"Das Freiwillige Jahr" in der ARD Das nervt dich doch selbst

Die Tochter will in der Provinz bleiben, während der Vater vom Ausbruch träumt: Jenseits von Althippie- und Jungspießer-Klischees schaut die Komödie "Das freiwillige Jahr" auf die westdeutsche Mittelschicht.
Von Sven von Reden
Szene aus "Das freiwillige Jahr": Jette weiß noch nicht so genau, was sie will

Szene aus "Das freiwillige Jahr": Jette weiß noch nicht so genau, was sie will

Foto: Grandfilm

Hinweis: Dieser Text wurde erstmals am 4. Februar zum Kinostart des Films veröffentlicht. Am Mittwoch um 20.15 Uhr hat er nun in der ARD seine TV-Premiere.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek erzählt gern eine Anekdote, die erklären soll, warum er den herkömmlichen autoritären Vater dem postmodernen toleranten Vater vorzieht. Früher, so Žižek, habe der Vater am Sonntag seinem Kind gesagt: Wir gehen jetzt Oma besuchen, und sein Wort war Gesetz. Heute würde der Vater sagen: Du weißt ja, wie Oma sich über Besuch freut, aber du musst natürlich nur mitgehen, wenn du wirklich willst. Der Zwang sei im zweiten Falle genauso stark, so Žižek, nur sei selbst innerer Widerstand hier nicht mehr möglich. Anders formuliert: Es reicht nicht, die Oma zu besuchen, das Kind muss es auch noch mögen.

Žižeks Anekdote scheint perfekt zum postmodernen Generationenkonflikt zu passen, den Ulrich Köhler ("In My Room") und Henner Winckler ("Lucy") in ihrem bisweilen schmerzhaft treffsicheren Mittelstandsporträt "Das freiwillige Jahr" (TV-Premiere ARD 20.15 Uhr) zeigen – auch wenn es dem Vater hier noch etwas an rhetorischem Geschick mangelt.

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"Das freiwillige Jahr": Zwischen Saturiertheit und Sehnsucht

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Gleich zu Beginn lernen wir Urs als Menschen kennen, der seine Vorstellungen davon, wie die Welt zu sein hat, als im besten Eigeninteresse seines Umfelds präsentiert. "Pack das doch mal weg, das nervt dich doch selbst", sagt er seiner Tochter Jette, als sie mal wieder ihr Handy checkt. Die beiden sind eigentlich auf dem Weg zum Flughafen. Doch Urs ist eingefallen, dass sein Bruder ja noch Jettes Fotoapparat hat. Auch wenn der Tochter das "voll peinlich" ist, will der alleinerziehende Vater, dass Jette zu ihrem Recht kommt.

In der virtuos inszenierten folgenden Szene schafft Urs es, die Wohnungstür des Bruders zu demolieren - natürlich nur in dessen bestem Interesse -, die Privatsphäre eines Nachbarn zu ignorieren und selbst gegenüber einem Schlüsseldienst-Mitarbeiter übergriffig zu werden.

Eine seltsame Revolte

Am Ende jedenfalls fährt Jette nicht mit ihrem Vater zum Flughafen, sondern mit ihrem Freund Mario, ihrer großen Liebe. Denn sie soll heute ins Flugzeug nach Costa Rica steigen, um dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr abzuleisten. Dass das auch eher eine Idee war, die sich ihr Vater für sie ausgedacht hat, zeigt sich am Flughafen: Statt dort auszusteigen, brennt Jette mit Mario durch.

Es ist eine seltsame Revolte, die Jette hier probt: Die Welt steht ihr offen, doch sie kämpft dafür, in der Provinz zu bleiben. Umgekehrt erfüllt auch der Vater nicht die Erwartungen, die an die Elternrolle gewöhnlich geknüpft werden. Wenn er der Tochter Costa Rica anpreist mit den Worten: "Dann kommst du hier endlich mal raus", wird deutlich, dass der Landarzt die eigene Sehnsucht nach Ferne und Abenteuer auf sie projiziert.

Mit solchen umgedrehten Generationenkonflikten beschäftigt sich das Kino – meist als Tragikomödie - seit die Achtundsechziger selbst erwachsene Kinder haben. Ob in Denys Arcands "Die Invasion der Barbaren", Lisa Cholodenkos "Laurel Canyon", Jonathan Demmes "Ricki" oder auch in "Toni Erdmann" von Koehlers Lebensgefährtin Maren Ade, hier geht es immer (auch) darum, dass die Alten lernen müssen, weniger selbstbezogen zu sein und die Jungen, sich mal locker zu machen.

Was "Das freiwillige Jahr" aus dieser Gruppe heraushebt, ist, dass Köhler und Winckler auch nicht ansatzweise Althippie/Jungspießer-Klischees bedienen. Urs ist zu jung, um Alt-68er zu sein. Aber er ist auf dem Boden der Liberalisierung großgeworden, die diese Generation durchgesetzt hat, und er wurde sicher auch durch deren Träume beeinflusst.

Jette wiederum weiß vor allem noch nicht so genau, was sie will – und vielleicht ist ihre junge Liebe zu Mario einfach so stark, dass sie Stabilität in ihrem Umfeld braucht, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

So entsteht die Tragikomik in "Das freiwillige Jahr" weniger aus einer Zuspitzung als durch einen für das deutsche Kino ungewöhnlich genauen Blick auf eine Mittelschicht zwischen Saturiertheit und Sehnsucht. Und so zeigen Köhler und Winkler am Ende auch, dass Žižeks Anekdote der komplexen Realität aktueller Generationenkonflikte nur bedingt gerecht werden kann.

"Das freiwillige Jahr", 27. Mai, 20.15 Uhr, ARD

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