Zum Tode Christopher Lees Das Böse im Blick

Dracula und die Mumie, Scaramanga und Saruman: Christopher Lee war auf Schurken und Schrecken abonniert. Er schaffte es, aus Trash eine Tugend zu machen. Der Nachruf.

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Denkt man an Christopher Lee, denkt man an Dracula. Zehnmal verkörperte er den Vampir zwischen 1958 und 1976, in der Popkultur des 20. Jahrhunderts wurde sein Gesicht zum Synonym für den dämonischen Blutsauger, allerdings waren die von der britischen Gruselfilm-Schmiede Hammer Studios produzierten Filme keine künstlerischen Meisterleistungen, sodass Lees Dracula in den ewigen Ranglisten stets hinter Bela Lugosi und Max Schreck zurückblieb, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren im Kino als Dracula beziehungsweise Nosferatu auftraten. Am vergangenen Sonntag starb Lee in einem Londoner Krankenhaus.

Lees Dracula war der Dämon aus dem Groschenroman, das Schreckensbiest aus den romantischen Schauermärchen, seine blutunterlaufenen Augen so theatralisch übertrieben wie seine spitzen Fangzähne. Durch Lee wurde Dracula zum Pulp-Helden, kein Wunder, dass Trash-Aficionado Tim Burton noch vor wenigen Jahren für seine Vampir-Farce "Dark Shadows" extra eine Mini-Rolle für Lee schreiben ließ, die der damals bereits greise Brite gerne annahm.

Für Arbeit war sich Christopher Lee nie zu schade, er stürzte sich mit Elan in kleine wie große Auftritte und spielte im Verlauf seiner über 60 Jahre währenden Karriere in mehr als 220 Filmen mit - rekordverdächtig.

Am liebsten Don Quijote

Für Hammer spielte Lee nicht nur den blutrünstigen Grafen, er trat auch als Frankensteins Monster, als Fu-Manchu, als Rasputin und als Teufel persönlich auf. 1959, ein Jahr nachdem er mit "The Horror of Dracula" erstmals den Vampir gegeben hatte, sollte er die Mumie aus dem gleichnamigen Gruselklassiker verkörpern. Laut Lee eine seiner anstrengendsten Auftritte: "Man hatte mich in enge Bandagen gewickelt, und weil ich nicht sprechen konnte, musste ich alles mit Blicken ausdrücken", sagte er 2005 in einem Interview. Ein Glücksfall, denn viele Worte brauchte Lee auch in den folgenden Jahrzehnten nie, um seiner Leinwandpräsenz die größtmögliche Wirkung zu verleihen.

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Christopher Lees beste Rollen: "Der Meister des Makabren"
Dieser durchdringende Blick, dieses bohrende Glühen, das dem Zuschauer Schauer um Schauer über den Rücken jagte, wurde zu Lees Markenzeichen, das ihn selbst in obskurster Maskierung sofort erkennbar machte; ob als Rochefort in Richard Lesters "Musketier"-Filmen, als finsterer Sith-Lord Dooku in den späten "Star Wars"-Episoden oder als grausamer Zauberer Saruman in der "Herr der Ringe"-Trilogie.

Ein Auftritt von Christopher Lee musste nie lang oder dialogreich sein, um den Hauch des Bösen durch einen Film wehen zu lassen. "Wenn das Böse ein Gesicht hat, dann müsste es Christopher Lee täuschend ähnlich sehen", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" einst.

Lee selbst hat darüber stets milde gelächelt. Manchmal bemühte er sich in Interviews zu differenzieren, dass ja die Charaktere böse seien, die er spiele, und dass es bloß Märchenfiguren seien. Anders als beispielsweise Bankmanager, die echten Schrecken verbreiteten: Er habe in seiner ganzen Karriere nie eine Figur gespielt, die so böse gewesen wäre wie das, was "junge, gierige Banker" getan haben, sagte er 2008 auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise der "Frankfurter Rundschau".

Aber was sollte er machen? Er war nun einmal auf die Schurken und Monstren abonniert - und er trug sein Schicksal mit Bescheidenheit und Humor. Sehr gerne hätte er Don Quijote gespielt, sagte er einmal, den tragikomischen Helden aus der spanischen Pampa, der gegen Windmühlenflügel kämpft, man ahnt, warum ihm diese Rolle so sympathisch schien.

James Bonds dunkles Spiegelbild

Denn Lees Karriere hätte auch ganz anders verlaufen können. 1922 als Sohn eines britischen Obersts und einer italienischen Gräfin geboren, standen dem jungen Christopher Frank Carandini Lee eigentlich alle Wege in die gute Gesellschaft offen, man hätte ihn sich als europäischen Dandy und Lebemann imaginieren können, als Unternehmer oder als Opernsänger. Noch im hohen Alter behauptete er nicht nur, ein Nachkomme Karls des Großen zu sein, sondern auch, ganze Leporellos aus "Don Giovanni" auf Italienisch zum Besten geben zu können oder wahlweise Wagners "Fliegenden Holländer" auf Deutsch.

