"Daredevil" Heiße Luft in rotem Leder

Superhelden haben Konjunktur im US-Kino, weshalb auch die neueste Leinwandversion eines Marvel-Comics zum Kassenerfolg wurde. Künstlerisch jedoch lässt "Daredevil“ vieles zu wünschen übrig.

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Comic-Held "Daredevil" (Ben Affleck): Fast so steif wie Val Kilmer als "Batman"
20th Century Fox

Comic-Held "Daredevil" (Ben Affleck): Fast so steif wie Val Kilmer als "Batman"

Hätte man "Spider-Man“ nie gesehen, könnte man "Daredevil“ recht aufregend finden: Ein muskulöser Held schwingt sich von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer und führt in spektakulären Kampfszenen Bösewichte ihrer rechtmäßigen Bestimmung zu. Das Ganze mit den Mitteln des modernen Kinos visualisiert – fertig ist das Action-Adventure für Jedermann, auch jenen, der noch nie zuvor ein Comicheft von Marvel in der Hand gehalten hat.

Pech also für Regisseur Mark Steven Johnson, der mit "Daredevil“ seinen zweiten Film drehte, dass es "Spider-Man“ gab und seit seinem Siegeszug durch die Kinosäle der Welt als Blaupause für nachfolgende Leinwand-Superhelden dient. Eine Blaupause, an der sich nicht nur die demnächst anlaufenden Marvel-Filme "X-Men 2“ und "Hulk“ abgleichen lassen müssen, sondern auch die mit Spannung erwarteten "Matrix“-Fortsetzungen. Vermutlich ist "Daredevil“ nur der erste der Post-"Spider-Man“-Filme, der an der hohen Messlatte kläglich scheitert.

Gelungene Nebenrollen: Michael Clarke Duncan und Colin Farrell als Schurken
20th Century Fox

Gelungene Nebenrollen: Michael Clarke Duncan und Colin Farrell als Schurken

"Daredevil“, 1964 von Stan Lee und dem Zeichner Bill Everett erdacht und in den achtziger Jahren von Frank Miller verfeinert, ist einer der interessantesten und vielschichtigsten Helden des Marvel-Universums. Der seit seiner Kindheit blinde Matt Murdock, bei Tag Anwalt der Armen und Schwachen im New Yorker Slum "Hell’s Kitchen“, bei Nacht erbarmungsloser Jäger auf den Spuren jener Verbrecher, die der Justiz entwischen, leidet nicht nur an seinem physischen Handicap. Die Seelenqual, das Böse auf der Welt nur mit Gegengewalt besiegen zu können, zerfrisst den religiös erzogenen Helden und lässt ihn regelmäßig zur Beichte gehen.

Wie "Spider-Man“ wird auch "Daredevil“ in seiner Jugend traumatisiert. Der kleine Matt findet nicht nur heraus, wie sein angebeteter Vater sich finsteren Machenschaften hingibt, er wird auch Zeuge der brutalen Ermordung seines Erziehers durch den sehr großen und bösen Gangsterboss "Kingpin".

Anwalt bei Tag, Rächer bei Nacht: Matt Murdock (Ben Affleck) wird von inneren Dämonen getrieben
20th Century Fox

Anwalt bei Tag, Rächer bei Nacht: Matt Murdock (Ben Affleck) wird von inneren Dämonen getrieben

Auf der panischen Flucht vor dem Unsagbaren gerät Matt in einen Unfall und kommt dabei mit radioaktiven Chemikalien in Berührung. Als er im Krankenhaus erwacht, kann er zwar nicht mehr sehen, doch seine restlichen Sinne sind derart verstärkt, dass er sich mittels Schallresonanz ein Bild von seiner Umwelt machen kann. Rachsucht und ein ausgeprägtes Bewusstsein für Ungerechtigkeit verführen ihn dazu, Jura zu studieren und nebenbei seine Super-Sinne und diverse fernöstliche Kampftechniken zu trainieren. Als "Daredevil“ jagt er fortan nachts jene Schurken, die tagsüber mit den Paragrafen des Rechtstaats nicht zu fassen sind. Zuweilen verhängt er auch die Todesstrafe.

Spektakuläre Kampfszenen: Elektra und "Daredevil" messen ihre Kräfte
20th Century Fox

Spektakuläre Kampfszenen: Elektra und "Daredevil" messen ihre Kräfte

"Daredevil“ ist kein klassischer Superheld. Seine Begabung ist sinnlich, nicht physisch, so dass er ein ganzes Arsenal von Schmerzmitteln braucht, um die Blessuren seiner nächtlichen Aktivitäten zu lindern. Schlafen muss der Mann mit dem Supergehör wie ein Vampir in einem schallisolierten Wassertank, um überhaupt zur Ruhe zu kommen. Dem moralisch zwiespältigen Doppelleben entsprechend zieren sein sündhaft rotes Kostüm zwei Teufelshörner. Der "Mann ohne Angst“, so der Slogan des Comics, ist eben ein wahrer Teufelskerl und Justitia nicht so blind wie man glauben möchte.

