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Debütfilm "Oh Boy": Da machste Augen

Foto: X Verleih

Deutscher Debütfilm "Oh Boy" Ein Feigling sieht anders aus

Ein Glücksfall für das deutsche Kino! In "Oh Boy" driftet ein junger Mann durch Berlin. Wer jetzt noch mehr Hauptstadt-Hype oder noch ein Prekariatsporträt fürchtet, liegt falsch. Schon allein das glänzende Spiel von Tom Schilling verleiht dem Film Format - und Haltung.

"Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute, sondern du selbst das Problem bist?"

"Oh Boy" läuft schon eine Weile, als Hauptfigur Niko (Tom Schilling) diese Sätze sagt. Man könnte meinen, dass Niko tatsächlich das Problem ist: Der Endzwanziger hat sein Jurastudium geschmissen. Er ist mehrfach mit Alkohol hinterm Steuer erwischt worden und nun seinen Führerschein los. Er ist vor einer Weile umgezogen, lebt aber immer noch zwischen Kartons. "Oh Boy" wäre aber nicht dieser Glücksfall von einem Film, wenn er es sich so einfach machen würde - mit den Menschen und ihren Problemen, mit den Karrieren und dem Versagen, mit dem Zögern und dem Grübeln.

Den ersten Kaffee des Tages lehnt Niko ab. Seine Freundin Elli (Katharina Schüttler) drängt darauf, morgens gemeinsam eine Tasse zu trinken. Doch Niko zieht es raus aus ihrer Wohnung, hinein in einen Tag, an dem er eigentlich nichts vorhat. Später wird sich die Unruhe rächen. Denn so oft Niko auch fragt, er wird an diesem Tag keine Tasse Kaffee bekommen. Das ist umso perfider, als es der einzige Wunsch ist, den Niko klar formuliert.

Nouvelle Vague? Woody Allen?

Sprachlosigkeit prägt seinen Tag. Dem Vater (Ulrich Noethen) kann er nicht erklären, warum er sein Studium abgebrochen hat. Der ehemaligen Schulkameradin (Friederike Kempter) kann er sich nicht verständlich machen. Und das letzte Gespräch eines überlangen Tages, das geradezu existentielle Bedeutung entwickeln wird, versucht er abzuwehren: "Ich möchte jetzt lieber allein sein."

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Berlin-Film, Generationenporträt, Debüt: Viele Label bieten sich für Jan Ole Gersters erste Kinoarbeit an, aber keines passt. Sein Tonfall ist so fein und präzise, dass er nichts von einem polternden Erstling oder gewichtigen Generationenpanorama hat. Und die schwarzweißen Bilder, die Philipp Kirsamers Kamera von Berlin einfängt, sind im Zusammenspiel mit dem jazzigen Soundtrack so weit entfernt von den üblichen Hauptstadtaufnahmen, dass die Assoziationen eher Paris und New York - oder Nouvelle Vague und Woody Allen - als junger deutscher Film sind.

Dabei ist "Oh Boy" zeit- und ortsspezifischer, als er zunächst erscheint, lässt sich aber nur nicht von der Gegenwartsaufgeregtheit, die Berlin bestimmt, beeindrucken. Hipster, Touristen oder Bionade-Mütter sucht man vergebens. Stattdessen wendet der Film seinen Blick auf die Geschichte der Stadt und legt nach und nach frei, wie die Fixierung auf die Jetztzeit die Geschichte verdrängt und ständiges Abgelenktsein auch nur ein Weggucken ist.

Das Stöhnen und die Konvulsionen

Bevor der Film an diesem Punkt ankommt, müssen aber seine Figuren ihre Art der Vergangenheitsbewältigung durchstehen. Nikos Nachbar Karl (Justus von Dohnányi) steht plötzlich in der leeren Wohnung und trauert einer Ehe nach, die er schon lang nicht mehr lebt. Und Julika, die ehemalige Schulkameradin, die wegen ihres Übergewichts einst gehänselt wurde, pöbelt herum, weil sie sich geschworen hat, sich nie wieder etwas gefallen zu lassen.

Mit Worten beschrieben klingt das pathetischer, als es im Film aussieht, denn dort mischen sich ironische Untertöne bei und lassen eine Ambivalenz entstehen - die trotzdem nicht haltungslos ist. In einer Szene etwa besuchen Niko und sein Schauspieler-Freund Matze (Marc Hosemann) eine Inszenierung, in der Julika tänzerisch ihr gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper verarbeitet. Was auf der Bühne dargeboten wird, das Stöhnen und die Konvulsionen, wirkt wie eine Parodie auf Ausdruckstanz und Regietheater, weshalb Matze kichern muss. In Nikos Zügen hingegen spiegelt sich Mitgefühl wider, er scheint Julika zum ersten Mal überhaupt zu verstehen. Später gibt es deswegen Ärger. Der Regisseur empört sich über Matzes Gekicher und schimpft ihn einen verwöhnten Staatstheater-Heini, der Matze-Darsteller Hosemann als Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne gewissermaßen ja auch ist - einer der vielen aberwitzig klugen Drehbuch-Einfälle.

Was aber vor allem Eindruck macht, ist das nuancenreiche Spiel von Tom Schilling, der seine bislang beste Rolle stemmt. Er schafft es, seinen Niko mit winzigen Gesten wie einem leicht schräg gelegten Kopf als aufmerksamen Zuhörer zu erkennen zu geben. Immer wieder hält er inne, lässt Menschen und ihre Geschichten auf sich einwirken. So wie Niko durch die Stadt zu gehen, so empfindsam und umsichtig, erscheint plötzlich nicht wie Müßiggang, sondern wie eine lebensfüllende Aufgabe, der man erst einmal gewachsen sein muss.

Noch etwas lässt "Oh Boy" herausstechen: Er bringt Bewegung in die zuletzt sehr verbissene Diskussion zwischen deutschen Filmschaffenden und Kritikerinnen und Kritikern - haben doch die Macher die Kritiker unter Verdacht, deutsche Filme aus Prinzip zu verreißen. "Oh Boy" ist einer der besten Beweise dafür, warum es einfach anderer und besserer Filme bedarf, um die vermeintlich verhärteten Fronten aufzulösen.

Und zum anderen teilt Jan Ole Gerster selbst ordentlich gegen den deutschen Film aus. In einer Szene besucht Niko im Schlepptau von Matze das Set eines Nazi-Dramas. Ohne zu viel zu verraten: Was dort gedreht wird, bringt auf den Punkt, was im deutschen Kino so fürchterlich schief läuft. Wäre "Oh Boy" nicht schon toll genug - allein wegen dieser Szene lohnt sich der Kinobesuch.

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