Matthew McConaughey im Interview "Sitzen, atmen - dem Tod ins Auge schauen"

Matthew McConaughey hat lange in Liebeskomödchen die Muckis ausgestellt, jetzt zeigt er Gesicht: Als Aids-kranker Cowboy in "Dallas Buyers Club" ist er für den Oscar nominiert. Zu Recht. Weil er das Wort "Dying" richtig ausspricht und Gedichte über den Regen schreibt.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie sich schon mal selbst umbringen?

Matthew McConaughey: Nein, niemals. Ein Kumpel und ich haben immer gesagt: Wenn einer von uns stirbt und der Arzt post mortem von Selbstmord spricht, möge der Überlebende zu ermitteln beginnen.

SPIEGEL ONLINE: In "Dallas Buyers Club" sitzt Ihre Figur, der tödlich an Aids erkrankte Cowboy und Schwulenhasser Ron Woodroof, alleine im Auto, er greift zur Pistole, kämpft lange mit sich, ob er es tun soll - und bricht weinend zusammen. Pathosschwer und doch glaubwürdig gespielt. Wie gelangen Sie in Herz und Kopf eines Mannes, der sich selbst töten will?

McConaughey: Nur mit Entspannung. Wenn's kommt, dann kommt's. Woran ich gedacht habe? An die vielen Dinge, für die ich lebe. An meinen verstorbenen Vater. An meine Kinder. Wie es wäre, sie zu verlieren.

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US-Star McConaughey: Früher Sexgott, jetzt Aids-Opfer
SPIEGEL ONLINE: Also an Verlust, Trauer.

McConaughey: Nicht ganz. Ich weine mehr über das Leben als über den Tod, ich weine bei Geburten mehr als bei Beerdigungen. Also dachte ich an meine Kinder, meine Frau, meine Familie und stellte mir vor, wie es wäre, wenn mir oder ihnen etwas passierte, dem ich machtlos gegenüberstünde - so wie Ron. Er hat nichts mehr, womit er kämpfen könnte. Sein Geist kann noch so sehr am Leben bleiben wollen, sein Körper wird sterben. Ein schrecklicher Gedanke. Und ein harter Trip für mich: sitzen, atmen - dem Tod ins Auge schauen.

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"Dallas Buyers Club": Härter als jeder Rodeoritt
SPIEGEL ONLINE: Sie führen doch Tagebuch, richtig?

McConaughey: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie über diesen Drehtag geschrieben?

McConaughey: Daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber an eine ähnliche Szene, die wir kurz zuvor abgedreht hatten. Ron verlangt von seiner Ärztin das Medikament AZT, er bietet ihr Geld. Und sie? Empfiehlt ihm Selbsthilfegruppen. Er ätzt zurück: "I am dying - and you're telling me to get a hug from a bunch of faggots." ("Ich sterbe - und Sie erzählen mir, ich soll mich von einer Bande Schwuchteln umarmen lassen?") Wir mussten das mehrfach drehen, weil ich dieses Wort nicht über meine Lippen gebracht habe: D-Y-I-N-G. Am Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit bin ich in diesem Moment zerbrochen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber nicht umgekippt, oder?

McConaughey: Ich bin in der Szene geblieben, körperlich. Aber ich war emotional wie zermalmt. Allein dieses Wort war der Auslöser dafür.

SPIEGEL ONLINE: Dying.

McConaughey: Genau, erste Person, singular: I am D-Y-I-N-G. Selbst jetzt erzittere ich leicht, wenn ich den Satz ausspreche. Ein wichtiger Moment, der mich neu in der Rolle verankert hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum führen Sie überhaupt Tagebuch?

McConaughey: Im Rückblick empfindest du nie mehr unmittelbar aus dem Bauch heraus. Stehe ich aber am nächsten Morgen um vier Uhr auf - zu dieser Zeit schreibe ich üblicherweise - ist das Gefühl noch authentisch. Ich will mich an solche Erfahrungen erinnern: War es ein guter Drehtag, will ich zurückkehren können: Wie bin ich mit der Szene klargekommen? Wie habe ich mich entspannt? War es ein nicht so guter Tag, will ich ebenfalls herausfinden, warum. Ein zweiter Grund sind Interviews - die ich ja oft erst ein Jahr nach dem Dreh gebe. Bis dahin habe ich aber all den Kram vergessen, so dass ich letztlich nur in der zweiten Person darüber reden kann.

Zur Person
  • Getty Images
    Matthew McConaughey, Jahrgang 1969, stammt aus Texas und begann erst ein Jura-Studium, bevor er ins Schauspielfach wechselte. 1993 erregte er mit einer Rolle in Richard Linklaters "Dazed and Confused" Aufsehen, als Anwalt in der John-Grisham-Verfilmung "Die Jury" gelang ihm 1995 der Durchbruch. Lange hat er mit romantischen Komödien Erfolge gefeiert, etwa an der Seite von Jennifer Lopez ("Der Hochzeitsplaner", 2001), Kate Hudson ("Wie werde ich ihn los - in zehn Tagen?", 2003), Sarah Jessica Parker ("Zum Ausziehen verführt", 2006) oder Jennifer Garner ("Der Womanizer - Die Nacht der Ex-Freundinnen", 2009). In den letzten Jahren fokussierte er sich aber auf Charakterrollen, etwa in dem Cannes-Wettbewerbsfilm "Mud" (2012), in dem Stripper-Film "Magic Mike" (2012) oder jetzt in "Dallas Buyers Club" (2013). In dem Drama, das Mitte der Achtziger spielt, brilliert er als homophober Cowboy Ron Woodroof, der tödlich an Aids erkrankt - und einen halblegalen Medikamentenhandel aufzieht.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen aufgewärmte Anekdoten vermeiden.

