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Berliner Schule im Museum: Unter dir die Provinz

Foto: ddp images/ Piffl

Petzold über die Berliner Schule "Deutsche definieren sich über Autos, Reihenhäuser und Bausparverträge"

Die Berliner Schule kommt ins Museum: Das New Yorker MoMA zeigt eine große Retrospektive der einflussreichen Filmbewegung. Christian Petzold, mit Filmen wie "Barbara" der erfolgreichste Regisseur dieser Schule, über Gruppengefühle, Feindbilder und die Tragödien der Provinz.

Christian Petzold, 53, ist einer der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands. Mit Dramen wie "Barbara" oder "Die innere Sicherheit" gewann er zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis, den Grimme-Preis und den Silbernen Bären. Zusammen mit Thomas Arslan und Angela Schanelec gilt Petzold als wichtigster Vertreter der Berliner Schule, einer Gruppe von Regisseuren, deren nüchtern-analytische Erzählweise sich vor allem mit Stoffen aus der deutschen Gegenwart beschäftigt. Das berühmte New Yorker Museum of Modern Art widmet der Bewegung nun eine große Retrospektive.

SPIEGEL ONLINE: Herr Petzold, nun sind Sie museumsreif. Wie fühlt man sich dabei?

Petzold: Ich habe das Museum of Modern Art immer als eine Gegenwartsinstitution begriffen. Wenn ich mit meinen Filmen in die Hände von jemandem wie Gurlitt fallen würde, wäre das in meinen Augen das Ende. Aber das MoMA ist für mich ein Ort zur Schärfung der Sinne, und da fühle ich mich sehr gut aufgehoben.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt der Begriff Berliner Schule eigentlich?

Petzold: Ich habe ihn erstmals gehört, als ich mit "Toter Mann" 2001 auf den Festspielen von Hof war. Zur gleichen Zeit hatte Thomas Arslan "Ein schöner Tag" gedreht. Der Filmkritiker Rainer Gansera beschrieb in einem Text, wie sich die Figuren in beiden Filmen durch die Stadt bewegen, sie sich erobern. Er meinte, man könnte von einer Berliner Schule der Raumerfahrung und des Sehens sprechen. Ich hörte damals dauernd Blumfeld, die ja zur sogenannten Hamburger Schule zählten, und dachte: Prima!

SPIEGEL ONLINE: Was haben die Filme von Ihnen, Ulrich Köhler, Christoph Hochhäusler oder auch Angela Schanelec gemein, dass man von einer Schule sprechen kann?

Petzold: Als wir anfingen, hatten wir alle das Gefühl, es gibt sehr viel über Deutschland zu erzählen, aber es werden immer nur Geschichten importiert. Wenn's in den USA einen Blockbuster gibt, macht ProSieben daraus eine Billigversion und verkauft sie als TV-Event. Wir dagegen wollten einfach mal rausgehen, um zu sehen: Wie leben wir eigentlich?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Petzold: In den neunziger Jahren, als wir unsere ersten Filme drehten, war Deutschland noch sehr stark geprägt von der alten Bundesrepublik, es war ein sehr dezentrales Land. Doch die Provinz tauchte in den Filmen oft nur als Karikatur auf, man sah verschrobene, manchmal etwas bekloppte Leute. Dabei definieren sich 99 Prozent aller Deutschen über Autos, Reihenhäuser und Bausparverträge. Diese Welt wollten wir erkunden und dabei zeigen, dass auch in ihr große Geschichten, große Tragödien spielen können.

SPIEGEL ONLINE: Das MoMA hat schon Ausstellungen zum Kino der Weimarer Republik, zu Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter veranstaltet. Gibt es da eine Verbindungslinie zur Berliner Schule?

Petzold: Auf jeden Fall, wir haben uns in unseren Filmen sehr intensiv mit dem Weimarer Kino und dem Neuen Deutschen Film auseinandergesetzt. Fassbinders "Händler der vier Jahreszeiten" oder Wenders' "Alice in den Städten" waren für mich prägend. Für meinen neuen Film "Phoenix", den ich gerade schneide, habe ich mir die Eröffnungssequenz bei Fritz Lang abgeschaut, bei einem seiner "Mabuse"-Filme. Ist leider nicht gelungen, wie alles, was man einfach zu kopieren versucht. Wird nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

SPIEGEL ONLINE: Die Regisseure des Neuen Deutschen Films rebellierten in den sechziger Jahren gegen "Opas Kino" und das "Schnulzenkartell", das Heimatfilme und Karl-May-Western produzierte. Gegen welchen Feind kämpft die Berliner Schule?

Petzold: Es gibt keinen mehr! Ich erinnere mich noch, wie ich als kleiner Junge in Düsseldorf die Kö runterging und sich ein Kino an das andere reihte. Überall liefen Filme wie "Schulmädchenreport", deutsche Blockbuster. Dieses kommerzielle deutsche Kino, von dem sich die Regisseure des Neuen Deutschen Films beherrscht fühlten, existierte nicht mehr, als wir anfingen. Wir mussten eher ein Kino rekonstruieren, das es nicht mehr gab.

