Filmemacher Chris Doyle "Mir egal, ob ich ins Gefängnis komme"

Christopher Doyle porträtiert in "Preschooled Preoccupied Preposterous" seine Wahlheimat Hongkong und zeigt auch die dortigen Studentenproteste. Ein Gespräch über Repressionen, Kunst und das Gefühl, bei einem guten Fußballspiel dabei zu sein.

Christopher Doyle

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Doyle, auf Hongkong blickte im vergangenen Jahr die ganze Welt. Die Bürgerbewegung Occupy Central demonstrierte für mehr Demokratie und besetzte den Finanzbezirk und viele Hauptstraßen. Wie haben Sie die Proteste erlebt?

Doyle: Es war so erhebend und inspirierend und friedlich! Die ganze Stadt schien plötzlich voller Möglichkeiten zu sein. Die Leute haben Ideen ausgetauscht und ihre Kunst mit anderen geteilt. Ich hätte nicht gedacht, dass Hongkong ein Ort sein kann für so viel Lebensfreude. Das Wichtigste war aber, dass die jungen Leute dort zusammengekommen sind und gemerkt haben, dass sie eine Stimme haben. Dadurch wurden sie selbstbewusster. Sie haben die ganze Stadt zum Innehalten und Nachdenken gebracht. Ich bin sehr optimistisch, dass das positive Auswirkungen haben wird, obwohl ich Freunde habe, die deswegen im Gefängnis gelandet sind.

SPIEGEL ONLINE: Was ist passiert?

Zur Person
  • AP
    Christopher Doyle, 1952, ist in der Nähe von Sydney geboren, mit 18 Jahren verließ er das Land. Er arbeitete für die norwegische Handelsmarine, war Kuhhirte in Israel und Theaterbesitzer in Taiwan. Von dort kam er zum Film, heute gilt er als einer der einflussreichsten Kameramänner der Moderne. Bekannt wurde Doyle durch die Zusammenarbeit mit Wong Kar-Wai zu "Days of Being Wild" (1991). Seitdem drehte er unter anderem für Gus van Sant ("Paranoid Park") und Jim Jarmusch ("The Limits of Control"). Mit "Away with Words" (1999) legte er sein vielbeachtetes Regiedebüt ab.
Doyle: Sie wurden auf dem chinesischen Festland festgenommen, weil sie die Bewegung hier unterstützt haben. Acht oder zehn Künstler. Ich weiß nicht, was mit ihnen passiert ist. Ich habe seitdem nichts mehr von ihnen gehört, aber das ist normal. Ich rede mit Ihnen offen darüber, weil es mir egal ist, ob ich dafür ins Gefängnis komme. Ich will nur nicht, dass Leute um mich herum Probleme bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen Teil Ihres neuen Films "Preschooled Preoccupied Preposterous" in den Camps der Demonstranten gedreht. Hat die Angst vor Repressionen Ihre Arbeit beeinträchtigt?

Doyle: Als wir gefilmt haben, versuchte ich, so wenig wie möglich aufzufallen. Wie Sie wissen, bin ich hier recht bekannt. Ich wollte nicht, dass meine Arbeit durch irgendwelche Missverständnisse gefährdet wird. Deswegen will ich den Film jetzt auch so schnell wie möglich rausbringen - und dann ziehe ich nach Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Im Ernst?

Doyle: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie bei dem Dreh trotzdem erkannt?

Doyle: Ja, es stand in den Zeitungen und Leute haben es bei Facebook gepostet. Die Polizisten haben aber nicht eingegriffen, im Gegenteil: Einige von ihnen haben Selfies mit mir gemacht. Wir haben hier auch keinen Dokumentarfilm gedreht, sondern einfach diesen außergewöhnlichen Raum genutzt, in dem sich die Figuren des Films bewegt haben.

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es in "Preschooled Preoccupied Preposterous" genau?

