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03. Dezember 2009, 12:06 Uhr

China-Epos "Red Cliff"

Im Land der fliegenden Körperteile

Von Ralph Umard

Blut spritzt, Menschen werden zerhackt: In China darf John Woo drehen, was Hollywood zu brutal ist. Mit seinem Vier-Stunden-Drama "Red Cliff" hat der Star-Regisseur jetzt ein bildgewaltiges Historien-Epos geschaffen. In Deutschland erscheint der Film leider nur stark verstümmelt auf DVD.

Wie Berserker stürmen die Generäle des Königs von Shu an der Spitze ihrer Soldaten auf das zahlenmäßig überlegene Heer des Han-Kaisers los, mähen wie Schnitter reihenweise ihre Gegner nieder, zerstören die Schlachtordnung der feindlichen Armee. Die exzessiven Kampfsequenzen in "Red Cliff" bersten schier vor visueller Wucht und Gewalt; in einer Szene wird ein Baby, der Sohn des Königs, im Getümmel durch die Luft geschleudert, wieder aufgefangen und vom heroischen Retter bei seinem schockierten Vater abgeliefert.

Bei seinen amerikanischen Filmprojekten hat John Woo, Chinas international erfolgreichster Regisseur, mehrfach beklagt, dass er Gewaltdarstellungen abschwächen oder herausschneiden musste. Mit seinem US-Debüt "Hard Target" (1992) etwa wurde er deshalb fünfmal zum Zensor zitiert. Bei seiner ersten chinesischen Produktion seit 16 Jahren hingegen hatte er bei der Bildgestaltung freie Hand: In zahlreichen Nahaufnahmen zeigt Woo, wie Menschen auf dem Schlachtfeld zerhackt oder durchbohrt werden, mehrfach spritzt Kunstblut auf die Kameralinse. Beim Dreh des infernalischen Feuergefechts für die Finalschlacht am Roten Kliff ging es so heiß her, dass ein tödlicher Unfall für Schlagzeilen sorgte: Ein 23-jähriger Stuntman kam in den Flammen ums Leben.

Mit der Martial-Arts-Saga "Red Cliff" über den sogenannten "Krieg der drei Reiche" im alten China ist Woo zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Auch seine ersten Regiearbeiten, zunächst als Assistent von Altmeister Chang Cheh, ab 1973 allein verantwortlich, waren Kung-Fu-Filme im historischen Gewand. Als Woo später mit Gangster-Melodramen wie "The Killer" weltberühmt wurde und sowohl in Asien wie in Amerika in der Inszenierung von furiosen Feuergefechten stilbildend wirkte, engagierte ihn das Hollywood-Studio Universal als Vertragsregisseur. Man wollte aus Woos Kreativität und seinem Ruf als Meister des kantonesischen Kriminalfilms Profit schlagen - was auch gelang.

Trotz einer schwierigen Anpassungszeit im Dienste der US-Filmindustrie, wo Woo lernen musste, sich in den Minenfeldern von Meetings und im Sperrfeuer der Konkurrenten und Neider zu behaupten, spielten seine Filme Gewinne ein. Nach dem phänomenalen Erfolg von "Mission: Impossible 2" wurde Woo im Branchenblatt "Variety" in ganzseitigen Anzeigen als "Billion Dollar Director" gefeiert und später mit einem Stern auf dem Hollywood Boulevard geehrt.

In der US-Filmwirtschaft begann Woos Stern jedoch alsbald zu sinken, sein erster Kriegsfilm "Windtalkers" sowie seine bislang letzte Hollywood-Produktion "Paycheck" erfüllten die hochgesteckten Erwartungen an der Kinokasse nicht. Auch die internationale Filmkritik reagierte ohne Enthusiasmus. Frustriert beschloss Woo, wieder in seiner Heimat zu arbeiten, wobei ihm die Entwicklung auf dem chinesischen Kinomarkt entgegen kam.

Kino als Kulturexportgut

Die Pekinger Regierung hat die Kontrolle über die Kinowirtschaft im Laufe der Jahre gelockert. Heute ist es für ausländische Filmgesellschaften - wie die US-Firma Lion Rock Entertainment von John Woo und seinem langjährigen Partner Terence Chang - einfacher als je zuvor, Drehgenehmigungen oder chinesische Ko-Produzenten zu bekommen. Die Regierung wünscht, dass China im Ausland nicht nur als Wirtschaftsweltmacht, sondern auch als Kulturnation wahrgenommen wird. Kino ist das populärste Kulturexportgut, und so gibt es in Peking inzwischen eine Filmförderung: Sechs vom Staat und Kapitalkonsortien finanzierte Investmentfonds stellen dafür mehr als umgerechnet 15 Millionen Euro zur Verfügung. Und da die führenden KP-Funktionäre es nicht gerne sehen, wenn negative Folgen des rapiden sozioökonomischen Wandels systemkritisch auf der Leinwand beleuchtet werden, unterstützen sie vorzugsweise Komödien oder historische Stoffe. Seit den Welterfolgen von Ang Lees "Tiger & Dragon" oder "Hero" von Chinas derzeitigem Renommier-Regisseur Zhang Yimou sind auch Martial-Arts-Filme attraktiv.

