Community als Kinostoff Mordbefehl im Wunderland

Erschießen wir den Präsidenten? Voten Sie jetzt mit Ja oder Nein! Zwei Kinofilme hinterfragen die unheimliche Macht digitaler Netzwerke. In "8th Wonderland" läuft eine Community Amok, in "Summer Wars" eine künstliche Intelligenz. Wer soll siegen - die neue oder die alte Welt?
Community als Kinostoff: Mordbefehl im Wunderland

Community als Kinostoff: Mordbefehl im Wunderland

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Ein Staat hat eine Landfläche. Mal einen halben Kontinent wie die USA, mal einen halben Quadratkilometer wie der Vatikan. Er hat eine Regierung, die Ordnung schafft, und Bürger, die in diesem Land leben. Das ist das Mindeste, was einen Staat ausmacht.

Oder?

"8th Wonderland" ist ein Staat ohne Land. Ein Staat, der irgendwie die ganze Welt umfasst. Und Millionen Bürger, die mit klassischen Staaten nichts mehr zu tun haben wollen. "8th Wonderland" ist eigentlich ein soziales Netzwerk, aber es ist außer Kontrolle geraten. Die Mitglieder der Plattform haben genug von ihren Regierungen, von raffgierigen Konzernen, von globaler Ungerechtigkeit. Deshalb haben sie sich für unabhängig erklärt. Ein Club von selbsternannten Weltverbesserern greift nach der Macht.

Abgestimmt wird streng demokratisch. Auch darüber, ob ein Mitglied des Netzwerks einen Politiker erschießen soll. Eine knappe Mehrheit ist dafür. Wenig später fallen Schüsse, und der spanische Präsident ist tot.

Ein Beschluss, der die virtuelle Gemeinschaft spaltet. Und die alten Institutionen erschüttert. Das Online-Regime wird nun als Terrororganisation gejagt.

Es ist eine interessante Vision, die der französische Film "8th Wonderland" da entwirft. Wie das Anime-Werk "Summer Wars", das ebenfalls an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, dreht er sich um die künftige soziale Sprengkraft digitaler Netze. In "Summer Wars" müssen Nutzer einen Computervirus besiegen, der ein Land ins Chaos stürzt, in "8th Wonderland" bringen Web-Revolutionäre die Welt ins Wanken - und in beiden Filmen lautet die eigentliche Frage: Wie viel Macht können soziale Netzwerke entfalten, die Hunderte Millionen Menschen nutzen?

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"8th Wonderland": Die digitale Revolutionsgarde

Foto: Neue Visionen Filmverleih

In der Realität von heute beschränken sich Facebook und Co. noch streng auf die Rolle eines sozialen Dienstleisters. Politisch ticken eher andere Internet-Organisationen wie die Enthüller von WikiLeaks. Aber was, wenn Community-Größen plötzlich politisches Selbstverständnis entwickeln?

Was, wenn naive Web-Revolutionäre eher versehentlich die Staatsgewalt herausfordern und sich in einen Machtrausch hineinsteigern?

Eine solche radikale Gemeinschaft der Freien und Gleichen kann in den virtuellen Abgrund steuern und dabei ganz reale Menschen mitreißen. Das ist die eine Botschaft der Filmemacher Nicolas Alberny und Jean March in "8th Wonderland". Sie erzählen das spektakuläre Scheitern ihrer Netz-Revolutionäre mit der nötigen Ironie und flüssig - leider sind manche Charaktere hölzern geraten, und die überzogen dargestellte Macht der Hacker stört. Aber dafür gelingt ihnen noch eine andere, genauso wichtige Botschaft: Die alten Strukturen der realen Welt haben ausgedient. Die Abwehrreflexe der "8th Wonderland"-Bekämpfer entlarven diese als ewiggestrige Machtverwalter.

Was im achten Wonderland falsch lief? Machen die Nutzer der nächsten Version einfach besser. So progressiv, so optimistisch ist der Film dann doch.

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"Summer Wars": Love Machine außer Kontrolle

Foto: Summer Film Partners

Weniger subversiv geht es in dem japanischen Werk "Summer Wars" zu. Hier kapert eine künstliche Intelligenz das "OZ", eine Art Second Life, in dem ganz Japan Mitglied ist und über das nicht nur kommuniziert wird. Von Banken über Ministerien bis hin zu Unternehmen: Alle und alles hängt an "OZ". Der Computerwurm mausert sich daher binnen kürzester Zeit zum Supermonster, indem er das ganze Land lahmlegt.

Ein mathebegeisterter Oberstufenschüler namens Kenji hat der künstlichen Intelligenz unwissentlich geholfen, den Sicherheitscode von "OZ" zu knacken. Weil wegen das landesweiten Chaos auch die Geburtstagsparty für die 90-jährige Großmutter einer Schulfreundin auf der Kippe steht, macht er sich unter Anführung der Matriarchin mit seiner gesamten Familie daran, "OZ" von dem Virus namens "Love Machine" zu befreien.

Auch "Summer Wars" hat Bezüge zur Realität. Zwar lassen sich via Facebook nicht gleich ganze Staaten steuern, aber tatsächlich berührt die Abhängigkeit unseres Alltags von bestimmten Netzanbietern aktuelle Debatten. Und tatsächlich haben sich Hacker schon virtuelle Freundschaften zu Mitarbeitern von Sicherheitsbehörden erschlichen, um sich Zugang zu deren Systemen zu verschaffen.

Biedere Familiengeschichte

Letztlich erzählt Regisseur Mamoru Hosoda aber doch nur eine biedere Familiengeschichte. Der Clan reißt sich zusammen, begräbt seine Fehden und rettet die Welt: Hört nur alle schön auf Oma! Blutsbande sind stärker als virtuelle Freundschaften, das Unheil aus dem Internet wird zurückgeschlagen.

Die alte Welt triumphiert über die neue. Ein deutlich klassischerer Ansatz als in "8th Wonderland".

So unterschiedlich die Werke sind - beide zeigen, wie soziale Strukturen durch digitale Netzwerke herausgefordert werden. Und beide sind damit weiter als Hollywood. Die US-Filmfabrik bringt im Oktober David Finchers ("Fight Club", "Zodiac") Aufarbeitung des Facebook-Gründungsmythos in die Kinos, wobei Firmenchef Mark Zuckerberg als Vorlage für "The Social Network" herhalten muss. Und Anfang 2011 sollen sich Cyberkrieger in "Tron 2" durch virtuelle Hochglanzwelten ballern. Da sind die Kollegen in Frankreich und Japan ein paar Schritte weiter.


"Summer Wars". Kinostart 12. August. Regie: Mamoru Hosoda.
"8th Wonderland". Kinostart 12. August. Regie: Nicolas Alberny und Jean Mach.

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