"Das Schwiegermonster" Mutti ist die Bestie

Nach 15 Jahren Kino-Abstinenz kehrt Jane Fonda in "Das Schwiegermonster" an der Seite von Jennifer Lopez auf die Leinwand zurück - mit einem Film, der bereits nach 15 Minuten unerträglich ist. Die krude Ansammlung von Geschlechterklischees beweist vor allem eines: Hollywood kennt keine Gnade mit Frauen über 40.

Von Daniel Haas


"Schwiegermonster"-Stars Fonda, Lopez: Zickenkrieg der Klischees
Warner Bros.

"Schwiegermonster"-Stars Fonda, Lopez: Zickenkrieg der Klischees

Am besten, man macht den Gene-Siskel-Test, wie der US-Kritiker Roger Ebert empfiehlt: Wäre eine Dokumentation über die beteiligten Darsteller beim Mittagessen spannender als der Film?, lautete die grundsätzliche Frage von Eberts 1999 verstorbenem Kollegen. Im Fall von "Schwiegermonster" zerfällt die Antwort in drei Teile: Ja. Ja! Ja!!!

Eine mehrstündige Aufzeichnung von Jane Fonda bei der Benutzung von Zahnseide wäre amüsanter als Robert Luketics romantische Komödie, die gleich zwei Aspekte kultureller Borniertheit verquirlt: Frauenfeindlichkeit und ethnisch bedingte Arroganz.

Wieso frauenfeindlich? Erhält hier nicht eine der großen Aktricen der sechziger und siebziger Jahre die Chance auf ein Comeback? Muss sie nicht dankbar sein, die Fonda, dass sie sich nach langen, mit Heiraten, Aerobic und Scheidungskriegen verbrachten Jahren, wieder auf der Leinwand profilieren kann - und das in einer Hauptrolle an der Seite von Hollywoods Lieblings-Latina Jennifer Lopez?

Und Lopez, muss die sich nicht auch geschmeichelt fühlen, dass sie nun endgültig salonfähig ist für die weiße angelsächsische Schauspielaristokratie, für die Fonda einsteht wie vielleicht keine andere Darstellerin ihres Alters? Ja, hat hier nicht ein Gipfeltreffen der Generationen und Ethnien stattgefunden, über das sich die Welt im Allgemeinen und die Frauen im Besonderen nur freuen können?

Society-Zombie zwischen Valium und Martini

Darsteller Vartan, Lopez: An der libidinösen Entfaltung gehindert
Warner Bros.

Darsteller Vartan, Lopez: An der libidinösen Entfaltung gehindert

Die Antwort: Nein, und nochmals nein. Denn Jane Fonda, die in Filmen wie "Klute" (1971) und "Coming Home" (1978) brillierte, fungiert hier als Zerrbild ihrer selbst. Sie muss eine abgehalfterte, Tabletten- und alkoholsüchtige Star-Journalistin spielen, die vier Ehemänner verschlissen hat und über ihr Söhnchen wacht wie eine Bullterrier-Mama. Dass Sohnemann Kevin ("Alias"-Star Michael Vartan), ein erfolgreicher Jungdoktor, ausgerechnet die Krankenschwester Charlie (Lopez) als zukünftige Ehefrau präsentiert, läutet einen Zickenkrieg ein, bei dem es am Ende nur Verlierer gibt.

Fonda gibt die streitsüchtige Glucke, die ihren Sohn als letztes großes Projekt begreift, nachdem Karriere und Privatleben in Martinis ertrunken sind. Eigentlich keine schlechte Prämisse für einen Film: Dass Mutti nicht nur die Beste, sondern manchmal auch die Bestie ist, aus dieser Einsicht hat Hollywood von "Psycho" bis "Serial Mom" einige exzellente Filme gemacht. Unter Robert Luketics Regie aber verkommt Fondas Filmfigur zur hysterischen Alten, die von Szene zu Szene bloßgestellt wird. Mit ans Feindselige grenzender Schärfe wird hier ein Charakter auf die Einsicht eingedampft: Alleinstehende Frauen über 40 sind ein gesellschaftliches Übel, das die unschuldige Umwelt an der sozialen und libidinösen Entfaltung hindert.