Mit aufwendigen Großproduktionen will China den besonders bei der zunehmend westlich orientierten Jugend beliebten US-Blockbustern Konkurrenz machen, und da passt ein martialischer Monumentalfilm wie "Red Cliff" genau ins Kalkül. Handlung und Hauptfiguren sind jedem Schulkind in China vertraut, der Krieg der drei Reiche ist eines der bekanntesten Kapitel der chinesischen Geschichte. Verklärt verarbeitet worden ist der Stoff in Theaterstücken, Filmen, TV-Serien, Romanen und Comic-Büchern - auch im Nachbarland Japan, einem der wichtigsten Absatzmärkte für chinesisches Kino.

Seit vielen Jahren schon hegte John Woo den Wunsch, das populäre Sujet selber in Angriff zu nehmen. Als Peking ihm schließlich grünes Licht für sein Traumprojekt gab, war Woo entschlossen, sein Opus Magnum zu schaffen. Sein alter Freund, Superstar Chow Yun-fat ("The Killer"), sollte die Hauptrolle spielen. Als der verhindert war, entschied sich Woo für Leung Chiu-wai, der schon bei "Hero" mitwirkte und in Filmen von Wong Kar-wai ("In the Mood for Love") oder Ang Lee ("Gefahr und Begierde") seine Klasse als Charakterdarsteller bewiesen hat. In der weiblichen Hauptrolle gibt Taiwans bildschönes Top-Model Lin Chi-ling ihr gelungenes Kinodebüt. Die Kampfchoreographie besorgte Yuen Kwai, einer der besten seines Fachs, Kameramann Lu Yue hat bereits drei Filme mit Zhang Yimou gedreht.

Filmprojekt der Superlative

"Red Cliff" wurde ein Film der Superlative: Mit einem Budget von rund 80 Millionen Dollar kostete er mehr als jede andere Produktion zuvor in China, wo das 288 Minuten lange und als Zweiteiler im Kino veröffentlichte Epos Kassenrekorde brach. Von den jährlich rund 400 produzierten Filmen werden nur einige ausgewählte landesweit verliehen. Für staatlich geförderte Prestigeprojekte wie "Red Cliff" dagegen werden die wichtigsten Abspielstätten für mehrere Wochen im Jahr per Regierungsverordnung reserviert, zu Ferienzeiten mit erwartungsgemäß hohem Publikumsaufkommen. Auch gestiegene Eintrittspreise und die Eröffnung neuer Filmtheater dürften zum Erfolg beigetragen haben: 2008 machten nach Angaben des staatlichen chinesischen Filmbüros 118 neue Kinos mit 570 Leinwänden auf, die Gesamtzahl der Kinos wuchs auf 1545 mit 4097 Sälen.

Das Drehbuch für "Red Cliff " basiert auf einigen zentralen Kapiteln aus dem "Roman der drei Reiche" ("San Guo Yan Yi") von Luo Guan-zhong, einem Klassiker aus dem 14. Jahrhundert. Schon früh wurden Szenen daraus für die Bühne bearbeitet. Im modernen China und in Japan gibt es Dutzende populäre Comics zum Thema, wie "Die Schlacht bei Chi Bi" von Lee Chi-ching. Die bislang aufwändigste Filmadaption hat der staatliche chinesische Fernsehsender CCTV realisiert, ab 1994 wurde eine Serie mit 84 Episoden à 44 Minuten ausgestrahlt. Vorher war in Japan bereits eine Mangaversion des Romans als 47-teiliger Animationsfilm erschienen. Ebenfalls aus Japan, wo "Red Cliff" zum bis dato umsatzstärksten chinesischen Film avancierte, stammt das Computerspiel "Sangokushi" nach Motiven und mit Figuren des Romans.

Werbung für uralte Traditionen

Beflügelt vom aktuellen Kino-Erfolg plant CCTV eine neue, auf dem "Roman der drei Reiche" basierende TV-Serie. Sie verspricht nicht nur hohe Einschaltquoten, sondern passt auch zur offiziellen Kulturpolitik; man will die uralte, vermeintlich überlegene Zivilisation des Landes bewerben. Im Buch wie in John Woos Film geht es nicht nur um die Kunst der Kriegsführung, wie sie in einer berühmten, Sun Tzu zugeschriebenen Strategiefibel beschrieben ist, die bereits vor Beginn der christlichen Zeitrechnung datiert, und aus der in "Red Cliff" zitiert wird. Es geht zentral auch um chinesische Philosophie, Dichtkunst, Kalligraphie und Teekultur.

