Kinofilm über Sebastião Salgado "Wir sind bösartige, schreckliche Tiere"
Kinofilm über Sebastião Salgado: "Wir sind bösartige, schreckliche Tiere"
Foto: Sebastião Salgado/ Amazonas Images/ NFP
Kinofilm über Sebastião Salgado: "Wir sind bösartige, schreckliche Tiere"
Foto: Sebastião Salgado/ Amazonas Images/ NFPDas Kind starb, bevor es getauft werden konnte. Es liegt in einem Meer aus Blumen. Und in einem kleinen weißen Sarg. Die Augen sind noch offen. Kinder, die nicht getauft werden, hätten kein Anrecht auf das Paradies, glauben die Brasilianer. Doch die, die mit offenen Augen sterben, werden ihren Weg dorthin finden.
Sebastião Salgado hat das tote Kind Anfang der Achtzigerjahre in Brasilien fotografiert. Salgado hat viele weitere tote Kinder aufgenommen, auch tote Frauen und tote Männer, überall auf der Welt. Die Mehrheit von ihnen starb nicht natürlich. Sie wurde abgeschlachtet.
Natürlich, "abschlachten" ist ein hartes Wort, aber es passt zu dem Bild, das Salgado, einer der renommiertesten Fotografen der Welt, von den Menschen hat. "Wir sind bösartige, schreckliche Tiere, wir Menschen (...). Überall sind wir extrem gewalttätig", sagt er.
Seit mehr als 40 Jahren hält der Brasilianer mit seiner Kamera fest, was niemand sehen will oder kann, jeder aber sehen sollte: Die Opfer des Völkermords in Ruanda, verdreckte Feuerwehrmänner, die gegen brennende Ölfelder in Kuwait kämpfen, Männer, die sich in den Schlund einer brasilianischen Mine stürzen, um nach Gold zu suchen. Hundertausende Flüchtlinge, die mit zerschlissener Kleidung durch Wüsten irren und die vielen Hungertoten der Sahelzone.
Der Fotograf spricht wie ein Prediger
Der deutsche Regisseur Wim Wenders hat Salgado zwei Jahre bei seinem letzten Fotoprojekt "Genesis" begleitet und zusammen mit dem ältesten Sohn des Fotografen, Juliano, den Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" gedreht. Bei den Filmfestspielen von Cannes erhielt er dafür den Spezialpreis der Sektion Un Certain Regard.
Wenders hat schon mehrfach Künstler porträtiert, 1999 den Buena Vista Social Club, 2011 die Wuppertaler Tänzerin und Choreographin Pina Bausch. Der Regisseur geht dabei immer dicht ran an die Lebenswelten, redet mit Freunden, Kollegen, Wegbegleitern und lässt viel Raum für die Kunst seiner Protagonisten. So auch bei Salgado: Ist es zunächst noch Wenders, der erzählt, wird er schon bald von Salgado abgelöst. Bildschirmfüllend zeigt der Regisseur den Kopf des Fotografen, der wie ein Prediger über seine Erfahrungen in den düstersten Regionen der Welt spricht. Juliano Salgado, der Sohn des Fotografen und Co-Regisseur kommt hingegen sehr selten zu Wort. Er sagt, er habe seinen Vater begleiten wollen, um den Mann kennenzulernen, den er nur als Vater kenne.
Monatelang ließ Sebastião Salgado seine Familie allein, als er in der Welt das Elend einfing. Seine Frau Lélia Wanick Salgado kümmerte sich in Paris, wohin das junge Paar 1969 vor der brasilianischen Diktatur geflohen war, um Juliano und dessen kleinen Bruder Rodrigo, der mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen war. Lélia hielt ihrem Mann den Rücken frei, wurde zu seiner Geschäftspartnerin, brachte seine Aufnahmen zu den Zeitungs- und Magazinredaktionen.
In den Neunzigerjahren ist Sebastião Salgado krank geworden, er hatte mehrere offene Infektionen. Die Ärzte sagten ihm, sein eigener Körper greife ihn an. Salgado verstand. Er hatte zu viel Leid in sich aufgesogen. Das Leid gibt dieser Film auch an den Zuschauer weiter. Es schmerzt umso mehr, sieht man mit welcher Ästhetik Salgado das Elend der Menschen einfängt: wie sich Sonnenstrahlen durch Bäume auf Schutz suchende Menschen schlagen, wie ein Baby seine Mutter in einem riesigen Flüchtlingslager anlächelt, wie Goldgräber in der Mine ein sonderbares Muster mit der Erde bilden.
Der Zuschauer schämt sich, weil Salgados Bilder bezaubernd und nihilistisch zugleich sind. Aber wie sehr darf einer das Elend ästhetisieren?
