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Entführter Kapitän: Odyssee am Horn von Afrika

Foto: US Navy Photo/ AFP

Entführter US-Kapitän Phillips "Ich schloss mit meinem Leben ab"

Allein in den Händen von somalischen Piraten: Dieses Schicksal ereilte 2009 den US-Frachterkapitän Richard Phillips. Hollywood hat die Geschichte mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmt. Hier schildert der Seemann die dramatischen Stunden seiner Entführung.

Sich im Kino von jemand anderem dargestellt zu sehen, daran kann sich Richard Phillips nicht gewöhnen. Vor allem nicht, wenn es ein Megastar wie Tom Hanks ist. "Er hat diese Augen", staunt Phillips. "Du kannst ihm bis ins Gehirn gucken und die Furcht spüren."

Kapitän Phillips sitzt am Hotelfenster, draußen funkeln die Glastürme Manhattans. Er ist ein Hüne, der nicht in sein Sakko passt und erst recht nicht in diese Glitzerkulisse, die seiner eigenen Welt so fern ist. Weshalb er auch schnell wieder dorthin zurückkehren will - in sein Refugium in den Bergen Vermonts und dann aufs Meer, wo er sich am wohlsten fühlt.

Obwohl der 57-Jährige gerade dort, auf dem Meer, seine schlimmsten Momente erlebt hat: 2009 wurde Phillips als erster US-Seemann überhaupt von somalischen Piraten als Geisel entführt. Jetzt hat Thriller-Experte Paul Greengrass ("Die Bourne Verschwörung") die Odyssee des Neuengländers verfilmt; am Donnerstag kommt "Captain Phillips", mit Tom Hanks in der Hauptrolle, auch in die deutschen Kinos.

Für den echten Kapitän Phillips sind die Erinnerungen immer noch frisch. Doch er lässt sich nichts anmerken. "Die Geschichte eines Schiffers in Not", so distanziert umschreibt er Greengrass' Film, der sich auf seine Memoiren "A Captain's Duty" (Die Pflicht des Kapitäns) stützt. Und noch nüchterne Worte findet er für sein Verhalten, damals im April 2009: "Ich hab' nur meinen Job gemacht."

"Ein toller Tag für Piraten"

Und so fängt es auch an: mit dem Job. Als Kapitän der US-Handelsmarine steuert Phillips im April 2009 die "MV Maersk Alabama" ums Horn von Afrika, durch berüchtigte Piratengewässer. An Bord des dänischen Containerschiffs: 17.000 Tonnen Cargo und 20 Crewmitglieder. Eine Routinetour - bis am Horizont ein kleines Motorboot auftaucht.

Veteran Phillips, seit 1990 Kapitän, hat es geahnt. Somalia, eines der ärmsten, politisch instabilsten Länder der Welt, ist eine Piratenhochburg. Tags zuvor sind sie schon mal einem Angriff entwischt, aber nur dank des hohen Seegangs. Nun liegt das Meer wie ein Brett da. "Ein toller Tag für Piraten", sagt er beim Morgenkaffee zu seinem ersten Maat.

Machtlos sieht die unbewaffnete Mannschaft zu, wie die vier Somalis das Schiff entern und, AK-47s schwingend, die Brücke besetzen. "Ich verlor die Kontrolle", sagt Phillips. "Alles, was ich wollte, war sie loszuwerden und meine Crew zu schützen." Es ist laut, chaotisch, panisch: "Was du in den ersten fünf Minuten machst, bestimmt, wie das Ereignis ausgeht."

Schließlich wagt sich Phillips, um seine Männer zu retten, freiwillig als Geisel mit den Somalis ins Rettungsboot der "Alabama". Und verletzt damit seine persönliche Schifffahrtsregel Nr. 1: "Lass dich nicht von Piraten entführen."

"Klick, klick, klick"

In der winzigen Kapsel kommt es dann zu den dramatischsten Szenen. Vier Tage lang tuckern sie auf die 400 Kilometer entfernte Küste zu. Die Piraten hoffen, Phillips gegen Lösegeld austauschen zu können, aber Nerven und Stress lassen die Situation schnell eskalieren.

Die Hijacker fesseln Phillips so fest, dass er heute noch Narben hat. Sie verweigern ihm das Trinkwasser. Sie quälen ihn mit endlosen Scheinhinrichtungen. "Der junge Kerl mit den verrückten Charles-Manson-Augen, der lächelte nur", sagt Phillips und simuliert den Klang der - leeren - Waffe: "Klick, klick, klick."

Phillips bereitet sich auf den Tod vor. Verabschiedet sich in Gedanken von seiner Ehefrau Andrea, seinen Kindern Mariah und Dan. "Ich schloss mit meinem Leben ab", sagt er. "Es war ein großartiges Leben." Im Film kritzelt Hanks das melodramatisch auf einen Zettel. "Hollywood eben", lacht Phillips heute.

Inzwischen hat die US-Marine sie eingeholt. Drei Kriegsschiffe umzingeln das Rettungsboot, Piratenanführer Abduwali Muse ergibt sich, doch Phillips bleibt in der Gewalt der anderen. Am Ende folgen Scharfschützen der Navy Seals einem Befehl von Präsident Barack Obama und töten die drei Piraten aus der Ferne. Es ist dasselbe Team, das zwei Jahre später al-Qaida-Chef Osama bin Laden ins Visier nimmt.

Situation der Somalis wird gezeigt

Phillips bleibt unverletzt. Noch tagelang wacht er weinend auf - "Hormone", wiegelt er ab. "Ich teile die Bewunderung des Landes für Kapitän Phillips' Tapferkeit und seine selbstlose Sorge um seine Crew", erklärt Obama. "Sein Mut ist ein Vorbild für alle Amerikaner."

Phillips wird von Obama im Oval Office empfangen. Als Held sieht er sich dennoch nicht: Das seien vielmehr die Seals, die ihn gerettet hätten. Der Film - eine emotionale Achterbahnfahrt - bemüht sich aber, auch die Situation der Somalis zu zeigen: bittere Armut, Hunger, Unterdrückung. Phillips hat dafür kein Verständnis: "Du wirst Pirat, weil du auf einfache Weise viel Geld verdienen willst. Das ist deine Entscheidung."

Seit 2009 hat sich die Lage vor Afrika dank internationaler Patrouillen zwar verbessert. Im vergangenen Jahr gab es vor Somalia und im Golf von Aden nur noch 75 Piratenangriffe, 212 weniger als 2011. Trotzdem wurden Ende Oktober zwei weitere Amerikaner entführt, der Kapitän und der erste Maschinist eines US-Versorgungschiffs. Von ihnen fehlt jede Spur.

Phillips setzt nach der Tortur ein Jahr aus - und geht dann wieder auf See. Den New Yorker Prozess gegen den Oberpiraten Muse, der 2011 zu mehr als 33 Jahren Haft verurteilt wird, schwänzt er: "Das musste nicht sein."

Gerade erst hat er eine weitere dreimonatige Tour absolviert: Japan, Singapur, Sri Lanka, Kambodscha, Pakistan, Arabische Emirate, Katar, Bahrain, Saudi-Arabien, Ägypten, Schweden, Belgien, Deutschland. Nun folgen, im üblichen Turnus, drei Monate Ruhe.

"Ich habe seit Jahren keine Weihnachten mehr gehabt", sagt Phillips. "Darauf freue ich mich."


"Captain Phillips" kommt am 14. November in die deutschen Kinos.

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