Skandalprojekt "DAU" auf der Berlinale Echter Sex, echter Stuss

Teile des von Missbrauchsvorwürfen begleiteten Mega-Projekts "DAU" laufen auf der Berlinale - und entgeistern durch kreative Unfähigkeit. Warum hat sich der deutsche Kulturbetrieb gemein gemacht mit diesem Komplettausfall?
"DAU" von Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel

"DAU" von Ilja Chrschanowski und Jekaterina Oertel

Foto:

Phenomen Film/ Berlinale

Wofür würde man diesen Film mit Namen "DAU. Natasha" halten, wenn man nichts über sein Zustandekommen wüsste? Wenn man nie etwas gehört hätte von der Entstehungsgeschichte. Ein junger Regisseur namens Ilja Chrschanowski (lesen Sie hier ein Interview mit ihm) wollte im ukrainischen Charkiw vor mehr als zehn Jahren das Leben des "Dau" genannten Physikers und Nobelpreisträgers Lew Landau verfilmen.

Daraus wurde ein drei Jahre dauerndes Live-Experiment, bei dem Hunderte von nicht professionellen Schauspielern in einer bis zur Strumpfhose auf Fünfzigerjahre getrimmten Stalinismus-Simulation lebten. Dabei wurden sie vom deutschen Kameramann Jürgen Jürges gefilmt.

Das Geld kam von dem Oligarchen Sergej Adonjew, aber auch von hiesigen Förderinstitutionen wie dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Dessen Chefin Kirsten Niehuus wird deshalb in den Credits des Films ebenso gedankt wie dem Berliner-Festspiele-Leiter Thomas Oberender, obwohl der Plan, dass "DAU"-Projekt 2018 als temporäre Installation in Berlin-Mitte begehen zu können, an nicht erfüllten Auflagen der Stadtverwaltung scheiterte. So zog "DAU" schließlich nach Paris .

Und kommt nun in Form von zwei Filmen, die aus den 700 Stunden Material montiert wurden, zu den Filmfestspielen nach Berlin. Begleitet von Interviews - Chrschanowski etwa in der "Süddeutschen Zeitung"  ("Höchste Zeit also, dass der russische Regisseur ... selbst zu Wort kommt") - aber auch von Recherchen  und Protokollen, in denen die "taz" von Manipulation und Missbrauch hinter den Kulissen berichtet.

Wer den gut zweistündigen Wettbewerbsbeitrag "DAU. Natasha" (Regie und Buch: Chrschanowski und Jekaterina Oertel) nun ohne dieses Wissen schaut, erkennt laut Berlinale-Ankündigungstext "in den künstlerisch-politischen Dimensionen von 'DAU. Natasha' ein radikales Kino zwischen Fiktion und Realität".

Was so radikal unentschieden formuliert ist, dass es den öden Film schon wieder relativ gut beschreibt. Denn die Aufregung, mit der das "DAU"-Projekt sich wichtig macht, soll doch gerade in seiner superimmersiven Echtheit bestehen - dass man hier dem Leben in seiner ganzen Abgründigkeit zuschauen kann.

Co-Regisseure Ilja Chrschanowski (links) und Jekaterina Oertel (rechts) mit Hauptdarstellerin Natalya Berezhnaya

Co-Regisseure Ilja Chrschanowski (links) und Jekaterina Oertel (rechts) mit Hauptdarstellerin Natalya Berezhnaya

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

"Ich habe bei DAU viel über die Natur des Menschen gelernt", hat Chrschanowski im Interview erzählt. Hilfreicher wäre zweifellos gewesen, wenn er zuvor etwas über die Technik des Filmemachens erfahren hätte. Denn über weite Strecken ereignet sich "DAU. Natasha" als dröges Improvisationstheater, in dem das Leben so banal aussieht, wie es meistens ist. Es muss halt der Fußboden gewischt werden.

Der KGB-Mann verhört, schlägt, demütigt

Natasha (Natalya Berezhnaya) arbeitet in der Kantine des Instituts, an dem geforscht wird. Sie streitet sich mit der Kollegin Olga, ist nicht mit dabei, wenn der Franzose Luc ein Experiment begutachtet, landet am Ende eines trinkfreudigen Abends allerdings mit diesem im Bett. Trinkt danach wieder mit Olga, bis die sich erbricht und Natasha mit ihrer Verzweiflung allein sein muss, ehe sie der KGB-Mann (Vladimir Azhippo) verhört, schlägt und demütigt (sie soll sich unter anderem eine Flasche vaginal einführen), weil sie mit einem Ausländer angebändelt hatte.

Die Erzählung krankt am gewollten Dokumentarismus, der das Handeln im schicken Internierung-Setting einfangen soll. Zwar sehen die Butterpackungen ziemlich fancy aus in ihrer Retro-Schönheit, aber darüber hinaus bleibt unklar, was die Prämissen des Stalinismus-Entwurfs eigentlich sein sollen; woher Natasha ihr Unglück in der Liebe hat und der KGB-Mann seine Befehle. So reduziert sich trotz "400.000" (Chrschanowski) gecasteter Kandidaten die "groß angelegte Simulation" (Berlinale) auf lauter Kammerspiel-Momente, in denen die sich selbst überlassenen Darsteller und Darstellerinnen dann der Kamera "was anzubieten" (Theaterslang) versuchen.

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Foto: Homegreen Films/ Berlinale

Ein Mann, der minutenlang einfach nur sitzt, während draußen an sein Fenster der Regen prasselt. Ein anderer Mann, der akribisch Gemüse und Fisch wäscht, dann daraus ein Gericht zubereitet: Kang, dem stets traurig-melancholisch schauenden Protagonisten des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang sieht man oft zu, als betrachte man eine Naturdoku: Er wird auf seine Physis und seine Kreatürlichkeit zurückgeworfen. Handgeformtes Kino nennt Tsai seine eindrückliche Art zu filmen. So ist es auch in "Rizi” ("Days”, Wettbewerb), der den unter schlimmen Nacken und Schulterverspannungen leidenden Kang in Bangkok mit dem jungen, kochenden Reinlichkeitsfanatiker zusammenführt. Die Wege dieser beiden einsamen Männer kreuzen sich in einem Hotelzimmer zu einer zwar bezahlten, aber dennoch sehr zärtlichen Massage-Session. Der Schmerz des einen löst sich in der hingebungsvollen Dienstleistung des anderen auf - ein wundervoller, existenziell tröstender Kino-Moment, der komplett ohne Dialoge auskommt und doch alles über das Bedürfnis nach menschlicher Nähe erzählt. Andreas Borcholte

So kann man die Eskalationen durch Alkohol und Sadismus, Verzweiflung und Krawall erklären als Möglichkeiten, der Langeweile zu entkommen, die in den drei Jahren Kantinenbodenwischen zur Genüge geherrscht haben müssen. Der Voyeurismus des Filmens bedingt diese Zuspitzungen, was "DAU. Natasha" aber erstens nicht reflektiert. So wie der Film in seiner megalomanen Selbstergriffenheit auch nicht darüber nachdenkt, wie einleuchtend es ist, Leute zu demütigen, damit das Publikum eintauchen kann in eine Welt totalitaristischer Demütigung.

Und was zweitens das Gequatsche vom Experiment dementiert: Für die ganzen Performances ist ja allein die Aufmerksamkeit der Kamera entscheidend. Insofern entpuppt sich die mythische Begleiterzählung von "DAU. Natasha" als riesiger Schrutz. Das ganze Geld, die ganze Zeit – "womit hab ich das verdient, verdammte Scheiße?" (Natasha).