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Russland verbietet "Child 44": Im Lande Mordor, wo Stalin regiert

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"Wie dreckige Orks" Russland verbietet Hollywood-Thriller

Der US-Thriller "Child 44" soll in Russland anlaufen, jetzt hat der Kulturminister die Premiere abgesagt. Der Film sei "untragbar", die Stalin-Ära komme zu schlecht weg. Die Medien sekundieren: Die Sowjetunion sehe darin aus "wie Mordor".

Die Geschichte Russlands und der Sowjetunion wird für Künstler und Kulturschaffende immer mehr zum verminten Gelände. Das bekommt nun auch Hollywood zu spüren. Am 17. April wird die Produktion "Child 44" anlaufen, in Kinos überall auf der Welt - nur nicht in Russland.

Der Thriller wird aus dem Programm genommen, angeblich in Einvernehmen mit dem russischen Verleiher Central Partnership, hieß es in einem Statement des Kulturministeriums in Moskau. Besorgte Bürger hätten sich nach einer Pressevorstellung an das Ministerium gewandt, wegen "Verzerrung historischer Fakten und der eigentümlichen Auslegung von Ereignissen während und nach dem Großen Vaterländischen Krieg". So bezeichnet Russland den Zweiten Weltkrieg.

"Child 44" schildert die Geschichte des sowjetischen Ermittlers Leo Demidov (gespielt von Tom Hardy), der gegen alle Widerstände eine Serie von Kindermorden aufklärt. Es ist die Verfilmung eines gleichnamigen Bestsellers des Briten Tom Rob Smith. Die Handlung spielt 1953. Demidov ist Offizier des Geheimdienstes, seine Vorgesetzten wollen aber nichts von einem Serientäter wissen, das widerspreche Stalins Ideologie des "neuen Menschen". Die Morde werden vertuscht, Ermittler Demidov gerät selbst in die Mühlen von Stalins brutalem Terrorregime.

"Russophobie"

Smith ließ sich für sein Buch vom Fall des Massenmörders Andrej Tschikatilo inspirieren, der in Russland von 1978 bis 1990 mehr als 50 Menschen tötete, darunter zahlreiche Kinder. Smith verlegte die Handlung in die Zeit von Stalins Herrschaft. In einem Interview sagte der Autor, für ihn sei "eine der Hauptfiguren des Romans das sowjetische Russland, eine ungeheuerliche Mischung aus Horror und Absurdität". In russischen Medien wurde daraufhin der Vorwurf der "Russophobie" laut. Stalins Sowjetunion werde in dem Film dargestellt "wie Mordor und ihre Bewohner wie dreckige, unmoralische feige Orks", schrieb die Zeitung "Kultur".

Smith' Methode ist durchaus kontrovers. Zu einer eigenen Einschätzungen des Films werden viele Russen nun aber nicht mehr selbst kommen können: Das Kulturministerium dekretierte, kurz vor den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes sei der Film schlicht "untragbar". Ausgerechnet in den USA wird der Film übrigens auch stellenweise deutlich kritisiert: Keine einzige große Rolle sei mit einem Russen besetzt worden , und das Porträt Russlands arbeite allzu schematisch mit den Mitteln der im Kalten Krieg üblichen Paranoia.

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Der Film thematisiert in der Rahmenhandlung ein weiteres, für Russland sensibles Thema: Ermittler Demidov überlebt als Kind den sogenannten Holodomor, die große Hungersnot in der Ukraine Anfang der Dreißigerjahre. Damals kamen Millionen Ukrainer ums Leben. Die ukrainische Regierung sieht darin einen gezielten Völkermord an den Ukrainern, den Stalin geplant habe.

Der Film-Bann trägt erkennbar die Handschrift von Russlands Kulturminister. Wladimir Medinsky positioniert sich zwar als Gegner des Kommunismus (das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz würde er lieber heute als morgen schließen lassen), ist aber dennoch ein Hardliner. Anfang des Jahres unterzeichnete er einen Aufruf, in dem die Rede war von einer breit angelegten Kultur-Kampagne des Auslands, um Russlands Ansehen zu beschädigen. "Gegen uns - und das heißt, gegen die Wahrheit - hat ein neuer Blitzkrieg begonnen", heißt es in dem Appell.

Oberster Sittenwächter

Medinsky war bis 2012 Mitglied einer umstrittenen Kommission, die im Auftrag des Kreml gegen "Geschichtsfälschungen zum Nachteil Russlands" vorgehen sollte. Unter seiner Führung hat sich das Kulturministerium zu einer Art oberstem Sittenwächter aufgeschwungen. Sein Ressort will in Zukunft keine Filme mehr fördern, die sein Land als "Kack-Russland" darstellten und "die gewählte Staatsmacht bespucken".

Auch die Freiheit des Theaters wird eingeschränkt. In Nowosibirsk ließ das Ministerium nicht nur eine "Tannhäuser"-Inszenierung absetzen, durch die sich orthodoxe Christen beleidigt fühlten, Regisseur und Direktor wurden gleich ganz vor die Tür gesetzt.

Dabei hatte ein Gericht zunächst festgestellt, dass der "Tannhäuser" nicht zu beanstanden sei. Medinsky war das egal: Er ließ den Theaterdirektor vom "Gesellschaftsrat" des Ministeriums ins Kreuzverhör nehmen - und gab ihn damit praktisch zum Abschuss frei.

Am Mittwochabend machte der Minister noch einmal unmissverständlich klar, was er von "Child 44" hält. "Solche Filme sollten bei uns nicht in den Kinoverleih kommen und Geld verdienen, weder zum 70. Jahrestag des Sieges noch irgendwann anders."

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