SPIEGEL ONLINE: Hochhäusler schreibt im Katalog zur MoMA-Ausstellung, wie ihn die Möglichkeit, Filme auf DVD zu schauen, Szenen mehrfach oder verlangsamt sehen zu können, geprägt hat. Ist die Berliner Schule sehr stark analytisch, im Gegensatz zu Fassbinder oder Wenders, die ein emphatisches Verhältnis zu ihren Vorbildern hatten?

Petzold: Die Regisseure des Neuen Deutschen Films waren auch analytisch, die hatten nur ein besseres Gedächtnis als wir. Wenn ich mir Ausgaben der Zeitschrift "Filmkritik" anschaue, in der ja einige dieser Regisseure geschrieben haben, bin ich immer wieder erstaunt über die Präzision der Texte. Damals gab es noch nicht mal Video. Die sind damals allerdings oft als Gruppe ins Kino gegangen und haben nach der Vorführung noch lange über die Filme geredet. Was das Verständnis eines Films aber wirklich vertieft, ist die Erfahrung, ihn zusammen mit anderen zu sehen. Deshalb sehe ich DVDs nach Möglichkeit nicht allein. Ich lade mir fast immer Gäste dazu ein.

SPIEGEL ONLINE: Auch befreundete Regisseure?

Petzold: Ja. Viele Bewegungen in der Filmgeschichte wie etwa die Nouvelle Vague sind dadurch entstanden, dass Regisseure gemeinsam ins Kino gegangen sind und hinterher darüber geredet haben. Das versuchen wir auch.

SPIEGEL ONLINE: Die Berliner Schule versteht sich also wirklich als Gruppe?

Petzold: Mal mehr, mal weniger, aber im Grunde schon. Wir haben uns immer wieder getroffen, um uns Filme anzusehen, auch unsere eigenen. Das waren sehr offene, kritische Gespräche. Klar sind wir keine Wohngemeinschaft. In einer Schule wären wir eher die, die sich am Fahrradständer treffen, um gemeinsam zu rauchen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der prominenteste und erfolgreichste Regisseur der Berliner Schule. Stehen Sie vorne am Pult?

Petzold: Nee, als Lehrer sehe ich mich nicht, da hätte ich Angst. Der Erfolg meines Films "Die innere Sicherheit" war natürlich so etwas eine Initialzündung. Daraufhin haben mich Regisseure wie Hochhäusler, Köhler und Maren Ade angesprochen, die in München und Hamburg lebten. So kam die Kommunikation in Gang, wir stellten fest, dass verschiedene Filmemacher in verschiedenen Städten über die gleichen Dinge nachdachten.

SPIEGEL ONLINE: Ist man als Regisseur wirklich gern Teil einer Gruppe? Braucht man nicht ein paar Alleinstellungsmerkmale, um sich durchzusetzen?

Petzold: Die haben wir ja auch alle, es gibt keinen Konformitätsdruck. Und es gibt auch keinen Narzissmus, niemand versucht, den anderen von den Fördertöpfen wegzubeißen. Es ist nicht wie bei den Beatles, die ihre besten Songs am Ende schon für ihre Solokarrieren zurückgehalten haben.

SPIEGEL ONLINE: Kaum zu glauben. Die deutsche Filmbranche gilt doch als extreme Neidgesellschaft.

Petzold: Ja, den Eindruck könnte man haben, wenn man sich anschaut, wie es etwa in der Filmakademie bisweilen zugeht. Das ist bei uns aber anders. Ich will uns jetzt nicht zu einer protestantischen Messiasgruppe stilisieren, aber Hinterhältigkeit gibt es nicht. Wir schauen uns unsere Rohschnitte an und kritisieren sie hart und offen.

SPIEGEL ONLINE: Die Berliner Schule stand bislang für ein sehr gegenwartsbezogenes Kino. Nun hat Thomas Arslan mit "Gold" einen Western gedreht, und Ihr neuer Film spielt im Jahr 1945. Liegt die Zukunft in der Vergangenheit?

Petzold: Die Themen verlassen etwas die Gegenwart und die Städte Kassel, Wolfsburg oder Leverkusen. Wir haben festgestellt, dass sich Deutschland unter einem Kokon verbirgt, unter dem noch einiges schwelt. Ich habe mich sehr schwer getan, einen Film über Auschwitz zu drehen, weil man umzingelt ist von Teamworx- und Constantin-Produktionen, die aus dem Thema große Events machen. Mich interessiert eher die Frage: Kann man das Jahr 1945 auch erzählen wie in einem Melodram von Douglas Sirk?

SPIEGEL ONLINE: Hochhäusler schreibt: "Die Schule ist vorbei". Stimmt das, ist die Bewegung am Ende?

Petzold: Wir wollten ja schon von Anfang an raus aus der Schule, raus aus den Akademien, wo wir unsere Filme irgendwelchen Lehrern vorlegen mussten. Wir wollten mit den wenigen Mitteln, die wir zur Verfügung gestellt bekamen, sehr selbstbewusst kleine Filme drehen. Das werden wir auch weiterhin tun, Schule hin oder her.

Das Interview führte Lars-Olav Beier
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