Dass Fonda unlängst ihre Biografie ("My Life So Far") veröffentlichte, in der sie offenherzig von ihrer Bulimie-Erkrankung und ihrem Zwang, diversen Ehemännern zu gefallen, sprach, erhält angesichts von "Schwiegermonster" einen gespenstischen Touch. Fonda spielt genau diese Rolle, den von Diäten geschundenen, mit Make-up imprägnierten Society-Zombie, jedoch ganz ohne ironische Brechung oder humorvolle Empathie. Verständnis wird ihr im Film allenthalben von Ruby, ihrer Assistentin, entgegengebracht.

Darstellerin Sykes: Clown für die Traumfabrik
Warner Bros.

Darstellerin Sykes: Clown für die Traumfabrik

Die Afroamerikanerin Wanda Sykes, eine großartige Komikerin, spielt diesen Part irgendwo zwischen Südstaaten-Mamsell und Minstrel-Clown, eine Figur, die die höchst fragwürdige Besetzungspolitik Hollywoods anschaulich macht. Wieso, muss man sich fragen, treten schwarze Darsteller immer noch vornehmlich als Gutmenschen ("Die Legende von Bagger Vance"), Engel ("Green Mile") oder Spaßvögel (alle Martin-Lawrence-Filme) in Erscheinung - von Will Smith vielleicht abgesehen, der trotz Hauptrollen in Blockbustern die Traumfabrik als rassistisch bezeichnete.

Alibi-Aufsteigerin für alle

Womit man bei Jennifer Lopez wäre, einem der größten Pop-Stars der Welt und die einzige Frau, die gleichermaßen in den Charts und am Box Office reüssiert. Was Madonna immer vorenthalten blieb - Lopez hat es geschafft: Sie verkaufte als "Jenny from the Block" Millionen Platten und spielte sich mit Filmen wie "Die Hochzeitsplanerin" und "Maid in Manhattan" an die Spitze Hollywoods. Dort hat man allerdings für sie vor allem als Aschenputtel Verwendung - immer wieder muss sie stellvertretend für die nach Integration in den weißen Mainstream hungernden Migranten den sozialen Aufstieg durchexerzieren.

Darsteller Fonda, Lopez, Vartan: Opfer kultureller Borniertheit
Warner Bros.

Darsteller Fonda, Lopez, Vartan: Opfer kultureller Borniertheit

Lopez ist eine Alibi-Karrieristin, die der Masse das Gefühl vermitteln soll, die Popkultur habe das Bollwerk von Klasse und Rasse endgültig geschleift. Im Korsett der ewig gleichen Rollen aber droht diese eigentlich vielseitige Darstellerin zu ersticken. Bezeichnenderweise gibt es in "Schwiegermonster" eine Szene, die Lopez beim Anprobieren eines viel zu engen Couture-Kleides zeigt. Sie soll eben J.Lo aus der Nachbarschaft sein, das sexy Girl von nebenan.

So ist "Schwiegermonster" kein Mutterdrama, sondern Hebammenkunst: Geburtshilfe gut eingespielter Rollen- und Geschlechterklischees zu Beginn des neuen Jahrtausends. Eine Doku hätte es allerdings auch getan. "Epilierstunde mit Jenny" etwa - oder "Augenbrauenzupfen mit Jane".


"Das Schwiegermonster" ("Monster-In-Law")
USA 2005. Regie: Robert Luketic. Buch: Anya Kochoff, Richard LaGravenese. Darsteller: Jane Fonda, Jennifer Lopez, Michael Vartan, Wanda Sykes. Produktion:Avery Prod., Inc. Bender-Spink. Verleih: Warner. Länge: 101 Minuten. Start: 26. Mai 2005



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