Oscar-Favorit "Dallas Buyers Club" Kriegt ein Supermacho die Schwulenseuche...

Das Ende von Ron Woodruff ist vorgezeichnet, der Mann hat Aids, er wird krepieren, sehr bald. Die Geschichte, die der Film "Dallas Buyers Club" erzählt, ist dagegen unsterblich - und sogar wahr. Sie geht so: Ein Cowboy hasst Schwule. Kurz vor dem Tod weiß er es endlich besser.
Oscar-Favorit "Dallas Buyers Club": Kriegt ein Supermacho die Schwulenseuche...

Oscar-Favorit "Dallas Buyers Club": Kriegt ein Supermacho die Schwulenseuche...

Foto: Ascot Elite

Cowboyhut, Boots, Schnauzer, in der Hand einen Drink, zwischen den Beinen einen Bullen: Ron Woodruff (Matthew McConaughey) ist Rodeoreiter und ein echter "Ladies Man". Er reitet, feiert, pimpert, er geht nicht kaputt und nicht zum Arzt, egal, wie komisch er sich fühlt. Eine Krankheit, die man nicht mit Whiskey wegspülen kann, soll doch erst mal kommen.

Und das tut sie.

Die wahre Geschichte um den an Aids erkrankten Cowboy Ron Woodruff beginnt 1985, in einer Zeit, in der das HI-Virus und seine Folgen wenig erforscht waren, die Erkrankung als "Schwulenseuche" betitelt und von der US-Durchschnittsgesellschaft weit weggeschoben wurde: So etwas kriegen nur die, die es auch verdienen. Das dachte auch Woodruff, dessen letztes Interview, das er dem Drehbuchautor Craig Borten 1992 gab, die Grundlage für den Film "Dallas Buyers Club" lieferte.

Regisseur Jean-Marc Vallée ("C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben") erzählt in seinem Biopic von einem todkranken, erst homophoben, dann geläuterten Westmann. Eine klassische Heldengeschichte, die erwartbar endet, und deren innere Dramaturgie von der moralischen Kehrtwende des Protagonisten geprägt ist.

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"Dallas Buyers Club": Härter als jeder Rodeoritt

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Hilfe bekommt Woodruff von zwei fiktiven Filmfiguren: Rayon (Jared Leto), eine Transsexuelle (oder, sprachlich sensibler: Transidentikerin ) und der wackeren Ärztin Dr. Eve Saks (Jennifer Garner). An der Medizinerin bricht sich Woodruffs Machocharme zunächst, bis sie ihn schließlich doch lieben lernt. Rayon dagegen ist ebenfalls HIV-positiv, selbstbewusst, exzentrisch, straßenerfahren - und die im Krankenhaus begonnene Freundschaft zum langsam toleranter und weiser werdenden Supermacker braucht seine Zeit.

In dieser Zeit entdeckt Woodruff, dass das in den Anfangsjahren der HIV-Therapie verbreitete Medikament AZT fatale gesundheitliche Folgen hat. Er sucht und findet Alternativen, Proteine und Arzneimittel, die allerdings in den USA keine Zulassung haben, und baut mit seiner neuen Geschäftspartnerin Rayon einen schwungvollen halblegalen Medikamentenhandel in einem Hotelzimmer in Dallas auf.

Geläuterter Frauenflachleger

Vallée erzählt eine solide Biografie, unterstreicht das Dokumentarische seines Porträts mit subjektiver Kamera und beiläufigen Szenen vom hustenden Woodruff am Feuer mit seinen Kumpels, von chaotischen Zuständen in mexikanischen Krankenhäusern. McConaughey trägt trotz aufgeregtem, authentisch überreiztem Spiel keine Sekunde lang zu dick auf, und steht nach einem Golden Globe und weiteren Auszeichnungen im März bei den Oscar-Nominierten.

Der Musiker und Schauspieler Jared Leto, für seine Rolle ebenfalls mit einem Golden Globe geehrt, hat sich seiner Figur mit ähnlich extremem Gewichtsverlust und überzeugender Maske genähert. Er mimt die drogenabhängige, geschäftstüchtige Rayon, die Woodruff auch schon mal ein Marc-Bolan-Foto unter seine Masturbationsvorlagen schmuggelt, voller Nonchalance und Humor.

Es ist wichtig, diese Geschichte zu erzählen. Und sie - um noch immer homophobe Gesellschaftsgruppen zu erreichen - von einem Sinnbild für Hetero-Männlichkeit tragen zu lassen. Allerdings lässt Vallée seine Inszenierung manchmal ins Kitschige fallen und winkt bei der Läuterung des Helden mit meterhohen Zaunpfählen - etwa, wenn der Ex-Frauenflachleger Woodruff seine neue beste Freundin Rayon vor den Beleidigungen seiner ehemaligen Kumpels schützt; erst mit Worten, dann mit Fäusten.

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Man kann am Rayon-Charakter zudem kritisieren, dass er zu vage sexuelle Identität und sexuelle Orientierung vermischt - die Figur ist zu oberflächlich gezeichnet. Was sieht man? Einen Mann in Frauenkleidern, der zwischen Transvestit und Transidentikerin alles sein könnte.

Doch man muss diese Geschichte ja vor allem überhaupt erst erzählen, um einmal mehr Medizinirrtümer und falsche Therapien zu dokumentieren, die gemeinsam mit starren Gesetzen die Ursache für Tod und Leiden sein können. Die größte Katastrophe, neben der Engstirnigkeit der Schwulenfeinde, war die Ignoranz der zuständigen Gesundheitsstellen gegenüber einer wirksameren Therapie zur Bekämpfung der Folgen von HIV und Aids. Diesem Skandal widmet Vallée die nötige Aufmerksamkeit. Dass es noch mehr Helden im Kampf gegen die Krankheit gab und gibt, Frauen, Männer, Schwule, Lesben, und was es dazwischen sonst noch alles gibt, sollte man dennoch nicht vergessen.

Dallas Buyers Club

USA 2013

Regie: Jean-Marc Vallée

Buch: Craig Borten, Melisa Wallack

Darsteller: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto,

Produktion: Truth Entertainment, Voltage Pictures

Verleih: Ascot Elite Filmverleih

Länge: 117 Minuten

Start: 6. Februar 2014