Zum Tod von Schauspieler Dean Stockwell Wenn Gangster weinen

In »Blue Velvet« schmachtete er herzerweichend, in »Die Mafiosi-Braut« gab er den verknallten Gangster: Dean Stockwell überzeugte auch in kleineren Rollen mit abgründigem Witz. Nun starb er mit 85 Jahren.
Dean Stockwell (1936 - 2021)

Dean Stockwell (1936 - 2021)

Foto: Everett Collection / IMAGO

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Er war es, der Dennis Hopper die Tränen in die Augen trieb. In David Lynchs »Blue Velvet« legte Dean Stockwell 1986 einen flamboyanten Playback-Auftritt im aufgeknöpften Rüschenhemd hin und bewegte mit schmachtendem Blick zu Roy Orbisons »In Dreams« die Lippen. Der von Hopper gespielte Psycho Frank Booth brach dabei vor Rührung fast zusammen – um sich dann wieder zu sammeln und mit seiner Gang zu neuen Bluttaten aufzubrechen.

Gewaltmenschen im Gefühlschaos: Dean Stockwell bereicherte das Arthouse- und das gehobene Genre-Kino der Achtzigerjahre um etliche solcher kunstvoll gebrochenen, anachronistischen Hardboiled-Typen. Er selbst war da lange schon eine Art Überlebender des alten Hollywood-Systems samt dessen Männerbildern, die er fortan so beherzt wie ironisch auseinandernahm.

Szene mit Stockwell aus »Blue Velvet«: Gangster im Gefühlschaos

Szene mit Stockwell aus »Blue Velvet«: Gangster im Gefühlschaos

Foto: Mary Evans / IMAGO

Schon im Alter von sieben Jahren hatte Stockwell erste Bühnenauftritte absolviert, mit neun besaß er bereits einen Vertrag als Kinderdarsteller beim Studio MGM. Kurz darauf stand er mit vielen der großen Stars der Ära vor der Kamera. 1945 war er neben Frank Sinatra und Gene Kelly in »Urlaub in Hollywood« zu sehen, 1947 wirkte er in einer zentralen Rolle an der Seite Gregory Pecks in Elia Kazans kontroversem Politdrama »Tabu der Gerechten« mit, dem ersten Hollywoodfilm, der den Antisemitismus in den USA zum Thema machte. 1948 bekam er die Titelrolle in Joseph Loseys Antikriegsgroteske »The Boy with the Green Hair«.

Der Duft der Gegenkultur

Es folgten etliche Kino- und Fernsehauftritte. 1959, im Alter von 23 Jahren, drehte Stockwell neben Orson Welles »Der Zwang zum Bösen« – und erhielt dafür bei den Filmfestspielen in Cannes den Darstellerpreis. Der Wandel vom Kinderstar zum jungen Helden (oder auch nur Antihelden) kam trotzdem eher schleppend voran. Wohl auch deshalb, weil Stockwell früh den Marihuana-versüßten Duft der aufkommenden Gegenkultur schnupperte und fortan seine Karriere schleifen ließ. In den Sechzigern schloss er sich nördlich von Los Angeles einer Hippiekommune an, nahm an Love-ins teil und experimentierte nach eigenen Aussagen ausgiebig mit Drogen.

Szene mit Stockwell, Brigitte Nielsen und Eddie Murphy in »Beverly Hills Cop II«: so lustvoll wie inspiriert

Szene mit Stockwell, Brigitte Nielsen und Eddie Murphy in »Beverly Hills Cop II«: so lustvoll wie inspiriert

Foto: Paramount / Everett Collection / IMAGO

Fortan galt Stockwell unter Hollywood-Managern als Rebell – der die Nähe von anderen Rebellen suchte: 1971 wirkte er in »The Last Movie« mit, einem Filmindustrie-Meta-Drama über Filmarbeiten in den Anden, bei dem Dennis Hopper Regie führte. Nach dem sagenhaften Erfolg von »Easy Rider« hatte Hopper einen finanziellen Freibrief von seinen Produzenten bekommen; Stockwell war mit damaligen Superstars wie Peter Fonda und Kris Kristofferson in den Bergen von Peru unterwegs, nicht immer waren sich die drei im Klaren darüber, was Hoppers Ziel bei dem Unterfangen war. Zum Karriereneustart taugte »The Last Movie« für Stockwell nicht; in den Siebzigern tauchte er in sehr sporadischen Gastauftritten in Fernsehkrimireihen auf, in »Columbo«, »Die Straßen von San Francisco«, so was eben.

Schließlich erwarb er eine Lizenz als Immobilienmakler und wollte Hollywood nun endgültig hinter sich lassen. Doch dann brachte ihn Schauspielerkollege Harry Dean Stanton zurück ins Spiel: 1984 stand Stockwell mit ihm für Wim Wenders Film »Paris, Texas« vor der Kamera – der Auftakt für eine Reihe grandioser Charakterzeichnungen, für die er sich aus der zweiten Reihe und aus der zweiten Lebenshälfte heraus ins Gedächtnis jener Zuschauerinnen und Zuschauer brannte, die sich im Kunstkino genauso wohlfühlten wie im Bahnhofskino.

Unvergessen sein Auftritt als Waffenfetischist in »Beverly Hills Cop II« (1987) oder als liebestoller Gangsterboss an der Seite von Michelle Pfeiffer in »Die Mafiosi-Braut« (1988), für den er als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert wurde. Von 1989 bis 1993 glänzte Stockwell mit Scott Bakula in der Serie »Zurück in die Vergangenheit« (im Original »Quantum Leap«), die ihm insgesamt vier Emmy-Nominierungen sowie 1990 zum zweiten Mal nach 1947 den Golden Globe einbrachte. Die Serie um einen Zeitreisenden wurde von Kritikern gefeiert, letztlich aber wegen zu schlechter Quoten eingestellt.

So abgeturnt Stockwell in den Sechzigern von Hollywood war, so lustvoll und inspiriert zog er in den späteren Neunziger- und Nullerjahren seine Runden im Unterhaltungsbetrieb. Wo er auftauchte, versprühte er oft einen bösen, abgründigen Witz, eben wie bei seinem legendären Auftritt in »Blue Velvet«. Gewaltmenschen im Gefühlschaos, das blieb seine Paraderolle, auch wenn sein Name selten in fetten Lettern auf den Filmplakaten prangte.

Wie jetzt unter anderem das Branchenmagazin Deadline  berichtet, starb Dean Stockwell am Sonntag im Alter von 85 Jahren. Nicht wirklich

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.