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Filmbranche Drama im Lichtspielhaus

Kinos sind geschlossen, Filmstarts verschoben, Festivals abgesagt. Für die Filmbranche ist die Coronakrise ein Desaster. Doch es gibt auch Profiteure.
aus DER SPIEGEL 12/2020
Treppe vor Festivalpalais Cannes: Nur ein paar Hundert Kilometer von der Lombardei entfernt

Treppe vor Festivalpalais Cannes: Nur ein paar Hundert Kilometer von der Lombardei entfernt

Foto: Mauritius Images

In Zeiten der Krise erlebt das Kino nicht selten einen Boom. In den Dreißigerjahren, nach dem Börsenkrach von 1929, oder während des Zweiten Weltkriegs kamen die Zuschauer in Massen. Gerade das Kollektiverlebnis in gefüllten Sälen, das gemeinsame Lachen, Weinen und Bangen, gab ihnen offenbar die Hoffnung, auch schwersten Widrigkeiten trotzen zu können.

Seit dem 11. September 2001 gab es immer wieder Phasen, in denen die Menschen Angst hatten, ins Kino zu gehen, weil sie fürchteten, Opfer von Anschlägen oder Amokläufen zu werden. Aber auch da war es immer die Gemeinschaft, die sich einer Bedrohung gegenübersah und sich ihr entgegenstellte. Die Menschen strömten weiterhin in die Säle.

Die Coronakrise könnte dies grundlegend verändern. Auf einmal droht die Gemeinschaft selbst das Problem zu werden, der Sitznachbar, von dem man sich bislang immer so gern mit seinem Lachen anstecken ließ. Corona kehrt das, was den Reiz und die Besonderheit des Kinos ausmacht, in einen Grund um, es zu meiden.

Seit Ende Januar sind in China nahezu alle 70.000 Kinos geschlossen, die bisherigen Verluste sollen sich schon auf zwei bis drei Milliarden Dollar belaufen – auch wenn die ersten Spielstätten jetzt offenbar wieder geöffnet werden. Weltweit stellen immer mehr Kinos den Betrieb ein. Experten schätzen, dass Hollywood Einbußen von 20 Milliarden Dollar hinnehmen könnte.

Filmstarts werden verschoben, Dreharbeiten abgesagt. Fraglich ist auch, ob das Festival von Cannes Mitte Mai, einer der Höhepunkte des Kinojahrs, stattfinden wird. Bisher wollen die Offiziellen daran keinen Zweifel aufkommen lassen. Momentan scheint es unvorstellbar, auch wegen der weltweiten Reisebeschränkungen.

Tatsächlich waren die Besucherzahlen der deutschen Kinos bis zuletzt ganz in Ordnung, am ersten Märzwochenende lagen sie sogar über denen der Vorwoche. Den erfolgreichsten Film, die Adaption von Marc-Uwe Klings "Känguru-Chroniken", sahen 320.000 Zuschauer – der bislang beste Start einer deutschen Produktion in diesem Jahr.

"Angesichts der Lage sind die Zahlen super", sagte "Känguru"-Produzent Stefan Arndt in der vergangenen Woche. "Wie sie ohne Corona wären, kann man natürlich nicht sagen."

Am letzten Wochenende, als schon in einigen Städten Kinos geschlossen waren, kamen nur noch 90.000, um die "Känguru-Chroniken" zu sehen. Unter normalen Umständen hätte der Film vermutlich insgesamt ein bis zwei Millionen Zuschauer oder sogar mehr angelockt, nun werden es nicht viel mehr als 500.000 sein.

Bis dahin taten die Kinogänger, was sie in schweren Zeiten meistens tun: Sie setzten sich vor die Leinwand, um sich auf andere Gedanken bringen zu lassen. "Natürlich wissen wir nicht, wie es weitergeht", meint Arndt. "Doch das Kino als sozialen Ort sehe ich überhaupt nicht gefährdet. Das Bedürfnis nach gemeinsamem Erleben wird bleiben, denn es ist einfach zutiefst menschlich."

