte der Schnitt. Doch weder die lange Produktion noch die seit Cannes andauernde Presse- und Preisverleihungstour - nach dem Jurypreis in Cannes hat Labaki bereits mehr als 20 Auszeichnungen erhalten, auch für den Auslands-Oscar dürfte der Film kommende Woche nominiert werden - haben Labaki ausgelaugt.

Zur Person
  • EPA/ EFE
    Nadine Labaki, geboren 1974 in Beirut, arbeitete nach ihrem Studium der Medienwissenschaften zunächst als Schauspielerin, bevor sie mit der romantischen Komödie "Caramel" 2007 ihr Regiedebüt gab. Nach "Wer weiß, wohin" (2011) ist "Capernaum" ihre dritte Regiearbeit, mit der sie erstmalig in den Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde. "Capernaum", den Labaki zusammen mit Jihad Hojeily und Michelle Keserwany geschrieben hat, war für den Golden Globe nominiert und steht als Oscar-Einreichung des Libanon auf der Shortlist für den besten fremdsprachigen Film.

"Das Gericht, vor das ich die Eltern im Film stelle, das sind wir alle", sagt sie mit unverbrauchter Vehemenz. "Wir glauben, wir könnten über die Eltern richten, weil es so einfach ist, sie moralisch zu verurteilen." Ihr selbst sei es während der Interviews mit den Kinder auch so gegangen: "Ich habe mit Kindern gesprochen, zwei, drei Jahre alt, die allein in der Wohnung waren und sich ihr Essen selber suchen mussten. Da habe ich mich auch gefragt, wo um Himmels Willen die Mutter ist."

Wütend habe sie dann auf die Rückkehr der Mutter gewartet, um sie ihr zu sagen, wie sie ihr Kind zu behandeln habe. "Nach zehn Minuten Gespräch habe ich jedoch schlagartig kapiert: Mein Verhalten ist anmaßend. Ich habe nie gehungert, meine Kinder haben nie gehungert. Was weiß ich wirklich über das Leben dieser Leute, wenn ich es nicht selber gelebt habe?"

So sei die Arbeit am Film zu einer emotionalen Achterbahnfahrt geworden, die eigentlich noch immer andauere: "Ständig ändert sich mein Eindruck, wer das eigentliche Opfer ist. Denn letztlich ist es das System, das versagt und Eltern allein lässt. Wenn die Behörden über 100 Dollar für eine Geburtsurkunde fordern, dann dürfen sie Familien, die sich das nicht leisten können, keinen Vorwurf machen."

Das Ziel: Gesetze zu ändern

Hauptdarsteller Al Rafeeaa ist mithilfe des UN-Flüchtlingswerks mittlerweile nach Norwegen übergesiedelt. "Er hat vor Kurzem zum ersten Mal eine Schule besucht, er lebt endlich wie ein normales Kind", sagt Labaki. "Aber es gibt noch so viel mehr zu tun. Vor allem müssen Präventionsprogramme ausgebaut werden. Ich habe schon Kinder getroffen, bei denen die Traumata so schwerwiegend waren, dass man kaum mehr etwas für sie tun konnte."

Für solche Initiativen will Labaki mit Sondervorführungen von "Capernaum" für Richter sowie Mitarbeiter des Justiz- und Sozialministeriums im Libanon werben. "Unser erklärtes Ziel ist es, Gesetze zu ändern." Dass dafür ein Film das geeignete Mittel ist, davon ist Labaki überzeugt: "Die Politik hat bislang komplett versagt, neue Lösungswege zu finden. Die einzige Möglichkeit, etwas zu verändern, ist über Kunst - über das Aufzeigen anderer Weisen, über eine Sache nachzudenken."

Im Video: Der Trailer zu "Capernaum - Stadt der Hoffnung"

Sollten Labaki und ihre Mistreiter erfolgreich sein und die Gesetze im Libanon sich ändern, dürfte das nicht das Ende ihres Engagements sein. "280 Millionen Kinder müssen weltweit Kinderarbeit verrichten", betont sie die globale Dimension des Problems. "Kinderarbeit heißt: Keine Bildung, keine Versorgung - so entsteht Wut. Was aber machen wir mit diesen Kindern, die mit Wut im Bauch aufwachsen? Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung in der Kindheit sind die Quelle allen Übels in der Welt."


"Capernaum - Stadt der Hoffnung" (Verleih: Alamode) startet am 17. Januar

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