"Coco Chanel"-Film Ganz schön schnittig

Coco Chanel ist eine Weltikone. Das Leben der Französin war ein einziges Drama, maßgeschneidert für Legenden. Ihre Kreationen krempelten die Modewelt um. Jetzt spielt die niedliche Audrey Tautou die herbe Modeschöpferin - und überrascht: Die Rolle sitzt wie angegossen.

Von Daniel Haas


Sie wollte die Welt der Mode auf den Kopf stellen, und genau dort fing sie an: bei den Hüten der betuchten Damen. Die trugen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gigantische Arrangements von Federn und Blumen auf dem Haupt spazieren, Skulpturen bourgeoiser Verschwendung und Pracht.



Coco Chanel rupfte die Frau buchstäblich, erst die Hüte, dann die Kleider. Die Volants, Schnürungen, die opulent wogenden Röcke und sich plusternden Keulenärmel, sie alle fielen Chanels Talent zur Verknappung und Straffung zum Opfer. "Ich trag doch nicht diesen Vorhang!", lässt der Film sie einmal sagen. Da hat sie schon ihren Stil gefunden: schlichte Stoffe, klare Schnitte, monochrome Farben.

Wer sie zur Revolution der Frauenmode inspirierte, zur Abschaffung des Korsetts, zur Erfindung zahlloser stilprägender Kollektionen, das erzählt Anne Fontaines in edlen Grautönen gehaltenes Kinoporträt überzeugend nach.

Die kleine Coco, geboren 1883 im französischen Saumur, mit elf in ein Waisenhaus abgeschoben, findet genau dort, zwischen elternlosen Kindern und Nonnen, ihre Schule des Sehens.

Mit dem Blick der Künstlerin in spe nimmt man die Hauben der Ordensschwestern, ihre strengen schwarzen Roben als Vorboten einer neuen Ästhetik wahr.

Auch wenn ein Gutteil Verklärung im Spiel sein sollte: die Vorstellung, Chanels bahnbrechender Beitrag zur Abendmode - das klösterlich strenge und praktische kleine Schwarze - habe in der geistlichen Tracht sein Vorbild, ist bestechend.

Die amerikanische "Vogue" nannte es den "Ford der Mode", und auch das zeigt Fontaines Film: Chanels Kreationen waren Novitäten, die erst verblüfften und dann sofort als funktionelle Innovationen den Look der Zeit vorgaben. "Heutzutage fahren Frauen Auto. Mit Krinoline ist das nicht gut möglich" - auch so ein Chanel-Zitat, das den Esprit der Designerin ebenso auf den Punkt bringt wie ihren Pragmatismus.

Kann Audrey Tautou, die rehäugige Traumtänzerin aus Amélies Märchenwelt, diese Frau spielen? Diese Künstlerin, die von sich sagte: "Mein Stolz flammt in allem auf, was ich tue, in meiner harten Stimme, in meinem funkelnden Blick. In meinem herben Gesicht"? Sie kann, und dass ihr die Verkörperung der Weltikone Chanel gelingt, das liegt tatsächlich an ihrem Spiel, in dem sich Härte und Melancholie, Weiblichkeit und Burschikosität perfekt ergänzen.

Sie ist ja selbst Chanel-Model gewesen, und mit diesem Film wird sie endgültig zu einem modernen französischen Nationalmythos werden.

Wie sie am Ende allein, mit kühlem, musterndem Blick auf der verspiegelten Wendeltreppe in ihrem Pariser Atelier sitzt, im legendären Twinset, und zu beschwingten Walzerklängen ihre Modelle jene Mode präsentieren, die bis heute als Blaupause femininer Eleganz gelten, dann ist die Anverwandlung perfekt.

Natürlich ist dieses Bild ideologisch aufgeladen, es bündelt die Idee des Films: Große Kunst ist nur um den Preis des Leidens und Alleinseins zu haben. Die Amouren und Erfolge, sie sind nur Accessoires; das Lebenstuch des Visionärs ist aus Kummer gewirkt.

Deshalb konzentriert sich Regisseurin Fontaine auf die Beziehung Chanels zum britischen Industriellen Boy Capel (Allessandro Nivola), zu dem sie eine Affäre unterhielt, obwohl er standesgemäß eine britische Adlige heiratete. Das unerfüllte Begehren, dann der Tod des Liebhabers - Boy starb bei einem Autounfall -, sie weben in die Biografie die bestimmenden Motive ein: Verzicht, Trauer, Disziplin.

"Niemand hat härter gearbeitet als ich!", sagte Chanel einmal, und Tautous Darstellung ist durchdrungen von dieser Moral. Aus der niedlichen Aktrice ist genau jener Charakterkopf geworden, für den die größte Modeschöpferin der Moderne ihre Hüte entwarf. Chapeau!


