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"Deadpool 2": Füßchen statt Händchen

Foto: 20th Century Fox

Superhelden-Comedy "Deadpool 2" Der amputierte Witz

Und wieder fliegen Gliedmaßen durch die Gegend: "Deadpool 2" schickt den irrsten Marvel-Superhelden in ein neues Kinoabenteuer. Kann sich der Film mit dem subversiven Humor des ersten Teils messen?

Der Witz mit der kleinen Hand war gut. Im Überraschungshit "Deadpool" (2016) verlor der Titelheld eine Hand. Da er sich aber einst einer Mutations-Prozedur unterzogen hatte, um eine Krebserkrankung zu stoppen, besitzt Wade Wilson aka Deadpool Superkräfte. Es bringt nichts, ihm Gliedmaßen abzuhacken. Die wachsen nämlich nach. Aber eben langsam und erstmal winzig.

Der wuchtige, martialische Marvel-Superheld mit den Babyhändchen, das war ein Brüller, die Dekonstruktion eines ganzen Genres. Und da wusste man noch gar nicht, dass der Joke mit den "small hands" sich sogar bis weit in den US-Präsidentschaftswahlkampf ziehen würde, der ja, samt Ergebnis, ebenfalls eine Farce war. Konnte man sich nicht ausdenken, das alles. Übrigens ebenso wenig wie den Erfolg eines Films, der sämtliche Superhelden-Topoi rotzfrech, brutal billig und irre komisch durch den Kakao zog - und damit weltweit mehr als 700 Millionen Dollar einspielte.

Wie um Himmels Willen soll man so einen Glücksfall toppen? "Deadpool 2", der diese Woche anläuft, probiert es mit Repetition. Wieder fliegen allerlei Gliedmaßen durch die Gegend. Aber diesmal reicht eben das Händchen nicht mehr, diesmal gehen (unter anderem) Beine samt Unterleib flöten. Babyschwänzchen gibt es als Bonus. Das ist so das Niveau, auf dem diese Fortsetzung operiert.

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"Deadpool 2": Füßchen statt Händchen

Foto: 20th Century Fox

Man konnte ahnen, dass es nichts wird. Schon Ende 2016 kündigte Animationsspezialist Tim Miller, der mit "Deadpool" sein Regiedebüt abgeliefert hatte, den Rückzug an. Es wurde von "kreativen Differenzen" zwischen ihm und Hauptdarsteller Ryan Reynolds gemunkelt, es ging offenbar um Casting-Entscheidungen, aber auch um die Ausrichtung des Sequels.

Miller, der "Deadpool" mit vergleichsweise schmalem Budget und beherzter Comedy-Dramaturgie auf Blockbuster-Format getrimmt hatte, wollte angeblich dreimal so viel Geld von Fox, um nun eine "stilisiertere" Version zu erschaffen, was immer das bedeutet hätte. Reynolds, der jahrelang für "Deadpool" gekämpft hatte, wollte den ungeschliffenen Tonfall des ersten Films erhalten.

Dem zweiten Teil merkt man nun an, dass Miller ein entscheidender Faktor war, "Deadpool" zum Erfolg zu führen. Das Drehbuch ist so vollgestopft mit Sprüchen und absurden Ideen, dass der Raum fehlt, eine wirklich spielerische Dynamik entstehen zu lassen. Nichts wurde hier dem Zufall überlassen, alles bleibt genau da kleben, wo es mit einer großen Streukanone auf der Leinwand verteilt wurde, die "Yentl"-Jokes ebenso wie die Power-Ballade von Céline Dion im Soundtrack.

Deadpool 2

USA 2018

Regie: David Leitch

Drehbuch: Ryan Reynolds, Rhett Reese, Paul Wernick

Darsteller: Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, T.J. Miller, Julian Dennison, Karan Soni, Eddie Marsan

Produktion: Donners Company, Kinberg Genre, Marvel Entertainment, Twentieth Century Fox

Verleih: Fox

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16

Start: 17. Mai 2018

Wenn sich Deadpool, wie schon im ersten Teil, durch die vierte Wand an den Zuschauer wendet und warnt: Achtung, jetzt kommt eine Mega-CGI-Sequenz, dann ist das immer noch witzig, aber es kommt dann eben auch nur eine digital aufgerüstete Schlachtszene, die sich gar nicht mehr so sehr von anderen Superhelden-Spektakeln unterscheidet.

Zum größten Problem aber wird die Eitelkeit von Hauptdarsteller Reynolds. Agierte er im Original noch mit dem Alles-oder-nichts-Charme des Hollywood-Outcasts, ist ihm seine Rolle als Superheld aus der Asche jetzt sehr bewusst. Allzu oft zieht er seinem Deadpool die Maske ab, um mit dem eigenen, zwar kosmetisch vernarbten, aber eben sichtbaren Konterfei zu agieren. Dabei dreht sich der mäßig interessante Plot gerade darum, dass der Egozentriker Deadpool sich in Selbstlosigkeit üben muss, um eine emotionale Katharsis zu erfahren.

Aber, und das ist vielleicht der einzig wahrhaft subversive Witz: In Reynolds' One-Man-Show darf sich kaum einer der zahlreichen alten und neuen Mitspieler profilieren, weder die zum reinen Plot-Device degradierte Morena Baccarin als Deadpool-Freundin Vanessa, eine Seele des ersten Teils, noch Brianna Hildebrand als lesbische X-Woman Negasonic Teenage Warhead mitsamt ihrer asiatischen Freundin. Deren einzige Funktion im Film ist es, möglichst kawaii und - eben - asiatisch zu sein. Ein Team kurioser Helden-Rekruten (u.a. Bill Skarsgard und ein sehr prominentes Cameo) wird zur Mitte des Films in einem stumpfen Fallschirmsprung-Massaker einfach abgeräumt.

Einzig Josh Brolin als Halb-Cyborg Cable, der Deadpools Faxen mit stoischem Pragmatismus erduldet, entwickelt Tiefe und Präsenz. Nicht nur deshalb wirkt er wie ein Fremdkörper im "Deadpool"-Kosmos: Die Gravitas seiner Figur hat hier, im Reich der Satire, eigentlich nichts zu suchen. Aber sie zeigt, wohin die Reise dieser Filmreihe in Zukunft gehen könnte, wenn sie denn mal ihre originären Extremitäten amputiert. Mit Glück wachsen sie ja in einer schöneren Version wieder nach.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war zu lesen, Deadpool habe beide Hände verloren. Das war natürlich falsch - eine Hand reicht schließlich völlig. Wir haben den Fehler korrigiert.

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