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Sir Christopher Lee: Grusel adelt
Doch zunächst zog Lee, wie es sich für einen Soldatensohn gehört, in den Krieg. Zwischen 1941 und 1946 diente er in der britischen Luftwaffe und im Nachrichtendienst und verließ die Armee hochdekoriert. Von den schönen Künsten fasziniert, beschloss Lee, sein Glück in der Schauspielerei zu versuchen. Graf Niccolo Carandini, sein Vetter und damaliger Botschafter in London, verschaffte ihm Kontakte zur Filmgesellschaft Rank, die ihn sofort unter Vertrag nahm.

1947 war Lee im Krimi "Corridor of Mirrors" erstmals auf der Leinwand zu sehen. 30 Filme später - zumeist Historien-, Mantel- und Degenfilme - war aus Lee noch kein Kinostar geworden. Erst als er 1957 für das neu gegründete Hammer das Monster in Terence Fishers "Frankensteins Fluch" spielte und ein Jahr später in "Dracula" auftrat, begann seine Karriere als bald weltbekannte Kultfigur. Lee war klug genug, aus dem Trash eine Tugend zu machen.

1961 schlug Ian Fleming seinen entfernten Verwandten Lee als Gegenspieler James Bonds in "Dr. No" vor - nicht ahnend, dass die Rolle bereits mit Joseph Wiseman besetzt war. 1974 erhielt Lee noch einmal die Chance, in der erfolgreichen Agentenserie aufzutreten, diesmal klappte es. In "Der Mann mit dem Goldenen Colt" spielte Lee einen der bis heute schillerndsten 007-Bösewichte, den eleganten, eiskalten Francisco Scaramanga, eine Rolle, die er mit derart viel Abgründigkeit zu füllen wusste, dass die Figur zu einem dunklen Spiegelbild der damals schon vom Luftikus Roger Moore gespielten Bond-Figur wurde. In Scaramanga zeigte Lee viel von den Fähigkeiten eines an Klassikern geschulten Charaktermimen, die er zuvor und danach nur selten durchblicken lassen durfte.

Späte Karriere als Metal-Sänger

Christopher Lee spielte in Horror- und in Fantasyfilmen, in Abenteuer-Schinken und in Krimis, in deutschen Edgar-Wallace-Verfilmungen ebenso wie in britischen Sherlock-Holmes-Krimis (mal als Holmes, mal als Moriarty), der stets schlanke 1,95-Mann spielte Kalifen und Seefahrer, Hexer und Hochstapler, Edelmänner und Kreaturen, und für markante Sprechrollen und Auftritte in TV-Serien wie "Drei Engel für Charlie" war zwischendurch auch immer noch Zeit, genau wie für sein Engagement als Unicef-Botschafter. 2009 schlug ihn Prince Charles für seine Verdienste um die Kunst und Wohltätigkeit zum Ritter, seitdem durfte er sich Sir Christopher Lee nennen.

Auch als Sänger betätigte sich Lee noch spät in seiner Karriere, allerdings nicht an der Oper, sondern als stimmlich versierter Interpret von symphonischen Heavy-Metal-Kompositionen über mittelalterliche Themen, von denen zwei Alben unter dem Titel "Charlemagne" erschienen.

Zuletzt war Lee als Father Bartholomeu in der Literaturverfilmung "Nachtzug nach Lissabon" (2013) zu sehen, wiederum ein Mini-Auftritt, weil er, wie er sagte, gerne an der Seite von Jeremy Irons spielen wollte, den er als Kollegen verehrte. Mindestens zwei weitere Filme mit dem 93-Jährigen werden posthum erscheinen, darunter die britische Produktion "Angels Of Notting Hill", in der Lee ausnahmsweise mal wieder die Hauptrolle spielt: als Chef der Engel. Wie schurkisch er Gott darstellt, ob er ihn mit seinem berühmten glühenden, ultimativ bösen Blick gibt oder ganz unerwartet sanft, darauf darf man gespannt sein.

Korrekturhinweis: Christopher Lee spielte in "Die drei Musketiere" Rochefort, nicht Kardinal Richelieu - wie fälschlicherweise in einer ersten Version des Artikels zu lesen war. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
tom.kara 11.06.2015
1. Rip
Rest in Peace LEE ein ganz Großer der Kinoleinwand ist von uns gegangen!
veitgraef 11.06.2015
2.
In den 3 Musketieren spielte Lee die Figur des "Rochefort". Charlton Heston spielte "Kardinal Richelieu"
bennysalomon 11.06.2015
3.
goodbye dracula
AliceAyres 11.06.2015
4.
Mein Lieblingsfilm mit Christopher Lee war immer "The Wicker Man".
munichforever 11.06.2015
5. Der einzig ...
... wahre Dracula! Ein grossartiger Schauspieler, den ich sehr vermissen werde...:-( Aber eine kleine Korrektur: C. Lee hat in Musketier-Filmen den Rochefort gespielt und nicht Kardinal Richelieu.
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