Familiendrama "Was bleibt" Schlaf der Selbstgerechten

Mama ist bipolar, die Söhne leiden. Doch ist die Frau wirklich am verpfuschten Leben ihrer Lieben schuld? "Was bleibt" ist ein kluges Drama über die Familie im ewigen Ausnahmezustand. Das einzige Manko: Corinna Harfouch spielt zu gut.
Familiendrama "Was bleibt": Schlaf der Selbstgerechten

Familiendrama "Was bleibt": Schlaf der Selbstgerechten

Foto: 23/5 Filmproduktion

Wenn man etwas zu verkünden hat, schart man gerne seine Lieben um sich. Beförderungen, Hochzeiten und Jubiläen lassen sich im Kreise der Familie am besten begehen. Auch Mutter Gitte (Corinna Harfouch) will feiern und hat deshalb für ein Wochenende den Nachwuchs zusammengetrommelt: 30 Jahre Depression, 30 Jahre im Bann einer Krankheit. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Gerade hat Gitte ihre Pillen abgesetzt.

Applaus gibt es für diese Ankündigung nicht. Ohne ihre Antidepressiva ist Gitte unberechenbar, ohne Antidepressiva verwandelt sie das Eigenheim in eine Hölle. Dabei war doch alles in Ordnung, "Mama war eingestellt", wie einer der Söhne später dem anderen in der Küche zuflüstert. Jetzt sind alle Augen voller Angst auf Gitte gerichtet: Wann wird sie explodieren?

Die Mutter als negatives Kraftzentrum, eine Rolle wie geschaffen für Corinna Harfouch, die sich in "Was bleibt" als Meisterin des gedrosselten Spiels beweist. Sie verkörpert die Depressive eben nicht als zitterndes Nervengerüst, als die Familie hinwegfegende Furie. Mal bricht ihr abrupt das Lächeln weg, mal schaut sie mit diesem sonderbar entrückten Blick. Harfouch, die hier ihren vielleicht besten Filmauftritt hat seit der Sponti-Mutter 2007 in Alain Gsponers "Rose", vermittelt auch im stillsten Moment ein Potential verheerender Zerstörungskraft: Mama, die Bombe.

Fotostrecke

"Was bleibt": Vater, Mutter, Depression

Foto: 23/5 Filmproduktion

Wie die Depressive, die sie spielt, zieht Harfouch unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich. Die anderen Darsteller, das liegt in der Natur der Sache, geraten da ein wenig aus dem Fokus. Ihr Spiel bleibt statisch. Dabei ist Hans-Christian Schmids Film, der auf der Berlinale 2012 eher gemischte Reaktionen hervorrief, eben keine Krankenakte einer Psychiatriepatientin, sondern ein Familiendrama mit kompliziertem Wirkungsgeflecht. Wer hier wen beeinflusst, was hier welche Störung hervorgerufen hat, ist nicht so leicht aufzulösen.

Ehe als Anlageprojekt

Natürlich, von Mutters Krankheit ist immer eine mächtige negative Energie ausgegangen. Aber könnte es sein, dass sich die restlichen Familienmitglieder in diesem negativen Energiefeld ganz gut eingerichtet haben? Ambitionen werden zurückgestellt, das verhindert Enttäuschungen. Somnambul bewegen sich Mann und Kinder von Gitte durch ihr Dasein, gelegentlich scheinen sie in einer Art Schlaf der Selbstgerechten dahinzudämmern.

Da ist zum Beispiel Ehemann Günter (Ernst Stötzner), ein frisch pensionierter Verleger, der sich nach 30 Jahren Pflegeeinsatz jetzt endlich tolle Reisen nach Nahost gönnen will. Geliebte inklusive. "Ich habe mein Leben in die Ehe investiert", sagt er einmal; als ob eine Beziehung eine Firmenbeteiligung mit Renditeversprechen ist. Und jetzt fällt ihm auf einmal auf, dass der Gewinn an Glück durch Gitte eher gering ist.

Auch Sohn Jakob (Sebastian Zimmler) hat sich aufgeopfert. Er betreibt glücklos eine Zahnarztpraxis im Heimatort der Familie, weil er sich immer dazu verpflichtet gefühlt hat, Verantwortung für die Mutter zu übernehmen. Für ausbleibende Einnahmen kommt der wohlhabende Verleger-Vater auf. Marko (Lars Eidinger), der andere Sohn, ist ebenfalls nicht so recht in einem eigenen Leben angekommen: Er ist ein Streuner, ein Prediger des Provisoriums - und der einzige, der es gut findet, dass Gitte die Pillen absetzt. Hat ja auch leicht reden, war ja nie da, wenn die Mutter auf die anderen einschrie.

Lakonisch, aber nicht ohne Empathie erzählt Schmid in "Was bleibt" (Buch: Bernd Lange) von der neurotischen Gemengelage, Familie ist hier ein ewiger Ausnahmezustand. Man fühlt mit den Charakteren, ohne ihnen zu verfallen. Die visuelle Wucht seines Frühwerks "23" erreicht der Regisseur freilich ebenso wenig wie die psychologische Zwangsläufigkeit seines Exorzismus-Dramas "Requiem". Am Ende steuert Schmid - dem fatalen Ausgang der Krankengeschichte zum Trotz - auf eine Art Zwangsharmonisierung der Figuren hin.

Überflüssigerweise. Denn oft genug gibt es in "Was bleibt" Momente verquerer Zärtlichkeit. Etwa wenn sich die Familie im Wohnzimmer spontan dazu hinreißen lässt, unisono Charles Aznavours legendären Depro-Chanson "Du lässt dich gehen" anzustimmen. Da betritt auf einmal, ummäntelt von Angst und Zorn, die Liebe den Raum.

Mehr lesen über Verwandte Artikel