Die offensichtlichen Parallelen zum aktuellen politischen Gebaren der US-Regierung, die Saddam Hussein an den Kragen will, Völkerrecht hin oder her, passen natürlich erst im Nachhinein auf Johnsons Film, der wohl kaum mehr sein möchte, als ein gutes Action-Abenteuer, in dem es um Gut gegen Böse geht.

Dass er es nicht ist, liegt vor allem am Hauptdarsteller. Eine beinahe faustische Figur wie "Daredevil“ verlangt – Comic hin oder her – nach einem Charakterdarsteller, nicht nach einem Sonnyboy mit Straßencharme wie Ben Affleck. Der "Pearl Harbor“-Star mag als Luftwaffen-Held oder smarter Großstädter in romantischen Komödien eine gute Figur machen, als "Daredevil“ wirkt er fast so steif wie einst Val Kilmer als "Batman“ – und das nicht nur wegen der schlecht sitzenden Ledermontur.

"Daredevil"-Geliebte Elektra (Jennifer Garner): Scharfkantige Erotik
Reuters

"Daredevil"-Geliebte Elektra (Jennifer Garner): Scharfkantige Erotik

Zumindest die Nebenrollen sind gut besetzt, lassen den wahren Star des Films aber umso blasser aussehen. Der "Green Mile“-Riese Michael Clarke Duncan verkörpert den Ober-Schurken "Kingpin“ mit maliziöser Bosheit und dicker Zigarre, der irische Shooting Star Colin Farrell gibt den irren Attentäter "Bullseye“ mit überbordender Spielfreude und angemessener Überzeichnung inklusive irrem Augenrollen. Selbst die wohl schwierigste Figur der Comic-Saga, die von Frank Miller als psychotische Schönheit mit mörderischen Fähigkeiten und Ambitionen charakterisierte "Daredevil“-Gefährtin Elektra, wird von der "Alias“-Amazone Jennifer Garner mit scharfkantiger Erotik trefflich dargestellt. Doch das alles bietet kaum Trost: Zur Unzulänglichkeit der Hauptfigur gesellen sich ärgerliche Schludrigkeiten und Vereinfachungen, die die Story unlogisch und unausgegoren erscheinen lassen. Zwar hält sich Johnson sehr eng an die Comicvorlage und entwirft ein schmutzig-düsteres New York, das sich von der zuweilen poliert wirkenden Hollywood-Kulisse "Spider-Mans“ wohltuend abgrenzt.

Doch auch wenn "Daredevil“ nicht im obligatorischen Happy End mündet und damit der Tragik des Comics gerecht wird, so wird der blinde Rächer doch weniger als moralische fragwürdige Figur, denn als strahlender Held gezeichnet, der den Law- und Order-Gelüsten der Terrorismus-geschädigten Nation Amerika Genüge tut. Da wird die mordlustige Farbe des Kostüms oft unnötigerweise zum Feuerwehrrot der Helden des 11. Septembers. "Daredevil“ schluckt zwar eifrig seine Medikamente, scheint aber an echten Schmerzen nicht zu leiden – weder physisch noch psychisch.

Nicht alle diese Mankos kann man Affleck anlasten, denn vor allem die Story zerfasert nach der straff erzählten Initiations-Geschichte schnell ins Belanglose. Kampfszene reiht sich bieder an Actionsequenz - bis zum beeindruckend langweiligen, aber haarsträubend unlogischen Finale. Vieles davon wirkt bekannt und geradezu dreist aus "Spider-Man“ und "Matrix“ abgekupfert, etwa wenn sich "Daredevil“ mittels seines zerlegbaren Blindenstocks von Gebäude zu Gebäude schwingt oder Pistolenkugeln mit dem inzwischen oft kopierten Zurückbiegen des Oberkörpers pariert.

Hölzern, uninspiriert und unfreiwillig komisch wirkt dieser Superhelden-Film, der nichtsdestotrotz zumindest Amerika einen beachtlichen Erfolg an der Kinokasse vorweisen konnte. Im Europa dieser Tage dürfte sich der Kinobesucher allerdings mehr nach Subtext als nach effektheischenden Schauwerten sehnen. Amüsant immerhin: Fast alle Marvel-Größen, sogar Kevin Smith, treten in kurzen Cameos auf.

"Daredevil". USA 2002. Regie: Mark Steven Johnson; Buch: Mark Steven Johnson; Darsteller: Ben Affleck, Jennifer Garner, Colin Farrell, Michael Clarke Duncan, Jon Favreau; Produktion: Marvel Entertainment, New Regency Pictures, 20th Century Fox; Verlieh: 20th Century Fox; Länge: 103 Min.; Start: 20. März 2003



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