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13. April 2016, 18:11 Uhr

"Dschungelbuch"-Remake

Versuchs mal mit Düsternis

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Ein neues "Dschungelbuch", fast 50 Jahre nach Disneys Original - kann das gutgehen? Ja, durchaus. Doch die Leichtigkeit des beliebten Zeichentrickfilms ist dahin.

"Now I'm the king of the swingers
Oh, the jungle VIP
I reached the top and had to stop
and that's what's been bothering me.
Oh obeedoo
I wanna be like you-ou-ou..."

Wenn Louis Prima alias King Louie loslegt, wippt alles mit, was schnell genug von den Bäumen runter ist. 1967 installierten die Walt-Disney-Studios Prima als Primatenchef im Zeichentrickfilm von Wolfgang Reithermann. Und das Ding swingte sogar auf Deutsch: "Das Dschungelbuch" mit seinen (übersetzten) Hits "Ich wär so gern wie Du-u-u" und "Probiers mal mit Gemütlichkeit" summten 27 Millionen Deutsche mit - so viele Zuschauer hat bis heute kein anderer Film im Land.

"The Monkey Song" beinhaltete damals auch ein Kerngespräch zwischen dem von Wölfen aufgezogenen Dschungelfindelkind Mogli und King Louie: Louie will von Mogli das Geheimnis des Feuermachens, der "roten Blume" erfahren - denn das, glaubt der Orang-Utan, brächte ihn dem Menschsein einen großen Schritt näher.

Moglis Freunde, der Panther Baghira und der Bär Balu, die ihn aus den Klauen der frechen Affen retten, möchten ihn hingegen zur Menschensiedlung bringen - da sei er vor den Affen und vor allem dem bösen Tiger Shir Khan sicher, der keine Menschen im Dschungel duldet.

Doch Mogli empfindet sich selbst als Dschungeltier, aufgewachsen in einer Familien-WG verschiedenster Arten von Lebewesen - und zweifelt bis zum Schluss an den Absichten der Freunde.

Disney hat diese Motive größtenteils in seine neue, detailreiche, von über 800 Spezialeffektkünstlern am Computer generierte Version des von Rudyard Kiplings Geschichten inspirierten Stoffes hinübergerettet. Auch im von Jon Favreau ("Iron Man 1+2") inszenierten "Jungle Book" 2016 singt also ein Orang-Utan den Hit vom Menschwerden und besteht auf die "rote Blume".

Aber symptomatisch für die Realfilm-CGI-Adaption sind dabei die Unterschiede zum beliebten Trickfilm: Der Affe ist gruselige vier Meter groß. Überhaupt gerät die Szene extrem düster. Der Kampf zwischen Mogli, Balu, Baghira und der Affenmeute ist brutal, verbissen, beängstigend und dauert viel länger, als einst gesungen wurde. Und dass die ausgelassene Stimmung des "Monkey Song" überhaupt nicht an dieser Stelle passen will, macht die Situation geradezu grotesk: Just als Mogli in größter Gefahr schwebt, mischen sich fröhliche Swing-Akkorde in das unheilvolle Actionklima.

Für kleinere Kinder ist das neue "Dschungelbuch" (trotz FSK6-Freigabe) also nichts, selbst wenn sich die Medienkompetenz jüngerer Zuschauer seit den Sechzigerjahren verstärkt hat - und man daran auch immer eine gesellschaftliche Verrohung konstatieren muss.

Zum Glück vergessen Elefanten nichts

Dabei bemüht sich Justin Marks' Drehbuch um Logik, gar um Verständnis für die Beweggründe der Tiere. Sogar Shir Khan, der im Film wie ein ruheloser, vom Kampf gezeichneter Schlächter hinter dem Jungen her tigert, bekommt einen Rückblick inklusive traumatischem Erlebnis - auch er ist nicht als Gangster geboren, sondern durch die Umstände dazu geworden.

Und Marks' Idee, die Elefantengarde, die im alten Film als Parodie eines Soldatentrupps über ihre eigenen Rüssel stolpert, zu den mysteriösen Herren des Dschungels zu machen, ist schön. Stolz und arrogant wandeln die riesigen Tiere durch ein Reich, das sie - so will es der Mythos - mithilfe ihrer Stoßzähne selbst erschaffen haben. Ein Glück, dass Mogli sich mit einem Elefantenbaby anfreundet und diese Tatsache den Tieren (die ja eh nichts vergessen) im richtigen Moment einfällt.

Die Versuche, die Geschichte so modern, actionreich und verschachtelt wie nötig zu erzählen, und der immer noch existierende humanistische Tenor (der da lautet "Patchwork works!") könnten den Film also - trotz der Kulleraugen beim Ele-Baby und dem niedlichen wölfischen Stiefbruder Moglis - eher bei Erwachsenen andocken lassen.

Jedenfalls wenn sie nicht allzu wertekonservativ sind, nichts gegen die drastische Erneuerung der Zeichentrickhelden ihrer Kindheit haben und sich nicht daran stören, dass die beiden Hits wie Fremdkörper in der dunklen, rasanten, gefährlichen Geschichte stecken. Und die sich die Originalversion mit den Stimmen von Bill Murray, Ben Kingsley, Idris Elba und Christopher Walken (als King Louie!) anschauen.

Die deutsche Fassung klingt nämlich etwas müde - vor allem die Erzählerstimme Joachim Króls suggeriert verzweifelt Bedeutung, die man ihr nur selten abnimmt. Sämtliche Kinder dagegen, ob sie Neel Sethi oder das Wölflein synchronisieren, machen ihre Sache gut. Sie wirken lebendiger als ihre perfekten CGI-Avatare.

Dass Disney besonders stolz darauf ist, das sogenannte Schattenproblem gelöst zu haben, ist übrigens ein weiteres Kuriosum, das den Abstand zwischen den Dschungeln von 1967 und 2016 demonstriert: Weil neben dem einzigen lebendigen Darsteller Neel Sethi (Mogli) nie echte Lebewesen spielten, musste der Visual Effects Supervisor ein System entwickeln, um Schatten vermeintlicher Co-Stars auf den Schauspieler fallen zu lassen. Schatten waren dagegen das letzte, was die "Dschungelbuch"-Verantwortlichen von 1967 in ihrem farbenfrohen Familienspektakel sehen wollten. Sie erzählten die Geschichte tatsächlich komplett schattenfrei.

Im Video: Der Trailer zu "Jungle Book"

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