"Catch Me If You Can" Steven Spielberg ist nicht zu fassen

Nach den spektakulären Utopien "A.I." und "Minority Report" kehrt Steven Spielberg mit einer eleganten Spielerei zurück und verlagert alle visuellen Effekte auf die inhaltliche Ebene: In der Hochstapler-Komödie "Catch Me If You Can" geht es um Abbilder, Vorbilder und die Macht des schönen Scheins.

Von Oliver Hüttmann


Trickbetrüger Frank Abagnale (Leonardo DiCaprio): Versinnbildlicht wie in einem Werbespot
UIP / Dreamworks

Trickbetrüger Frank Abagnale (Leonardo DiCaprio): Versinnbildlicht wie in einem Werbespot

Steven Spielberg repräsentiert alles, was Hollywood ist oder sein kann: den Erfolg, die Kunst und die Moral. Kein anderer Regisseur hat es so oft in die Top Ten der umsatzstärksten Filme aller Zeiten geschafft. Niemand sonst hat so viele Filme im kollektiven Gedächtnis verankert und mit ihnen popkulturelle Geschichte geschrieben. Mit seinem Kumpel George Lucas hat er New Hollywood begraben und das Hochgeschwindigkeitskino der achtziger Jahre geprägt. Er war der Vertraute von Stanley Kubrick und verfilmte mit "A.I." dessen Vermächtnis. Und obwohl er mit dem bedingungslosen Bösen in kühl strapazierten Schockern ("Duell", "Der weiße Hai") begann und später meist die Kinderherzen rührte, zeigte er sich mit einfacher, aber effektiver Geste immer wieder und stärker als Gewissen und Versöhner zwischen Rassen, Kulturen und Welten.

Kontrahenten Hanratty (Tom Hanks) und Abagnale (L. DiCaprio): Verdrängte, überspielte Einsamkeit
UIP / Dreamworks

Kontrahenten Hanratty (Tom Hanks) und Abagnale (L. DiCaprio): Verdrängte, überspielte Einsamkeit

Nach den utopistischen Anstrengungen "A.I." und "Minority Report", in denen er inhaltlich und stilistisch sein gesamtes Repertoire auftürmte, kommt Spielberg nun mit einer geradezu bescheidenen Spielerei zurück. In "Catch Me If You Can" erzählt er die wahre Geschichte des Teenagers Frank W. Abagnale, der in den sechziger Jahren als Co-Pilot, Arzt und Anwalt alle ohne jeden Zweifel narrte und nebenbei mit ebenso plumpen wie perfekt gefälschten Schecks rund sechs Millionen Dollar erschwindelte. So hat Spielberg die vielen visuellen Effekte, die sonst seine Phantasien überhaupt erst ermöglichten, auf eine rein thematische Ebene verlagert. Um den Schein geht es, um Abbilder und Vorbilder, den ersten und entscheidenden Blick, die Oberflächlichkeit der Dinge und Parameter des gesellschaftlichen Lebens.

Leonardo DiCaprio verkörpert mit charmanter Leichtigkeit diesen Bub, den Enttäuschung, ja Entsetzen zum Münchhausen des amerikanischen Traumes machen. Mit der Arbeitslosigkeit seines vergötterten Vaters (Christopher Walken) beginnt der soziale Abstieg der Kleinfamilie aus dem bürgerlichen Milieu. Das beschauliche Eigenheim muss einer engen Mietwohnung weichen, von der Bank gibt es keinen Kredit, an den finanziellen Einschränkungen scheitert schließlich die vorgebliche Liebe: Die Mutter (Nathalie Baye) lässt sich scheiden und heiratet wieder einen wohlhabenden Mann. Als Frank davon erfährt, läuft er weg.