Doyle: Es ist eine Trilogie, die ein Porträt Hongkongs anhand dreier Generationen zeichnet. Der erste Teil handelt von einem achtjährigen Kind und ist als eigenständiger Kurzfilm unter dem Namen "Hong Kong 2014" beim hiesigen Filmfestival gelaufen. In den ersten drei Tagen haben 1,5 Millionen Menschen den Film online gesehen. Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich nicht auch etwas über die Jugendlichen hier machen kann. Und dann hat die Bewegung begonnen - das war der Katalysator für den ganzen Film. Die Energie der Stadt war plötzlich verändert, wir sind raus und wollten das einfangen. Wir wollten den Leuten eine Stimme geben, darum geht es bei der Bewegung und auch in meinem Film.

SPIEGEL ONLINE: Dafür haben Sie Hunderte Interviews geführt.

Doyle: Ja, wir haben ganz verschiedene Leute interviewt und die Antworten als Grundlage für unsere Erzählung genutzt. Dafür haben wir die Aussagen verdichtet und dann die einzelnen Personen - keine Schauspieler, sondern ausgewählte Befragte - miteinander interagieren lassen. Sie führen aber keine Dialoge, sondern teilen sich selbst und ihre Emotionen mit. Was sie hoffen, träumen, wen sie lieben. Der Film ist aber noch nicht fertig, die Crowdfunding-Kampagne läuft noch.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Ausländer einen besonderen Blick auf die Stadt, die Sie porträtieren?

Doyle: Natürlich gehört Hongkong und der chinesische Film zu mir, und ich bin genauso ein Teil davon. Ich lebe seit vielen Jahren hier, mein Mandarin ist inzwischen besser als mein Englisch. Das ist ein integraler Aspekt von Kunst: Du gehörst zu der Idee, siehst sie aber aus einer anderen Perspektive. Die Menschen wollen ihre Lebenswelt im Film gespiegelt sehen, aber auf eine andere Art, als sie sie im Alltag erleben. Deswegen werden häufig ausländische Kameraleute engagiert; sie sehen die Dinge einfach anders, und das macht es spannender.

SPIEGEL ONLINE: Über Ihre Art der beweglichen Kameraführung ist schon viel geschrieben worden. Wie würden Sie Ihren Stil als Regisseur bezeichnen?

Doyle: Ich habe keinen. Das hat mich selbst überrascht; ein Kollege hat mich gefragt, warum meine Filme so unterschiedlich sind. Dabei habe ich gedacht, ich wiederhole mich ständig. Ich habe doch die gleichen Ideale, den gleichen Lebensstil und trinke immer noch im gleichen Umfang Alkohol. Trotzdem unterscheiden sich meine Filme, weil ich auf die jeweiligen Einflüsse reagiere, die Leute, die Landschaft, das Wetter und die eigene Laune.

SPIEGEL ONLINE: Wird "Preschooled Preoccupied Preposterous" auch auf dem chinesischen Festland zu sehen sein?

Doyle: In dem Film werden alle Generationen, also die Kinder, die Jugendlichen und die Älteren, in den Protestcamps zu sehen sein, deshalb wird es auf dem Festland wohl nicht so ohne Weiteres gezeigt werden, dort ist das Thema tabu. Aber vielleicht wird es eine große Nachfrage auf dem Schwarzmarkt geben, so wie bei "The Interview". Wer würde für so einen schlechten Film sonst ins Kino gehen? Ich glaube, dass Sony das eingefädelt hat. Im Ernst: Ich will lieber verbannt werden als Kompromisse einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Die besetzten Straßen Hongkongs sind im Dezember geräumt worden, zumindest in Deutschland ist die "Regenschirm-Revolution" kein Thema mehr. Hat sie trotzdem etwas verändert?

Doyle: Es ist wie bei einem großartigen Fußballspiel: Auch wenn man nicht gewonnen hat, ist man am Ende froh, dabei gewesen zu sein. Viele Festland-Chinesen sind zu uns gekommen und haben sich dafür bedankt, dass wir die Regierung kritisieren. Das war bewegend! Ich weiß nicht, wer sie waren, vielleicht Besucher, vielleicht Spione. In politischen Dingen bin ich naiv. Aber ich glaube, dass die chinesische Regierung im Grunde weiß, dass sie etwas ändern muss. Es war wichtig, den Film zu machen, um genau diesen Dialog offen zu halten. Ich bin immer noch zuversichtlich, dass ein Film die Welt verändern kann.



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