Comic-Mogul Avi Arad Mutanten statt Machtmenschen

Avi Arad ist der Boss von Hulk, Captain America und den X-Men, als Chef des legendären Marvel-Verlags verwaltet er ein wichtiges Stück Pop-Kultur. Mit den "Spider-Man"-Filmen gingen dem US-Produzenten auch massenweise Kinofans ins Netz - der Beginn eines Comic-Booms auf Zelluloid.

Wenn am heutigen Dienstag "Spider-Man 2" in Berlin Europapremiere hat, wird auch er dabei sein: Avi Arad, Produzent des Films und Chef des Comicunternehmens Marvel. Arad wird gelassen über den roten Teppich schlendern, "Spider-Man 2" hat in den USA seit der Premiere am vergangenen Mittwoch bereits die Rekordsumme von 180,1 Millionen Dollar eingespielt.

Kalkül? Know-how? Arad gibt sich bescheiden: "Man kann nicht losgehen und eine Geschichte entwerfen, um so und soviel Millionen Dollar damit zu verdienen. Das kann nur schiefgehen", sagt der 55-Jährige. Er muss es wissen: Der Star-Produzent hat bereits die Kassenknüller "Blade" und "X-Men" auf die Leinwand gebracht und bastelt derzeit an einem weiteren Dutzend Marvel-Verfilmungen. Bescheidenheit hin oder her: Arad hat die Comic-Helden im Kino wieder salonfähig gemacht. Mit der Fortsetzung von "Spider-Man", der vor zwei Jahren den erfolgreichsten Filmstart aller Zeiten hinlegte, konnte er sich nun selbst übertreffen. "Der erste Film hatte viel mit Aberglauben zu tun - man wollte sich am liebsten nicht bewegen, bevor man wusste, woran man ist. Aber jetzt wissen wir, dass wir wunderbar emotionale Geschichten zu erzählen haben. Wir können praktisch für immer so weiter machen!", freut sich der Produzent.

Große Literatur, wunderbare Metaphern

Avi Arad ist eine Art John Lasseter des Action-Films. Was Lasseter mit Filmen wie "Toy Story" und "Das große Krabbeln" für das Zeichentrickgenre leistete, hat Arad mit der Comicwelt vor: die Stoffe der Kinder- und Jugendliteratur so lange zu veredeln, bis sie für kleine und große Zuschauer gleichermaßen genießbar sind. "Unsere Comicbücher", sagt Arad, "sind große Literatur mit wunderbaren Metaphern über das wirkliche Leben und den Umgang mit Ängsten und Hoffnungen."

Superhelden, räumt er mit einem gängigen Comic-Vorurteil auf, gebe es bei Marvel nicht. Die Figuren seien vielmehr eingespannt in eine komplizierte Verpflichtung, das Gute zu verkörpern, aber auch das Böse habe bei Marvel einen vielschichtigen Ursprung. "Wir haben kein Interesse an Typen, die eines Morgens aufwachen und die Welt unterwerfen wollen. Bei uns sind das Leute, die irgendwo zufällig falsch abgebogen sind, die einen Unfall, eine Mutation, eine persönliche Katastrophe erlitten haben."

Arad kam 1970 als Sohn polnischer Eltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel emigriert waren, in die USA. Hier entwarf er zunächst Puppen für den Spielzeuggiganten Toybiz. Als Marvel einen Teil des Unternehmens übernahm, wechselte er 1993 zu dem legendären Comicverlag.

Nach dem Konkurs des Verlagshauses Mitte der Neunziger und den Justizschlachten um die Rechte an den Figuren, die Marvel mal hierhin, mal dorthin verhökert hatte, fiel die Leitung der neu formierten Marvel Entertainment Group in die Hände von Toybiz-Chef Isaac Perlmutter. Gemeinsam mit dem Freund und Ex-Kollegen Arad stellte er die Firma wieder auf die Beine. 1999 gelang Arad das Kunstück, die Rechte für eine Spider-Man-Verfilmung zu ergattern - der Auftakt des filmischen Comebacks von Peter Parker alias Spidey, der Spinnenmann.

"Der Schlüssel für mich ist", erklärt Arad, "dass es heute eine ganze Generation von Filmemachern, Videospiel-Designern und Studiochefs gibt, die mit Comics aufgewachsen sind. Comics sind im Grunde nichts anderes als Storyboards."

Romantik und Liebe als Erfolgsrezept

Das wahre Geheimnis allerdings, aus einem Comic einen Erfolgsfilm zu machen, sei letztlich banal: Nicht komplizierte Konflikte und aufwendige Stories sorgen für den nötigen Drive, sondern schlicht eine starke weibliche Hauptfigur. "Die meisten Filme funktionieren unterm Strich durch den romantischen Aspekt. In der Vergangenheit war das schwierig, weil die Frauen sagten: Oh, ein Comic, nichts für mich! Aber indem wir der Liebesgeschichte mehr Raum verschaffen und zeigen, dass Romantik und Liebe eigentlich das sind, was das Leben in Bewegung hält, machen wir inzwischen Filme für jedermann."

