Filmbranche in der Coronakrise Hollywoods Horror

Kinos geschlossen, Filmstarts geplatzt, Stars in Quarantäne: Die Coronavirus-Pandemie stürzt Hollywood in eine existenzielle Krise. Der Entertainment-Branche drohen Milliardenverluste.
Von Marc Pitzke, New York
Universal Studios Theme Park in Hollywood: Bis auf Weiteres geschlossen.

Universal Studios Theme Park in Hollywood: Bis auf Weiteres geschlossen.

Foto: Amy Sussman/ AFP

Bob Chapek, Disneys neuer Vorstandschef, ist erst seit drei Wochen im Amt. Sein Motto? "Weiter so", sagte der Nachfolger des langjährigen, sehr erfolgreichen Chefs Bob Iger dem TV-Sender CNBC noch Ende Februar. Trotzdem wisse er natürlich: "Störungen und Wandel sind in diesem Geschäft unvermeidlich."

Doch so eine brutale Störung hatte er sicher nicht erwartet.

Die Coronavirus-Pandemie, deren Auswirkungen bei Chapeks Dienstantritt für viele noch schwer vorstellbar waren, trifft den weltgrößten Entertainment-Giganten inzwischen hart. Disneys Geschäft mit Filmen, TV-Shows, Freizeitparks und Kreuzfahrten ist fast komplett zusammengebrochen. Allein die Schließung von Disney World und seinen Schwesterparks auf drei Kontinenten könnte den kalifornischen Konzern nach Schätzung von Medienanalysten bis zu 680 Millionen Dollar kosten .

Der Eingang von Disneyland im kalifornischen Anaheim: Erstmals seit dem 11. September 2001 für längere Zeit geschlossen

Der Eingang von Disneyland im kalifornischen Anaheim: Erstmals seit dem 11. September 2001 für längere Zeit geschlossen

Foto: MARIO ANZUONI/ REUTERS

Disney steht nicht alleine. Dreharbeiten abgebrochen, Premieren verschoben, Stars in Quarantäne, Crews ohne Arbeit: Ganz Hollywood leidet unter der Krise. Kinoeinnahmen kollabieren, weil die Filmtheater dicht machen. Die Serienproduktion steht still, kurz vor Beginn der neuen Saison. US-Talkshows kommen nur noch aus der Konserve. Das wichtigste internationale Filmfestival des Frühsommers im südfranzösischen Cannes steht in Frage.

Fast sinnbildlich für die Krise ist die Nachricht, dass der Superstar Tom Hanks und seine Frau Rita Wilson mit dem Virus infiziert sind, mittlerweile sollen sie jedoch aus dem Krankenhaus entlassen worden sein und in Australien unter Quarantäne stehen. Auch Schauspieler Idris Elba gab bekannt, dass er an Covid-19 erkrankt sei. In einer Videobotschaft auf Twitter teilte er mit, dass er Kontakt mit einer infizierten Person hatte, selbst aber keine Symptome habe.

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Die Entertainment-Branche erlebt ihren realen Science-Fiction-Horrorfilm. Durch die Pandemie drohen Hollywood nach Expertenrechnung mindestens 20 Milliarden Dollar finanzielle Einbußen - eine existenzielle Frage. Allein die Box-Office-Zahlen in Asien, wo die Pandemie ihren Anfang nahm, rutschten seit Januar um fast zwei Milliarden Dollar ab.

Am Wochenende verschärfte sich auch die Situation für Nordamerikas Kinos. Viele schlossen, andere durften aus Gründen der Prävention ihre Säle nur zur Hälfte mit Publikum besetzen und spielten gerade mal 55,3 Millionen Dollar ein - das schlechteste Ergebnis seit 22 Jahren, ein Einbruch des Marktes um 45 Prozent binnen einer Woche. Die restlichen US-Kinos machen ab diesem Montag dicht.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Hinzu kommt: In Hollywood zählen persönliche Kontakte. Vorproduktionen, "Writers Rooms", Drehs, Deals, Casting: Das Business lebte bislang vom direkten Kontakt und muss jetzt sehr schnell umdenken – wie der Rest der Welt. "Niemand leistet gerade gute Arbeit", beschreibt ein Insider dem Magazin "Vanity Fair" die Atmosphäre an einem noch operierenden Set . "Wir drehen einen Film, aber es fühlt sich so an, als leben wir in einem Film."

