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Filmkritik »Cash Truck« Buddha unter Ballermännern

Der Held verzieht keine Miene, ballert die gegnerischen Gangster kaputt, Dinge explodieren: Das Actiondrama »Cash Truck« mit Jason Statham ist ein Film, der seine Zuschauer weichprügelt. Ist das Kunst?
aus DER SPIEGEL 30/2021
Darsteller Statham in »Cash Truck«: Höllischer Ein-Mann-Rachefeldzug

Darsteller Statham in »Cash Truck«: Höllischer Ein-Mann-Rachefeldzug

Foto: Christopher Raphael / Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. / Studiocanal GmbH

Sein Gesicht zeichnet sich durch eine monumentale Ruhe aus. Die Lippen zusammengepresst, die Zornesfalten auf der Stirn wie in Zement gefurcht, die Augen mit maximaler Gleichgültigkeit aufs Gegenüber gerichtet, so stolziert der Neuling unter den Geldtransporterbewachern von Los Angeles durch die Reihen seiner uniformierten Kolleginnen und Kollegen.

Der Neue gibt von seinem Namen Patrick Hill erst mal keinen weiteren Bestandteil als den Anfangsbuchstaben H preis. Überhaupt ist der Held des Films »Cash Truck« für Freundlichkeiten oder gar Sentimentalitäten nicht zu haben. Als er aus purer Höflichkeit mit einer Frau aus der Securitytruppe das Bett teilt, springt er gleich nach dem Sex auf und stöbert in ihren Bargeldvorräten herum.

Aus: DER SPIEGEL 30/2021
Foto:

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Der Schauspieler Jason Statham, Jahrgang 1967, ist ein bisschen berühmt dafür, dass er noch nie überflüssige Energie in sein Mienenspiel verschwendet hat. Der ehemalige britische Wasserspringer war schon 31 Jahre alt, als seine Filmkarriere 1998 in Guy Ritchies Kriminalkomödie »Bube Dame König Gras« begann. Mit der französischen »Transporter«-Actionreihe mehrte er seinen Coolnessruhm und war in den vergangenen zwei Jahrzehnten in sehr vielen Filmen zu sehen, in denen Autos, Fluggeräte, Hochhäuser, U-Bahn-Brücken und Menschen zu Schaden kamen.

Jeder Körper sei potenziell »ein Stück Dynamit«, lautet eine der Botschaften an die Fans. Und einmal bekannte er: »Ich habe mich unter meinen Kollegen umgeguckt. Ich glaube nicht, dass es einen großen Trick beim Schauspielern gibt.«

Im Film »Cash Truck« spielt Jason Statham nun einen klassisch maulfaulen Helden. Hart bis auf die Knochen, den schönen Sturschädel ordentlich poliert, jeden sichtbaren und unsichtbaren Muskel aufs Äußerste gespannt.

Die Lust des Regisseurs an grimmigen Fratzen und Verfolgungsjagden ist dem Film anzusehen.

Man sieht ihn mit einem Kollegen in einer Geldtransportkarre durch die Hafenlandschaft der kalifornischen Großstadt brettern, durch das bunkerartige Innere eines großen Security-Unternehmens marschieren und sehr bald auch ein Team von gegnerischen Gangstern kaputtballern. Bei all dem treibt Stathams Figur ihren furchterregend finsteren Stoizismus so weit, dass auch die hartherzigsten unter den Kinozuschauern und -zuschauerinnen irgendwann weichgeprügelt sind und unbedingt wissen möchten, was nur der Anlass für den mörderischen Donnergroll im Herzen des Helden sein mag. Der »Cash Truck«-Regisseur und treue Statham-Gefährte Guy Ritchie hat zum Glück bald ein Einsehen und enthüllt: Der Mann, den sie H nennen, ist auf einem höllischen Ein-Mann-Rachefeldzug unterwegs – auf der Suche nach Verrätern in den Reihen der Security-Belegschaft.

In den USA gab es tatsächlich Kritiker, die dem Regisseur und seinem Film einen Mangel an psychologisch genauer Menschenzeichnung vorwarfen, auch die Handlung fanden manche Mäkler nicht allzu originell. Dahinter steckt natürlich ein großes Missverständnis: Die Kunst jener Spielart des Actiongenres, die Ritchie und Statham vor mehr als zwei Jahrzehnten zu etablieren halfen, besteht in der besonders drastischen, comichaften Überzeichnung von Gut und Böse – und in der Erlösung des tödlich stumpfen Actionkrawalls durch einen nicht immer geschmackvollen Humor.

Die Lust des Regisseurs und seines Hauptdarstellers an grimmigen Fratzen, irren Ballereien und aberwitzigen Verfolgungsjagden ist »Cash Truck« jederzeit anzusehen. Es ist eine schroffe, nur manchmal von schwulenfeindlichen Mackersprüchen kontaminierte Männerwelt, in der dieser Film mit planmäßig unterforderten Nebendarstellern wie Josh Hartnett und Scott Eastwood spielt. Ähnlich wie in den Abenteuern der »Fast & Furious«-Reihe, in deren siebter Episode Jason Statham einen Bösewichtauftritt hatte, sind spektakuläre Kamerafahrten und Stunts hier nahezu alles. Genauere Handlungszusammenhänge dieser wohl als lockeres Remake nach einem französischen Vorbild zusammengeleimten Gangstergeschichte verlieren sich in Automatikwaffenschall und Granatenrauch.

Er sei davon überzeugt, dass jede Art von körperlichen Strapazen Glückshormone freisetze, hat der Darsteller Statham einmal behauptet. Im Fall von »Cash Truck« erleben Statham-Begeisterte das sogar beim bloßen Zuschauen im Kinosessel.

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