Cannes-Gewinner "Dämonen und Wunder - Dheepan" Die Rückkehr des Kriegers

Flüchtlinge, die keine Bittsteller sein wollen: Der in Cannes ausgezeichnete Film "Dämonen und Wunder" wechselt unvermittelt vom Drama zum Action-Thriller. Großes Körperkino.
Von Birgit Glombitza
Cannes-Gewinner "Dämonen und Wunder - Dheepan": Die Rückkehr des Kriegers

Cannes-Gewinner "Dämonen und Wunder - Dheepan": Die Rückkehr des Kriegers

Foto: Weltkino

Dheepan und Yalini sind kein Paar, nur eine seltsame Addition. Genau wie Dheepan und Yalini und Illay. Die drei sind auch keine Familie. Sie tun nur so, weil es besser zu den gefälschten Papieren passt. Sie imitieren es für die Schleuser, die Grenzer, die französischen Einwanderungsbehörden. Eine verzweifelte Zwangsgemeinschaft, die ihren Pragmatismus mit vielen zwar biologischen, aber dysfunktionalen Familien gemein hat.

Dheepan, Yalini und Illay sind Tamilen. Ihre Heimatorte gibt es nicht mehr auf Sri Lanka, sie haben alles in den Unruhen des Bürgerkriegs verloren. Yalini (Kalieaswari Srinivasan), die Zivilistin, von der man leider nur wenig erfährt. Illay, das etwa neunjährige Mädchen (Claudine Vinasithamby), das einmal irgendwessen Tochter war. Und Dheepan, der einstige Guerillakämpfer, der nichts mehr hat, für das es sich noch lohnt, in die Schlacht zu ziehen.

Wenn wir ihn jedoch bei seinem ersten Job in Europa beobachten, ist kaum vorstellbar, dass diese weiche, zurückhaltende Erscheinung jemals etwas anderes in den Händen gehalten hat als einen Hausmeisterschlüsselbund. Gepielt wird er von dem Schriftsteller Jesuthasan Antonythasan, einem ehemaligen Kindersoldaten der tamilischen LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelan).

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"Dämonen und Wunder - Dheepan": Staubiger Bodenkrieg

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Nun müssen sich die drei mit einer Banlieue am Rande von Paris zufrieden geben. Mit einer versifften Wohnung, in der keine Tapete halten will, und keiner Aussicht, das alles einmal ändern zu können. Immer routinierter wird ihre Vater-Mutter-Kind-Mimesis. Vor den Drogenbanden im Block, denen korrupte Verwaltung und Polizei achselzuckend Hausrecht und Exekutive überlassen haben, und irgendwann auch vor sich selbst.

Kampf gegen die devote Starre

Zu gerne ist Illay wieder Tochter, die sich mit Brotdose und einem Kuss vor der Schule verabschiedet. Auch Dheepan stellt sich bald als richtiger Ehemann zur Verfügung. Nur für Yalini, die das Erlebte und damit auch die Unterdrückung ihres Geschlechts zu harter Sachlichkeit erzogen haben, bleibt das Konstrukt eine Notwendigkeit, bis sich hoffentlich eine unabhängigere Existenzform für sie anbietet.

Jacques Audiard, der für "Dheepan" in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist der Regisseur eines ungeheuer physischen Kinos. Schon in "Un Prophet" (2009) entschied sich alles über die Anordnung der Körper im Raum, in der Gefängniszelle oder beim Hofgang. Verrat, Machtwechsel, Morde. In "Der Geschmack von Rost und Knochen" (2012) fokussiert Audiard zwei gegensätzliche Körpersysteme. Das eine zerstückelt, weiblich, liebend, das andere komplett, männlich, zerstörend.

In "Dheepan", wie der Film im Original ohne jeden mystischen Schnörkel heißt, verhält es sich interessanterweise genau umgekehrt. Yalini ist diejenige, die mit ganzem Körpereinsatz durch die Geschichte marschiert, sich resolut das fremde Kind im Flüchtlingslager schnappt, es später zur Schule schubst und ins Gesicht schlägt, wenn es den Überlebensplan des Trios gefährdet.

Sie ist wütend, skeptisch und sieht es, anders als Dheepan, absolut nicht ein, als Migrantin in eine devote Starre zu verfallen, die sie jede beschissene Arbeit, jedes verschimmelte Wohnloch, jede miese Pöbelei dankbar hinnehmen lässt. Ihr drängendes Körperspiel wird von seiner geduckten Bedächtigkeit durchbrochen, ihre physische Präsenz von seiner mimischen Andeutung.

Instinktwesen mit archaischen Reflexen

Am Ende gibt Audiard seiner Protagonistin Recht. Der Film sattelt vom Flüchtlingsdrama zum Thriller um und wirft seine Akteure zwischen die Systeme, der staatlichen Verfolgung und dem kriminellen Sozialdarwinismus. Audiard, der das Pathos noch nie scheute, taucht diese Apotheose in die staubigen Bilder eines Bodenkrieges.

Die Einstellungen wechseln entsprechend schneller, Winkel und Brennweiten geben keine sachlichen Übersichten mehr, sondern spalten Zusammenhänge, reduzieren die Körper auf Instinktwesen mit archaischen Reflexen. Dheepan, der aus seiner Lethargie als Widerstandskämpfer wieder auftaut, wird zum gleichwertigen Kollegen aller handelsüblichen Actionhelden. Und warum auch nicht?

Audiards Kino ist von einer großen Unbedingtheit und Klarheit. Die Brutalität, die er zeigt, zeugt sich keinesfalls aus der Lust an berstenden Oberflächen. Sie hat immer etwas Zwangsläufiges, liegt begründet im Unterdrückungsterror ("Un prophet"), den Leberhaken des Lebens selbst ("Der Geschmack von Rost und Knochen") und hier, zum ersten Mal im Audiard'schen Kosmos, auch in globalen Reiz-Reaktion-Schemata.

"Dämonen und Wunder" am Ende derart hochzufahren ist eine ästhetische und filmsemantische Entscheidung, für die der Regisseur bei aller Begeisterung auch Kritik einstecken musste: zu unvermittelt, kolportagehaft und anbiedernd an die Konfektionen des Genres. Dabei läuft vom ersten Bild an alles auf dieses Ende zu. Auf die Rückkehr des Kriegers. Weder der Liebesgeschichte noch dem Migrationsdrama gelingt bis hierhin eine glückliche Landung in einer neuen Heimat.

So viel Ernüchterung und Realitätssinn verdient einen zurückschlagenden Helden. Und keinen Straßenhändler, wie Dheepan aus dem zweiten Akt, der nickt, auch wenn er kein Wort versteht und uns mit leiernder Freundlichkeit Blumen, Feuerzeuge oder blinkenden Haarreifen hinterherträgt.

Im Video: Der Trailer zu "Dämonen und Wunder - Dheepan"

Dämonen und Wunder - Dheepan

Originaltitel: Dheepan

Frankreich 2015

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Jacques Audiard, Noé Debré, Thomas Bidegain

Darsteller: Antonythasan Jesuthasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby, Vincent Rottiers, Marc Zinga

Produktion: Why Not Productions

Verleih: Weltkino

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Start: 10. Dezember 2015

"Dämonen und Wunder" - Offizielle Webseite zum Film 
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