McConaughey: Ich bereite mich tatsächlich so vor: Begebenheiten, Regieanweisungen, Gespräche am Set. Die beste Zeit, um ein Interview zu führen, wäre während des Drehs, nie wieder ist das Verständnis einer Rolle so lebendig. Später poliert man immer nach, automatisch - was ermüdend sein kann, weil man dieselben Sätze wieder und wieder sagt. Was kaum verwunderlich ist, wenn man 500 Mal dieselbe Frage gestellt bekommt. Es ist allerdings das erste Mal, dass ich nach der Suizid- und indirekt nach der Krankenhausszene gefragt werde. Und mir fällt ein, dass ich an diesem Tag ein Gedicht geschrieben habe.

SPIEGEL ONLINE: Ach?

McConaughey: Ein langes Gedicht über den Regen.

SPIEGEL ONLINE: Sorry, der Klarheit halber - Sie meinen ein eigenes schreiben, nicht nur niederschreiben?

McConaughey: Ja.

SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie doch mal vor.

McConaughey: Ich habe bereits einen Haufen Gedichte geschrieben, rezitieren möchte ich jetzt aber nicht. Vielleicht werde ich sie eines Tages irgendwo teilen.

SPIEGEL ONLINE: Dann erzählen Sie, wovon es handelt.

McConaughey: Es hatte zwei Tage lang geregnet. Und ich habe versucht zu erfassen, wie freundlich der Regen sein kann, dass er sogar dein Freund sein kann. Du verlierst den Ehrgeiz, die Ambitionen, das Streben. Die Welt fühlt sich klein an, sehr klein. Ein bisschen wie in der Nacht, in der du nicht weit blicken kannst. Regen gibt dir das Gefühl, nichts tun zu müssen - du ruhst.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie das berühmte Liebesgedicht von E.E. Cummings? Die Zeile "nobody, not even the rain, has such small hands"? Nur ein geliebter Mensch berührt…

McConaughey: … einen noch zärtlicher, als der Regen es vermag; ja, das mag so sein.

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Oscar-Nominierungen 2014: Die Gewinner, die Verlierer
SPIEGEL ONLINE: Früher galten Sie als männliche Pamela Anderson, als Posterboy der Romantic Comedies. Vor zweieinhalb Jahren haben Sie sich dann nach langer Zeit in "Der Mandant" wieder an einer gebrochenen Figur versucht, und wir haben uns darüber unterhalten, ob das nicht Ihre Zukunft sein kann oder gar sein muss. Nun wurden Sie für "Dallas Buyers Club" für einen Oscar nominiert. Sind Sie stolz?

McConaughey: Stolz suggeriert, dass ich von außerhalb auf mein Leben blicke - als abgeschlossene Phase. Ich bin mir bewusst, was ich tue, auch der veränderten Wahrnehmung meiner Person. Aber ich verbringe keine Zeit damit, als Voyeur auf mein Leben zu starren. Ich war unfertig, ich bin noch immer unfertig. Mein Image war: Rom-Com-Guy, läuft ohne Shirt am Strand rum. Ich hatte deswegen keine Krise, aber die Marke McConaughey hatte schon eine sehr enge Definition. Also sagte ich mir: Vielleicht magst du dich ein bisschen weniger in dieser Ecke tummeln. Der Wandel ereignete sich nicht, weil ich wusste, was ich tun will. Sondern weil ich die Pausetaste gedrückt habe, meine Marke bewusst verwässert habe - und gewartet habe, ob neue Inspirationen kommen. Oder eben nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie also Ihr Leben geändert oder hat das Leben eher Sie verändert?

McConaughey: Alles ist doch in Wahrheit ein großer Tanz, oder? Sprich: beides. Manche Entscheidungen habe ich allein getroffen. Andere zusammen mit meiner Frau - und damit nähern wir uns dem Bereich, wo das Leben mich verändert hat. Ich habe Kinder, ich bin ein Mann in den Vierzigern. Männer in den Vierzigern erleben ja großartige Dinge. In den Zwanzigern geht es um Revolution, die Dreißiger sind ein Prozess der Eliminierung …

SPIEGEL ONLINE: …was meinen Sie damit?

