Katastrophenfilm "Deepwater Horizon" Andacht und Action

So einen Blockbuster über die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hätte man von Hollywood nicht erwartet: "Deepwater Horizon" mit Mark Wahlberg interessiert sich ernsthaft für die Opfer.
Katastrophenfilm "Deepwater Horizon": Andacht und Action

Katastrophenfilm "Deepwater Horizon": Andacht und Action

Foto: Studiocanal

Erinnern wir uns: 2010 kam es im Golf von Mexiko zur schwersten Umweltkatastrophe ihrer Art. Millionen Tonnen Öl strömten ins Meer, nachdem es auf der vom britischen Ölkonzern BP geleasten Bohrplattform Deepwater Horizon zum Blowout kam. Wie so oft war das Geld schuld.

Vor der eigentlichen Ölförderung mussten eine Reihe von Kontrolltests absolviert werden. Damit war man über Wochen im Verzug, und das kostete Geld - Geld, das BP nicht ausgeben wollte. Peter Berg hat die Ereignisse von damals nun zu einem Katastrophenfilm verschnürt.

Es ergibt durchaus Sinn, an die Reichweite der Geschehnisse zu erinnern, denn "Deepwater Horizon" kümmert sich erkennbar wenig um den ökologischen Kontext des Desasters. Kein einziges Mal sehen wir Öl ins Wasser strömen, was einen verwundert, hätten doch dadurch dramatische Katastrophenbilder entstehen können, die gerade einen Regisseur wie Peter Berg hätten interessieren müssen.

Was wir stattdessen sehen, ist eine ölverklebte Möwe, die einmal an Bord eines Schiffes panisch um ihr Überleben flattert. Diese kurze Szene genügt Berg, um das Umweltthema in seinem Film unterzubringen. Berg hat sich entschieden, seinen Film den Todesopfern von damals zu widmen - und das ganz konkret. Vor dem Abspann blendet er die Fotos der zwölf Verstorbenen ein - andächtig, langsam, eines nach dem anderen. "Deepwater Horizon" ist ein Requiem im Katastrophenfilmkostüm; unter dieser Prämisse gleichzeitig um die Natur zu trauern, würde sich anhören wie ein schiefer Ton.

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"Deepwater Horizon": Requiem auf einer Bohrinsel

Foto: Studiocanal

Der Techniker Mike (Mark Wahlberg) und sein Chef, der sympathische Jimmy Harrell (Kurt Russell), trauen ihren Ohren nicht, als sie erfahren, dass der BP-Funktionär Donald Vidrine (John Malkovich) Mitarbeiter einer Servicefirma nach Hause geschickt hat, bevor diese einen wichtigen Sicherheitstest auf der Bohrinsel abschließen konnten. Ihnen ist klar, dass BP hier nicht nur den Blowout riskiert, sondern auch fahrlässig mit der Sicherheit der Plattform und der Besatzung spielt.

Lange nimmt sich der Film Zeit, die Schuldigen von den Unschuldigen auseinander zu sortieren. Eine notwendige Vorleistung, denn später sollen Mike, Jimmy und andere zu amerikanischen Helden gekrönt werden können, die in lichterlohen Flammen versuchen, Schlimmeres zu verhindern - die Flagge, stark beschädigt, aber trotzdem noch flatternd, bürgt dafür, wie so oft.

Das ist die eine Richtung dieses Films; sie erinnert an Bergs "Battleship" von 2012, in dem ebenso ein völlig antiquierter American-Hero-Schmarrn auf offener See zelebriert wurde und außerirdische Schlachtschiffe auf den Meeresgrund geballert wurden. Im Grunde ging es damals aber nur darum, den Schwiegerpapa von der eigenen Geschlechtsreife zu überzeugen. In "Deepwater Horizon" wird das Heroismusregister zwar nicht ganz so fahrig gezogen, es wirkt aber deswegen nicht weniger deplatziert.


"Deepwater Horizon"

Hong Kong 2016
Regie: Peter Berg
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Matthew Sand
Darsteller: Mark Wahlberg, Kurt Russell, Douglas M. Griffin, James DuMont, Joe Chrest, Gina Rodriguez, Brad Leland, John Malkovich
Verleih: StudioCanal
Länge: 107 Minuten
FSK: 12
Start: 24. November 2016


Das hat mit der anderen Richtung dieses Films zu tun: Anders als in "Battleship" geht Berg hier nämlich sehr viel konzentrierter mit der Katastrophe um und inszeniert Zerstörungsverläufe um einiges präziser. Die Katastrophe ist in "Deepwater Horizon" tatsächlich nicht nur das Basismaterial, aus der sich amerikanische Stereotypen schnipseln lassen, nicht nur das Alibi, um Zeugnis von der nationalen Potenz ablegen zu dürfen, sondern erstaunlicherweise eine Verkettung von zunächst einmal nur technischen Kausalitäten.

Dass Berg seit seiner Bauchlandung von 2012 filmästhetisch gereift ist (sein nächster Film "Patriots Day" über den Anschlag auf den Boston-Marathon wird bereits als Oscar-Kandidat gehandelt), sieht man allein daran, wie sehr er sich für den kompakten und dennoch unwirklich verzweigten Raum der Förderplattform interessiert. Wenn sich die Kamera an Mike hängt, der über die Insel spaziert, hier und dort mit einem Kollegen abklatscht, sich über dieses und jenes erkundigt, diesen und jenen Testlauf macht, dieses und jenes Rädchen dreht, dann hat man beinahe den Eindruck, dass sich die Linse tausendmal mehr für die einzelnen Schrauben, Kontrollanzeigen und Messgeräte interessiert als für die sowieso lupenreine Charakteranlage ihres Protagonisten.

Wenn es dann nach einiger, dramaturgisch gebotenen Zeit endlich zu den Explosionen, Bränden und Rauchschwaden kommt, die auf der Plattform das Chaos ausbrechen und den Zerstörungsexzess einziehen lassen, dann ist von der infantilen Abrissparty früherer Filme wenig zu spüren. Berg gelingt hier eine saubere, an kleinsten technischen Prozessen interessierte und trotzdem aufrüttelnde Chronik dieser Katastrophe.

Warum er sich da am Ende noch zum Spagat ins Heldenepos hinreißen lässt, versteht kein Mensch - nicht nur weil dieses Instantpathos auf die Nerven geht, sondern weil es ganz besonders in diesem Film überhaupt keinen Sinn ergibt.

Im Video: Der Trailer zu "Deepwater Horizon"

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