Fällt im Kino jetzt endgültig der Vorhang?

Das Kino hat schon viele Krisen überstanden. Erst brachte das Fernsehen den Menschen die Filme nach Hause, dann kamen Videokassette und die DVD. Und doch gab es auf der Welt noch nie so viele Kinos wie heute.

Doch eines ist auch klar: Ohne massive finanzielle Unterstützung werden die meisten Filmtheater diese Krise nicht überstehen. Zumal die Deutschen ohnehin viel seltener ins Kino gehen als etwa die Franzosen. Auch viele Produktionsfirmen fürchten um ihre Existenz. Sie müssen Projekte verschieben.

"Das Problem ist, dass man einen Filmdreh kaum gegen die Folgen einer Pandemie versichern kann", sagt ein Brancheninsider. Wenn einer im Team erkranke, müssten alle in Quarantäne, der Dreh werde abgebrochen, und der Produzent bleibe auf den Kosten sitzen.

"Wir bereiten gerade einen großen Film vor und stellen tausend Überlegungen an, ob wir ihn machen können oder besser verschieben sollen", so Arndt. "Doch Schauspieler und Regisseur sind später womöglich nicht mehr zu haben, wegen anderer Verpflichtungen. Ein Riesenproblem. Die Folgen sind unabsehbar."

Wenn zu der Verschiebung von Kinostarts noch die von Dreharbeiten hinzukommt, hat die Branche gleich zwei große Probleme. Es gibt zunächst einen Rückstau, der dazu führt, dass sich nach Ende der Krise zu viele Filme gegenseitig das Publikum wegnehmen. Doch ein paar Monate später könnte es dann schon einen Mangel an Nachschub geben.

Der größte Profiteur all dieser Probleme könnte ausgerechnet der größte Konkurrent sein, der dem Kino in den vergangenen Jahren erwachsen ist: Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime, Apple TV+ oder die in wenigen Tagen auch in Deutschland startende Plattform Disney+.

Die Zuwachsraten dieser Anbieter sind enorm. Nun haben die Menschen einen Grund mehr, vielleicht sogar den besten, den man sich vorstellen kann, auf dem Sofa Filme zu schauen: die eigene Gesundheit.

Was Abrufzahlen angeht, geben sich die Streamingdienste sehr bedeckt. Im Augenblick sind sie noch weniger bereit, Zahlen zu nennen. Man kann das sogar verstehen, sie wollen nicht als Nutznießer der Krise gelten. Doch sie profitieren davon, dass immer mehr Veranstaltungen abgesagt werden. Weil sich das Freizeitangebot durch Corona Tag für Tag reduziert, wird das Streamen von Filmen und Serien noch populärer werden.

Hollywood-Studios wie Universal haben das erkannt und bringen ihre Filme gleich direkt im digitalen Verleih heraus. Das sogenannte Kino-Fenster, das den Filmtheatern eine exklusive Auswertungszeit von einigen Monaten garantiert, wird vorübergehend aufgehoben.

"Anstatt all diese Filme zu verschieben oder in ein umkämpftes Marktumfeld zu schicken, wollen wir den Leuten eine einfache und bezahlbare Möglichkeit geben, sie zu Hause zu sehen", zitiert das Branchenmagazin "Blickpunkt Film" den NBCUniversal-Chef Jeff Shell.

Wie das aussehen kann, war vor einigen Wochen in China zu beobachten. Weil die Kinos wegen der Coronakrise schon während des dortigen Neujahrsfestes geschlossen waren, der besucherstärksten Zeit des Jahres, standen einige Produzenten vor enormen, existenzbedrohenden Verlusten.

Daraufhin entschloss sich die Huanxi Media Group, ihre Produktion "Lost in Russia" an den Internetkonzern ByteDance zu verkaufen. Der wiederum bot den Film seinen Nutzern kostenlos an. Angeblich soll er 600 Millionen Mal abgerufen worden sein.

Hätten all diese Menschen für "Lost in Russia" eine Kinokarte bezahlt, wäre er der erfolgreichste Film der Kinogeschichte.

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