McConaughey: Naja, in den Zwanzigern probierst du dich aus. In den Dreißigern weißt du zwar nicht unbedingt, was du willst, aber du trennst dich von Dingen, die sich nicht auszahlen. Vielleicht meidest du diese oder jene Bar, weil sie dir immer einen doppelten Hangover beschert - vom Alkohol und von schlechter Gesellschaft. Du suchst danach, wo du ganz du selbst sein kannst. Und so habe ich in den Vierzigern mein Leben vereinfacht. Ich hatte eine Musikfirma - dichtgemacht. Ich hatte eine Film-Produktionsfirma - dichtgemacht. Als unser Kind geboren war, habe ich gesagt: Ich bin Vater und Ehemann, Schauspieler, und ich habe eine Stiftung. Diese drei Dinge bleiben. Ich will nicht, dass mich irgendjemand wegen irgendetwas anderem anruft, es sei denn für einen netten Plausch. Und wenn ich an einem Drehbuch arbeite, dann als Schauspieler mit meinem Regisseur - nicht mit Anzugträgern, dir mir Gelder genehmigen sollen. Also: Nicht alles habe ich entschieden, es war aber auch nicht alles Schicksal.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben reflektiert, was passiert ist.

McConaughey: Sicher. Es war für mich aber nie eine Frage von C-Arbeit früher und A-Arbeit heute. Ich wollte den Gang wechseln. Mein Leben fühlt sich sehr reich an: mein Liebesleben, meine Leidenschaften, meine Wut, mein Humor. Ich habe wohl versucht, etwas von diesem Reichtum in meiner Arbeit wiederzufinden.

SPIEGEL ONLINE: Im Film taucht auch kurz der Aids-Tod von Rock Hudson auf, den Ron als "Hollywood Pussy"…

McConaughey: Großartig! "Oh, that Hollywood Pussy. He's been wasted." So ein fantastischer Satz aus dem Munde eines Kleinstadt-Großmauls wie Ron Woodroof, der nie in seinem Leben einen Fuß nach Hollywood gesetzt hat.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie Ron?

McConaughey: Ich finde einen Weg, jeden meiner Charaktere zu mögen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Arschlöcher.

McConaughey: Ja, ich mag Arschlöcher viel lieber als Idioten, sie sind berechenbar. Ich nähere mich meinen Rollen aber nicht mit den Maßstäben der Moral, sondern mit denen der Realität. Ich verurteile nicht. Mein Ron Woodroof sollte ein echter Mensch sein, den die Zuschauer nicht mögen müssen, dem gegenüber sie aber Empathie empfinden können sollen.

SPIEGEL ONLINE: Am Abend des 2. März ist die Oscar-Verleihung. Was werden Sie danach in Ihr Tagebuch schreiben?

McConaughey: Keine Ahnung. Ich habe schon viel mit der Nominierung erreicht. Sollte ich das Glück haben, einen zu gewinnen, werde ich sicherlich etwas anderes schreiben als wenn nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wem danken Sie auf der Bühne?

McConaughey: Ich habe eine lange Liste. Ich könnte stundenlang reden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch jemanden, dem Sie explizit nicht danken würden?

McConaughey: "Boooy, dir danke ich bestimmt nicht"? Glücklicherweise nicht. Nein, die müssten schon die Musik aufdrehen, um mich von der Bühne zu vertreiben.

Dallas Buyers Club

    USA 2013

    Regie: Jean-Marc Vallée

    Buch: Craig Borten, Melisa Wallack

    Darsteller: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto,

    Produktion: Truth Entertainment, Voltage Pictures

    Verleih: Ascot Elite Filmverleih

    Länge: 117 Minuten

    Start: 6. Februar 2014

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
david-39 09.02.2014
1. Es geht nicht nur um HIV
Ein sehr gelungener Film, der ebenfalls sehr deutlich die FDA (Food and Drug Administration) und deren Verbandelung mit Pharmakonzernen, also Korruption und Geldgier anklagt. Es wird nicht geholfen weil ein Medikament wirkt, sondern weil man damit unglaublich gut verdienen kann. Für mich einer der besten Filme 2013/2014.
pauljonas81 09.02.2014
2. Herzlichen Glückwunsch...
zu diesem tollen Interview! Gelingt nicht jedem, in so kurzer Zeit, einem Hollywood Star Lebensweisheiten hervorzulocken. Er muss sich wohl Gefühl haben. Zumindest hätte ich tatsächlich ein solches Interview von ihm nicht erwartet. Neue Einblicke und neue Meinung gewonnen über ihn. Und darum geht es wohl...
bert_baller 09.02.2014
3. optional
Ein Interview auf Augenhöhe, mit einem Schritt haltenden Interviewer: wow, dass ich so etwas noch mal im SPIEGEL lesen darf! Danke für diese Einsichten, die natürlich ohne das "Mitspielen" von McConaughey nicht so gekommen wären. Das macht die Schreib- und Fragekunst aber nicht geringer.
martha_rosentreter, 09.02.2014
4. optional
Mit dieser Haarfarbe und vor allem diesen Augen könnte Matthew McConaughey durchaus als kleiner Bruder von Tom Cruise durchgehen ... ;-)
diego666 09.02.2014
5. optional
Schönes Interview. Ist witzig, das Rumphilosophieren scheint ihm im Blut zu liegen und passt gut zu seiner Rolle in True Detective. Ein Tipp für alle, die ihn in ernsten Rollen sehen wollen.
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