Wim Wenders gibt Salgados Mission an den Zuschauer weiter: Alle sollen diese Bilder sehen. Doch der Regisseur übertreibt es damit. An einigen Stellen lässt er Fotografien völlig unkommentiert stehen: Kinder, die Müll zu sammeln scheinen oder eine Frau, die auf dem Boden eines Erdlochs sitzt. Um das Loch stehen Menschen herum. Doch der Zuschauer erfährt nicht, was die Frau da macht. Ist sie reingefallen, oder wurde sie zum Sterben dort hineingeworfen?
Wenders richtet sich ganz nach dem Takt Salgados, es scheint, der Fotograf sei hier der Filmemacher. Vielleicht liegt das an der Wucht von Salgados Schwarz-Weiß-Aufnahmen, an der Kraft und der Brutalität der Bilder, denen der Regisseur ausreichend Raum geben will. Der Zuschauer sieht Bilder von Menschen, die schon zu Gerippen verkümmerten, als sie noch lebten. Er sieht, wie Baggerfahrer Tote auf den Schaufeln in Erdlöcher werfen oder wie die Ermordeten in Ruanda über 150 Kilometer eine Straße säumen. Er sieht, dass ein Menschenleben nichts wert ist.
Salgado hat sich von den Menschen abgewandt. Der Fotograf kehrte nach Brasilien zurück, kümmerte sich um die Farm seines Vaters. Mit "Genesis" startete er vor zehn Jahren ein neues Projekt, das sich dem Leben zu- und dem Tod abwandte. Salgado reiste an die unversehrten Regionen der Welt: Er fotografierte Echsen auf den Galápagos-Inseln, das indigene Volk der Nenzen in Sibirien oder das der Zo'é in Brasilien. Es ist Salgados Liebeserklärung an die Erde und zugleich eine Abkehr vom Bösen. "Wahrheit gibt es nicht", sagt Salgado. Er kann nur seine Version der Wahrheit liefern. Und auch wenn diese ästhetisch ist - die Menschen schauen so wenigstens hin.
Frankreich, Brasilien 2014
Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado
Drehbuch: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, David Rosier, Camille Delafon
Mit: Sebastião Salgado
Verleih: NFP Filmwelt
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 30. Oktober 2014
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Im gebirgigen Hochland von Papua, Indonesien besucht Sebastião Salgado im Jahr 2011 das Volk der Yali.
Auf Wrangel, einer verlassenen Insel im arktischen Ozean sucht Salgado eine der letzten großen Walross-Herden.
Co-Regisseur von Wim Wenders: Juliano Salgado. Er sagt, er wollte endlich den Mann kennenlernen, den er bisher nur als seinen Vater kannte.
Regisseur Wim Wenders hat Sebastião Salgado zwei Jahre bei der Arbeit zu der Serie "Genesis" begleitet.
Salgado fragte Wenders, ob er ihn und seinen Sohn porträtieren wolle. Der Regisseur, der zwei Fotografien von Salgado über seinem Schreibtisch hängen hat, sagte sofort zu.
Salgado, der in den Jahrzehnten zuvor das Elend der Menschen auf der Welt festhielt, wendete sich für "Genesis" den unberührten Regionen auf der Erde zu.
Dieses Stück Land in Brasilien gehörte früher Salgados Familie: "Meine Art zu sehen, ist hier entstanden", sagt der Fotograf.
Salgado wurde 1944 in Brasilien geboren und wanderte mit seiner Frau Lélia 1969 nach Paris aus.
In Sibirien begleitete Salgado das Volk der Nenzen. Auf einer riesigen weißen Fläche verschwimmen hier Erde und Horizont.
Blinde Tuareg-Frau in Mali im Jahr 1985: Wim Wenders sagt, in diesem Bild hat er die Menschlichkeit Salgados erkannt.
Salgado wird dafür kritisiert, das Elend der Menschen zu ästhetisch darzustellen.
Wenders sagt, einen Fotografen vor der Kamera zu haben, sei etwas ganz anderes als sonst irgendjemanden zu filmen. Der Fotograf ziehe seine eigene Waffe - die Fotokamera.
Der deutsche Regisseur Wim Wenders: Bei den Filmfestspielen von Cannes erhielt er für "Das Salz der Erde" den Spezialpreis der Sektion Un Certain Regard.
Meeresechse auf den Galápagosinseln in Ecuador im Jahr 2004: "Genesis" ist eine Liebeserklärung an die Welt.
Goldmine Serra Pelada in Brasilien im Jahr 1986: Es sind keine Sklaven, die hier arbeiten, die Menschen machen das freiwillig. Sie sind höchstens Sklaven der Gier.
Das ganze Leid, das Salgado gesehen hat, machte ihn krank. Er musste sich von der Elendsfotografie lösen.
"Wir sind bösartige, schreckliche Tiere, wir Menschen (...). Überall sind wir extrem gewalttätig", sagt Salgado.
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