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"Captain Marvel": Die nach den Sternen greift

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Marvels neue Superheldin Oh Captain! Meine Captain!

Galaktisch, gewitzt, gut: Oscar-Preisträgerin Brie Larson führt den ersten Superheldinnen-Film des Comic-Imperiums an. Als "Captain Marvel" kickboxt sie sich zu Grunge ins Herz des Publikums.

Jemandem zu sagen, sie oder er leuchte, ist ein schönes Kompliment. Und wohl niemand leuchtet so hell wie Brie Larson ("Room") als Carol Danvers, alias Captain Marvel.

Was nicht allein daran liegt, dass die Protagonistin des neuesten Eintrags im Marvel Cinematic Universe buchstäblich mit Energie geladen ist. Sondern vor allem an der symbolischen Strahlkraft einer Heldin, die zwischen Weltraum und Erde nach ihrer Identität sucht.

Die Sehnsucht nach der eigenen Bestimmung verbindet sie natürlich mit nahezu allen bekannten Comicfiguren. Doch was ihre von Ryan Fleck und Anna Boden ("Half Nelson") inszenierte Ursprungsgeschichte herausragend macht, ist die menschliche Nahbarkeit, mit der Captain Marvel nach den Sternen greift.

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"Captain Marvel": Die nach den Sternen greift

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Dabei führt der fulminante Auftakt Carol Danvers zunächst als Außerirdische ein: Soweit sie sich nach einem mysteriösen Gedächtnisverlust erinnern kann, ist sie Einheimische des Kree-Imperiums, wofür auch das blaue Blut in ihren Adern spricht. Unter dem Namen Vers wird sie von ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) zum Mitglied der Kampfeinheit Starforce ausgebildet, um für die Kree in den Krieg gegen die Skrull zu ziehen. Letztere sind Formwandler, die jede Gestalt annehmen und so unentdeckt andere Zivilisationen infiltrieren können.

Doch obschon sie sich als loyale Soldatin begreift, passt Vers nicht wirklich ins stramme Kree-Kollektiv. Zum einen verfügt sie über unerklärliche Begabungen, darunter die Fähigkeit, gleißende Energieblitze aus ihren Händen zu feuern. Zum anderen wird sie von wiederkehrenden Träumen geplagt, in denen sie Hinweise auf ihre vergessene Vergangenheit vermutet.

Die holt sie bei einer Konfrontation mit den Skrull und deren Anführer Talos (Ben Mendelsohn) ein. Denn im Zuge des Gefechts legt Vers eine kapitale Bruchlandung auf der Erde hin, wo man das Jahr 1995 schreibt. Vorbildlich wie einst E. T. telefoniert Vers sogleich mit einem durch reichlich Kabelgelöt aufgepimpten Münzfernsprecher nach Hause, doch noch vor den Kree treffen die Skrull auf dem technisch zurückgebliebenen Planeten ein.

Zunächst ungläubigen Beistand bekommt die gestrandete Kriegerin von Shield-Agent Nick Fury ( Samuel L. Jackson). Zum Teamwork gezwungen, versuchen Agent und Außerirdische, die Menschheit vor einem galaktischen Konflikt zu bewahren. Doch dafür müssen sie das Rätsel um Danvers'/Vers' Herkunft lösen.


"Captain Marvel"
USA 2019
Regie: Ryan Fleck, Anna Boden
Drehbuch: Meg LeFauve, Nicole Perlman, Geneva Robertson-Dworet
Darsteller: Brie Larson, Samuel L. Jackson, Jude Law, Ben Mendelsohn, Clark Gregg, Lashana Lynch, Annette Bening
Produktion: Marvel Studios
Verleih: Walt Disney Germany
Länge: 124 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 7. März 2019


Carol Danvers' langer Marsch durch die Comic-Institution Marvel begann Ende der Sechziger als chronisch unterforderte damsel in distress. Ihr Filmdebüt erspart der Figur solch bleierne Zeiten, vielmehr zerlegt sie von der ersten Szene an altbackene Rollenbilder. Das ist auch dringend geboten, denn Mansplaining ist offenkundig auch im All verbreitet.

Die irdische Neunziger-Kulisse bietet dabei Raum für gelungene Scherze über riesige Videotheken und langsame Computer, sowie für zahlreiche Reminiszenzen an Mode und Musik. Und es ist fraglos ein Vergnügen, wenn die überragende Brie Larson im zeitgemäßen Undercover-Look (komplett mit Nine Inch Nails-Shirt) kräftig austeilt, während dazu Hits von Elastica, Garbage oder Hole laufen.

Für den harten Kontrast zum Retro-Charme sorgt der Umstand, dass Samuel L. Jacksons Gesicht konsequent digital geliftet wurde, um seinen Nick Fury 25 Jahre jünger wirken zu lassen - wobei die Aussicht auf potenziell alterslose, gar unsterbliche Schauspieler eine eher beunruhigende Fußnote dieses ansonsten so optimistisch gestimmten Films ist.

Der nimmt sich zudem erstaunlich viel Zeit für entschleunigte Szenen, in denen insbesondere Carol Danvers an Profil gewinnt und gut getimter Dialogwitz seinen Platz findet. Zudem überrascht "Captain Marvel" mit mindestens einer seiner Handlungsvolten sowie mit einer humanitären Haltung, die sich nicht auf Erdbewohner beschränkt und fast schon als tagespolitischer Kommentar durchgeht.

Nicht zuletzt kann sich der Film des wohl denkwürdigsten Auftritts einer Katze im Weltraum seit Ellen Ripleys orangefarbenem Stubentiger in "Alien" rühmen. In diesem Zusammenhang ist es womöglich ein Indiz dafür, dass das Marvel-Universum in absehbarer Zeit seine maximale Ausdehnung erreicht hat, wenn essenzielle Bestandteile seiner Binnenmythologie hier selbstironisch mit einem unverdaulichen Gewölle gleichgesetzt werden.

Doch so lange diese Captain Marvel darin mitmischen darf, soll das MCU bitte noch eine Weile fortbestehen.