Tausende Arbeitnehmer hinter den Kulissen stehen auf der Straße. Viele sind Freelancer und haben keine Krankenversicherung. "Unsere Mitglieder in allen Bereichen der Entertainment-Industrie leiden finanzielle Not", klagt Matt Loeb , der Chef der Crew-Gewerkschaft IATSE. Film- und Fernsehproduktionen trügen fast 50 Milliarden Dollar pro Jahr zur amerikanischen Wirtschaft bei und seien für 2,1 Millionen Arbeitsplätze verantwortlich - weshalb der Staat die Branche nun ähnlich unterstützen müsse wie die Wall Street.

Werbung für "No Time to Die" am Londoner Picadilly Circus: Filmstart auf November verschoben

Werbung für "No Time to Die" am Londoner Picadilly Circus: Filmstart auf November verschoben

Foto: Victoria Jones/ dpa

Alle Studios fuhren die Produktion bereits weitgehend herunter, darunter auch die Streamingdienste Netflix, Amazon und Apple TV. Unter den Drehs, die bis auf weiteres eingestellt werden mussten: "Mission: Impossible 7" mit Tom Cruise, das dreiwöchige Aufnahmen in Venedig abbrach, "Jurassic World: Dominon" und "The Batman".

Der Kinostart des neuen James-Bond-Films "No Time to Die", der letzte mit Daniel Craig in der Titelrolle, wurde von April auf November verschoben. Das dürfte das Studio MGM nach Recherchen des Brachenblatts "Hollywood Reporter" bis zu 50 Millionen Dollar kosten, fast ein Fünftel so viel wie der ganze Film. MGM hatte schwer in Werbung investiert, etwa einen 4,5 Millionen Dollar teuren TV-Sport beim Super-Bowl-Endspiel.

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"A Quiet Place II", die Fortsetzung des Horrorhits von 2018, sollte am Wochenende anlaufen, wurde aber schnell aus dem Programm genommen. Verlust für Paramount: rund 30 Millionen Dollar.

Ähnlich die Einschnitte im US-Fernsehgeschäft: Warner Brothers stoppte mehr als 70 TV-Serien, NBCUniversal 35, etwa Hits wie "Law & Order: SVU" . Das ABC-Ärztedrama "Grey's Anatomy" hängt am Tropf. Talkshows wie die "Late Show" und die "Tonight Show" senden nur noch Archivfolgen, ebenso Soap Operas ("General Hospital"), Quizshows ("Jeopardy!", "Wheel of Fortune") und Reality-Wettbewerbe. "Amazing Race" rief seine Kandidaten, die um die Welt jetten, wieder nach Hause zurück.

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Am schlimmsten ist jedoch Disney betroffen, dessen Geschäfte in jeden Bereich der globalen Vergnügungsbranche reichen - bis hin zu Kreuzfahrtlinien, die ja ebenfalls nicht mehr betrieben werden. Die Coronakrise werde sich "unverhältnismäßig negativ" auf Disneys drei wichtigste Profitzentren auswirken (Parks, Studios, Medien), schrieb die Analystin Laura Martin. Titel ihres Berichts, in Anspielung auf Disneys "Magic Kingdom": "Vielleicht Magie, aber kein Glück."

Disneys Park-, Resorts- und Kreuzfahrtsparte war 2019 für 37 Prozent des Gesamtumsatzes verantwortlich. Das "Magic Kingdom" in Florida ist mit 21 Millionen Besuchern im Jahr  der meistbesuchte Freizeitpark der Welt, gefolgt von Disneyland in Kalifornien (19 Millionen) und Tokyo Disneyland (18 Millionen). Die Parks in Asien sind bereits seit Februar geschlossen, Disneyland Paris und die amerikanischen Parks seit Sonntagabend. Zuletzt waren die enormen US-Anlagen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stillgelegt worden.

Disneys Sportnetwork ESPN leidet unter dem Komplettausfall der aktuellen US-Sportsaison. Schon stürzen Disneys Umsatzprognosen. Noch schneller stürzt die Aktie, und zwar seit Jahresbeginn um 31 Prozent - ein Marktwertverlust von mehr als 70 Milliarden Dollar.

Ein Hoffnungssschimmer ist der neue Streamingservice Disney+: Dort machte Disney sein Animationsmärchen "Frozen 2" jetzt drei Monate früher als geplant verfügbar, um "Familien in diesen schwierigen Zeiten mit etwas Spaß und Freude zu überraschen" - und um neue Abonnenten zu ködern.

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