Weiterführende Lektüre:
"Die Kunst, Chanel zu sein. Coco Chanel erzählt ihr Leben. Aufgezeichnet von Paul Morand", SchirmerGraf, 286 Seiten, 19,80 Euro



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Seite 1
Websingularität 12.08.2009
1. überbewertet
zeigt den Film, rund um die Uhr! Am besten auf dem Chanel-Channel. Die Frau ist überbewertet. Ich sag nur, bourgeoise, bohème, etc. Diese "Ich bin was Besonderes" Menschen à la Chanel welche mal zwischendurch mit den Nazis symphatisieren. Wenn diese Leute nichts zu Stande bringen sind sie depremmiert und irgendwann haben die sogar doch Erfolg mit ihrem Kram, weil man sie einfach machen lässt. Es ist schlimm dass ausgerechnet solche Leute zu Trendsetter werden und wir mit diesen Characterkrüppeln den Planeten teilen. Die Welt hätte sich auch ohne Chanel weitergedreht. Kleidung sollte primär zweckmäßig sein, warm und sauber halten und nur sekundär modisch. Überhaupt hasse ich Mode und dass andere Leute damit Unmengen Verdienen finde ich eine Ungerechtigkeit. Aber die Leute kaufen es ja trotzdem also liegt die Ungerechtigkeit bei den Leuten welche seltsame Prioritäten haben. Diese nennen das dann 'Stil'
Walter Sobchak 13.08.2009
2. Ich hasse Titel
Zitat von Websingularitätzeigt den Film, rund um die Uhr! Am besten auf dem Chanel-Channel. Die Frau ist überbewertet. Ich sag nur, bourgeoise, bohème, etc. Diese "Ich bin was Besonderes" Menschen à la Chanel welche mal zwischendurch mit den Nazis symphatisieren. Wenn diese Leute nichts zu Stande bringen sind sie depremmiert und irgendwann haben die sogar doch Erfolg mit ihrem Kram, weil man sie einfach machen lässt. Es ist schlimm dass ausgerechnet solche Leute zu Trendsetter werden und wir mit diesen Characterkrüppeln den Planeten teilen. Die Welt hätte sich auch ohne Chanel weitergedreht. Kleidung sollte primär zweckmäßig sein, warm und sauber halten und nur sekundär modisch. Überhaupt hasse ich Mode und dass andere Leute damit Unmengen Verdienen finde ich eine Ungerechtigkeit. Aber die Leute kaufen es ja trotzdem also liegt die Ungerechtigkeit bei den Leuten welche seltsame Prioritäten haben. Diese nennen das dann 'Stil'
Man merkt das deutlich in Ihrer Wortmeldung. Ihnen waere es wohl recht, dass die Frauen-Mode so zweckmaessig waere wie vor Chanel? Zig Unterroecke, was fuer ein Spass!
onchyophaga 13.08.2009
3. kleine Richtigstellung ("Wesingularität"
- gemessen an ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung kommt Mode viel zu selten in den allgemeinen Medien vor (ausgenommen vielleicht Frauenmagazine)- "wir" sind IMHO zumindest in Europa immer noch der größte Exporteur in dieser Branche - "Unmengen verdienen" beim Vergleich der Durchschnittslöhne findet man die Beschäftigten der Bekleidungsindustrie regelmäßig auf den hinteren Plätzen, gerade noch vor den Gebäudereinigern. Textil- und Bekleidungsfertigung siedelte sich in der Hauptsache in klassisch strukturschwachen Regionen an (z.B. Schwäb. Alp) und war Vorreiter der Internationalisierung. Als vor mehr als dreißig Jahren hier (damit meine ich u.a. an meinem Heimatort im Bergischen) deswegen die Lichter langsam ausgingen, hat irgendwie keiner so laut nach Staatsknete gerufen ... die (zum Großteil weiblichen) Beschäftigen habe sich so durchgewurschtelt.. - "Mode hassen" ist auch eine Mode >> schon mal was von "Punk" gehört? - "Frau ist überbewertet" - das ist sicher Ansichtssache. Aber da fallen mir spontan auch noch ein paar andere Kandidaten ein, die als Persönlichkeit vielleicht noch ein bißchen weniger hergeben - erinnert sich noch jmd. an das sog. "Sommermärchen"?
Peggy Bundy 15.08.2009
4. xx
Zitat von sysopCoco Chanel ist eine Weltikone. Ihr Leben war ein einziges Drama, maßgeschneidert für Legenden. Ihre Kreationen krempelten die Modewelt um. Jetzt spielt die niedliche Audrey Tautou die eher herbe Modeschöpferin - und überrascht die Filmkritik: Die Rolle sitzt ihr wie angegossen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,641960,00.html
Audrey Tautou ist eben nicht "niedlich". Wer sie aus ihren Rollen kennt, weiß, dass sie eine grandiose Schauspielerin ist. Coco Chanel hat die Mode revolutioniert und einen Stil kreiert, der bis heute nie out war und millionenfach kopiert wurde/wird.
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