Arads erster großer Coup war "Blade", die mit einem Budget von 45 Millionen Dollar verfilmte Geschichte des gleichnamigen Vampirs, der in einen Krieg zwischen Menschen und Blutsaugern gerät. "Blade" wurde mit mehr als 70 Millionen eingespielten Dollar allein in den USA ein Überraschungserfolg. Prompt gab es grünes Licht für die 75-Millionen-Dollar-Verfilmung der "X-Men". Das Action-Spektakel um eine Truppe heldenhafter Mutanten brachte in Amerika 155 Millionen Dollar in die Kinokassen, ein dritter Teil ist derzeit in Vorbereitung.

Einen ersten Dämpfer bekam der "Hulk": Die Action-Tragödie um den grünen Kraftmeier ließ zwar kreativ und finanziell die Muskeln spielen, erwirtschaftete aber nur knapp ihr monströses Budget von 130 Millionen Dollar und fiel bei der Kritik durch. Für Marvel wurde der Film allerdings dennoch zum Erfolg - Merchandising sei Dank.

Man sei "einfach zu sehr in die Tiefe gegangen", weiß Arad rückblickend; mit Regisseur Ang Lee, eher bekannt für komplexe Dramen als für handfeste Action, habe man sich nun mal auf die Erforschung der Seele und ihrer Facetten, in diesem Fall der Wut, eingelassen. Für das Publikum eine Überforderung. "Aber es geht bei Comics eben nicht bloß darum, Action zu zeigen, nur weil die Kids das mögen. Die größte Herausforderung ist immer die Geschichte."

Nie wieder Spider-Man

So ist für Arad Dreh- und Angelpunkt von "Spider-Man 2" die Story. Es geht "um einen Jungen aus der Arbeiterschicht, der mit Schuldgefühlen, Arbeitslosigkeit, Schulversagen zu kämpfen hat - alles wegen seiner Superkräfte. Wie kann ein 20-Jähriger all diese Schläge verkraften?" Das Motto dieses Films, sagt Arad ohne jede Ironie, sei ganz klar gewesen: "Nie wieder Spider-Man."

Wie konsequent Comic-Connaisseur Arad am Profil seiner Leinwand-Lieblinge arbeitet, beweist sein Engagegment bereits in der Drehbuchphase: Als Spider-Man in einer frühen Version seinem Widersacher die Kehle durchschneiden sollte, legte Arad sein Veto ein. "Spider-Man bringt niemanden um. Das wäre das Aus!"

Trotzdem muss man kein Comic-Fan sein, um die Marvel-Mythen, deren mächtiger Verwalter Arad geworden ist, zu verfilmen. Bryan Singer etwa, der nach "Die üblichen Verdächtigen" die "X-Men" fürs Kino adaptierte und derzeit am dritten Teil der Mutanten-Saga sitzt, hat das dazugehörige Comic nie gelesen. "Aber der Mann", sagt Arad, "ist ein brillanter Kopf, Jude und bekennender Homosexueller - wer könnte sich besser mit einer Gruppe Menschen identifizieren, die sich wie Aliens fühlen?"

Arads nächste Projekte: Die Filmfassung von "Elektra" durch "X-Akten"-Regisseur Rob Bowman - allerdings als Komödie. "Alias"-Star Jennifer Garner spielt die Auftragskillerin, die bei einem Job die Seiten wechselt. Daneben bereitet Regisseur John Singleton ("Shaft") die Leindwandfassung des schwarzen Marvel-Superhelden Luke Cage vor, eines Söldners mit kugelsicherer Haut. Und auch die "Fantastischen Vier", eine Gruppe von Astronauten, die mit übermenschlichen Fähigkeiten aus dem All zurückkehrt, befinden sich bereits in Vor-Produktion.

Arad denkt sogar über eine moderne Adaption von "Captain America" nach, jenem Super-Patrioten, der von 1941 bis 1948 die Nazis bekämpfte. "Mich würde interessieren, wie der unsere heutige Welt beurteilt."

Die Helden stehen also schon Schlange, um auf der Leinwand Action- und Liebesabenteuer zu bestehen, allen voran Spider Man. Dem Internet-Magazin IGN Filmforce vertraute Arad vor kurzem an: "Wir wollen bis zu neun Filme machen. Aber wenn wir irgendwann alle mit dem Gefühl rumsitzen, festzustecken und keine Geschichte zu haben, dann hören wir auf."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.