FBI-Fahnder Hanratty (Tom Hanks): Jäger und Vaterfigur
UIP / Dreamworks

FBI-Fahnder Hanratty (Tom Hanks): Jäger und Vaterfigur

Um die ungedeckten Schecks seines Vaters einzulösen, becirct er die Bank-Kassiererinnen, doch die bleiben misstrauisch. Dann beobachtet er die Wirkung eines Flugkapitäns auf die Leute. Die Frauen schmachten, die Knaben wollen Autogramme, die Mütter bleiben mit ihren Töchtern stehen. Der Pilot, so groß wie der Papst oder ein Popstar, ein Gentleman und Held, das Ideal schlechthin, von Spielberg mit Weichzeichner und in Zeitlupe versinnbildlicht wie in einem Werbespot. Frank lässt sich eine Uniform schneidern, die ihm alle Türen und Kassen öffnet. Er klebt das "PanAm"-Logo von Spielzeugflugzeugen auf seine Scheckfälschungen, die von Hotels und Banken anstandslos akzeptiert werden. Selbst ein Luxus-Callgirl, das sich ihm aufdrängt, bezahlt er so. Dass er gerade mal 17 Jahre alt ist, fällt niemandem auf.

Aufmerksam wird schließlich das FBI, wo die falschen Schecks untersucht werden. Der Agent Carl Hanratty wird Franks hartnäckiger Häscher. Tom Hanks spielt gelungen diesen humorlosen, eifrigen Beamten mit der Hornbrille, dessen Mundwinkel verkniffen nach unten hängen. Er ist das Gegenteil der Welt, in der Frank verkehrt, Partys feiert und mit den Mädchen flirtet. Gemeinsam aber ist ihnen die verdrängte, überspielte Einsamkeit. Hanratty erweist sich im Laufe der Fahndung immer mehr als Vaterfigur, den Frank sogar an Heiligabend anruft. Denn so, wie ihm Frank ständig knapp entwischt, verpasst jener auch bei seinen seltenen Besuchen einen Neuanfang mit seinem ebenfalls vereinsamten Vater. Frank ist vor allem innerlich ein Getriebener, was die Jagd auf ihn nur zusätzlich symbolisiert. Selbst in einem französischen Gefängnis, wo er am Ende landet und schwer erkrankt, versucht er noch zu fliehen. Letztlich muss nicht Hanratty ihn fangen, sondern Frank sich selbst.

Regisseur Spielberg: Versöhner zwischen Rassen, Kulturen und Welten
AP

Regisseur Spielberg: Versöhner zwischen Rassen, Kulturen und Welten

Spielberg verwendet viel Zeit und Umsicht am Anfang, um Franks Beweggründe darzulegen. Und DiCaprio beweist ohne mimische Übertreibungen auch in spontanen Momenten eine glaubwürdige Wandlungsfähigkeit. Je mehr Frank sich aber in seine dreisten Hochstapeleien verstrickt, desto fahriger wird auch die Story. Nur noch episodisch und nicht immer plausibel wirkt es, wie Frank mit falschen Abschlusszeugnis den Posten als Oberarzt erschleicht und sich in die Krankenschwester Brenda (Amy Adams) verliebt, deren Anwaltsvater (Martin Sheen) ihn in seiner Kanzlei anstellt. Aber das macht "Catch Me If You Can" nicht zu einem schlechten Film. Elegant zelebriert Spielberg die Täuschung als Perfektion der Oberfläche, an der man zwar herummäkeln kann, deren Unterhaltungswert aber immer überzeugend bleibt. Steven Spielberg ist nicht zu fassen.

"Catch Me If You Can", USA 2002. Regie: Steven Spielberg; Drehbuch: Jeff Nathanson (Screenplay), Frank Abagnale Jr., Stan Redding (Buch); Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hanks, Christopher Walken, Martin Sheen, Nathalie Baye, Amy Adams; Produktion: Dreamworks SKG, Amblin Entertainment, Magellan Filmed Entertainment, Bugalow 78 Productions; Länge: 141 Minuten; Verleih: UIP; Start: 30. Januar 2003



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