Im "Roman der drei Reiche" werden konfuzianische Tugenden wie loyales und aufopferungsbereites Verhalten der eigenen Familie, den Freunden und den Herrschern gegenüber betont, was auch heute ganz im Sinne der chinesischen Machthaber ist. In "Red Cliff" wird der König von Shu als verantwortungsvoller Herrscher dargestellt, der das Wohl des Volkes im Auge hat und die Schulbildung fördert. Nun sind Heldentum, Männerfreundschaft, Ritterlichkeit und Treue seit jeher Lieblingsthemen von John Woo, die er immer wieder in seinen Filmen behandelt. Bei "Red Cliff" hat er zudem die Möglichkeit, im großen Stil seinem Faible für spektakuläre Action-Szenarien zu frönen, mit dem für Woo typischen Overkill bei den Gefechten.

Verfälschte Geschichte

Das historische Geschehen spielt sich zur Zeit des letzten Kaisers der Han-Dynastie ab. Der wahre Herrscher im Reich ist ein machtgieriger Kriegsfürst, Cao Cao, der sich zum Protektor des minderjährig inthronisierten Kaisers Hsien (190-220) aufschwang und als Premierminister das Land regiert. Eine schillernde Persönlichkeit, äußerst ehrgeizig und sehr von sich eingenommen, ein großer Feldherr, aber auch ein Dichter hohen Ranges. Als er mit einer riesigen Armee in den Krieg gegen das südwestlich gelegene Reich Shu und das Reich Wu am Yangtse Fluss zieht, verbünden sich die dortigen Regenten Liu Bei und Sun Quan gegen ihn.

Cao Caos Hauptgegenspieler im Film sind Sun Quans Armeechef Zhou Yu, den Hongkong-Star Tony Leung Chiu-wai eindringlich als romantischen Helden dargestellt; sowie Liu Beis brillanter Militärstratege und Top-Diplomat Liang Zhou-ge. Nach verschiedenen Gefechten kommt es anno 208 am Yangtse zur großen Schlacht, die Woo mit einem Heer von Statisten aus der chinesischen Volksarmee und gewaltigem Aufwand an Pyrotechnik als spektakulären Action-Höhepunkt von "Red Cliff" inszeniert.

Im Kino kämpfen die Hauptfiguren wie Superkämpfer mit übermenschlichen Fähigkeiten, Cao Cao erscheint als hochgebildeter, aber skrupelloser und arroganter Imperialist. Zentral geht es um die heroische Freundschaft zwischen Zhou Yu und Liang Zhou-ge. Im Vergleich zu den historischen Vorbildern hat Woo die Beziehung dieser Männer beschönigt, in Wirklichkeit hat Zhou You mehrmals vergeblich versucht, Liang Zhou-ge umzubringen, weil er ihn als Bedrohung empfand. Zum Bündnis mit ihm entschloss er sich nur aus der Notlage angesichts des Angriffs durch Cao Cao, der mit einer riesigen Flotte die zahlenmäßig weit unterlegenen Armeen von Shu und Wu vernichten wollte.

Hauptfigur fast komplett weggekürzt

Um "Red Cliff" in den USA in einem Stück vermarkten zu können, ist der Film dort um fast zweieinhalb Stunden auf 148 Minuten gekürzt worden. Besonders krasse Bilder der Gewalt fehlen, darunter auch der Baby-Stunt. Diese gestutzte Version erscheint in Deutschland nur auf DVD, ein ursprünglich für den 9. Juli vorgesehener Kinostart wurde abgesagt - wohl wegen geringer Profiterwartungen mangels Publikumsinteresse an altchinesicher Geschichte und Kultur.

Bei der radikalen Kürzung sind ganze Handlungsstränge auf der Strecke geblieben, viele poesievolle und so gut wie alle komödiantischen Szenen. Eine Hauptfigur, die Prinzessin Sun Shang Xiang, taucht bloß am Rande auf. Im Original werden die Hauptfiguren, ihre persönlichen Eigenarten und inneren Konflikte facettenreich porträtiert, in der Kurzfassung erscheinen die Charaktere nur noch skizziert. Woos elaborierte Bildmontagen sind durch harte Schnitte verstümmelt worden. So entstand eine Filmruine, in der man trotz eines erklärenden Kommentars zu Beginn und der Einblendung von Personennamen kaum durchblickt bei den Wirren der Handlung und der Vielfalt der Figuren. Wer zu welcher Armee gehört, ist im Schlachtengetümmel oft nicht auszumachen.

Die heldenmütigen Frauenfiguren, denen Woo zumindest in der Originalfassung schon ungewöhnlich viel Platz einräumt, werden wahrscheinlich bald in einem Film der Hongkonger Regisseurin Mabel Cheung (Arbeitstitel "Romance of the Three Kingdoms: Red Rose and White Rose") gewürdigt: Sie will das Geschehen gänzlich aus weiblicher Perspektive darstellen und zeigen, wie zwei Freundinnen mit fabelhafter Kung-Fu-Technik und Raffinesse die Geschichte beeinflussen. Die Geschichte vom "Krieg der drei Reiche" ist offenbar noch längst nicht auserzählt.

Ralph Umard ist gemeinsam mit Thomas Gaschler Autor des Buches "Woo" (Belleville Verlag, 2005)

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