"Das kalte Herz" mit Frederick Lau Klassenkampf im Märchenwald

Gesellschaftskritik ist auch im Märchen möglich: Eine neue Verfilmung entstaubt Wilhelm Hauffs Fabel "Das kalte Herz" - und ist ganz nebenbei ein visuell spektakuläres Fantasy-Epos.
Von Jörg Schöning
"Das kalte Herz" mit Frederick Lau: Klassenkampf im Märchenwald

"Das kalte Herz" mit Frederick Lau: Klassenkampf im Märchenwald

Foto: Weltkino Filmverleih

Ein armer Köhlerjunge, der sein Herz gegen weltliche Schätze eintauscht und darüber sein Seelenheil verliert: "Das kalte Herz", das Märchen des schwäbischen Spätromantikers Wilhelm Hauff (1802-1827), galt immer als etwas gruselige Kinderzimmer-Fabel. Vor allem seit einer noch heute gerühmten DEFA-Adaption von 1950. Jetzt hat der Regisseur Johannes Naber den Stoff gründlich gelüftet und nicht nur tricktechnisch überzeugend zu einem packenden Fantasy-Epos aktualisiert.

Naber, bekannt geworden durch das Immigrantendrama "Der Albaner" und die Kapitalismus-Groteske "Zeit der Kannibalen", hat zunächst einmal die Herz-Jesu-Frömmigkeit des Märchens über Bord geworfen. "Christlichen Glauben lassen wir nicht stattfinden", hat Johannes Naber dazu erklärt - was ziemlich mutig ist angesichts eines Vorlagenautors, der immerhin Absolvent einer evangelischen Klosterschule und promovierter Theologe war.

Doch macht es sich bezahlt, auch in Hinsicht auf die Filmerzählung: Den von Wilhelm Hauff konstatierten Konflikt zwischen den kapitalstarken Holzhändlern Württembergs, einem aus Glasbläsern bestehenden badischen Mittelstand und proto-proletarischen Holzkohlemachern nutzt Naber in seiner Neuverfilmung, um die sozialen Schranken einer strikten Klassengesellschaft aufzuzeigen.

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"Das kalte Herz": Archaische Klassengesellschaft

Foto: Weltkino Filmverleih

"Wenn der Holzfäller kommt, geht der Köhler zur Seite!" Dieses ungeschriebene Gesetz der Schwarzwaldgesellschaft bekommt der "Schmutzfink" Peter Munk (Frederick Lau) vom schmucken Holzhändlersohn Bastian (David Schütter) buchstäblich eingebläut. Und es versteht sich, dass sich das Gebot auch auf Herzenssachen erstreckt: Dass der arme Köhlerjunge jemals die Liebe einer Glasmachertochter, der schönen "Tanzkönigin" Lisbeth (Henriette Confurius), gewinnen könnte, scheint völlig aussichtslos.

Aber auch der filmische Look und Sound profitiert von einer moderneren Perspektive auf das Geschehen: Wenn die Rivalen um Lisbeths Gunst ihr Duell mit Bastians langen Flößerstangen austragen, stehen dabei unübersehbar die Stockkampfkünste fernöstlicher Martial-Arts-Abenteuer Pate. Und wenn sie auf einem grob gezimmerten "Dancefloor" gegeneinander antreten, um unter sich den Titel eines Tanzkönigs auszumachen (wobei Peter Munk dank übernatürlichen Beistands inzwischen deutlich im Vorteil ist), dröhnt durch den Schwarzwald laute, exotische Trommelmusik.

Das Märchenhafte erhält einen soliden historischen Rahmen

Aktuellen Trends entsprechend sind auch die Naturgeister ausstaffiert, die aus dem dunklen Tann heraus über Wohl und Wehe nicht nur Peter Munks entscheiden: Das herzensgute Glasmännchen (Milan Peschel) wirkt mit seiner kleinen Stammesgesellschaft wie ein Clan-Anführer australischer Aborigines. Und der bitterböse Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu) tritt dem Hilfe suchenden Peter Munk schon mal gleich mit dem polternden Grimm eines "wilden Kerls" entgegen. Dem Ethno-Style der Geister entspricht das Maskenbild der Menschen, deren Gesichter blassblaue Tätowierungen zieren; es sind Rangabzeichen einer archaischen Welt.

Soll das nur cool aussehen oder steckt doch mehr dahinter? Hauffs romantische Kritik zielte auf eine pervertierte protestantische Arbeitsethik und ein "herzloses" Wirtschaftssystem ab. In Nabers Film ist der schwäbische Kapitalismus längst ein globaler: Bedenkt man, dass das Kolonialreich der Holländer wesentlich auf den Schwarzwälder Fichtenstämmen beruhte, aus denen die Schiffe der Niederländischen Ost- und Westindien-Kompanien gezimmert waren, wirkt die im Film hergestellte Verbindung zu außereuropäischen Kulturen in einer Art "Wiederkehr des Verdrängten" absolut plausibel.

Dieser interkulturelle Touch macht "Das kalte Herz" denn auch zu einer Fantasy des Faktischen, in der das Märchenhafte einen soliden historischen Rahmen erhält. Vor allem aber liefert mit ihm die Ausstattungscrew der Babelsberger Studios einen visuell attraktiven Hintergrund. Vor dem folgt man der Geschichte vom Köhlerjungen, der beim Holländer-Michel sein mitfühlendes Herz gegen einen Stein eintauscht und daraufhin ein großes Vermögen und - vorübergehend - auch die Liebe Lisbeths erwirbt, mit großem Vergnügen.

Im Video: Der Trailer zu "Das kalte Herz"

"Das kalte Herz"

Deutschland 2016

Regie: Johannes Naber

Drehbuch: Johannes Naber, Christian Zipperle, Steffen Reuter, Andreas Marschall, Wilhelm Hauff (Autor)

Darsteller: Frederick Lau, Henriette Confurius, Moritz Bleibtreu, Milan Peschel, David Schütter, Sebastian Blomberg, André Hennicke, Roeland Wiesnekker

Verleih: Weltkino Filmverleih

Länge: 119 Minuten

FSK: 12

Start: 20. Oktober 2016

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