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Filmdrama "Helen": "Dann passiert es trotzdem"

Foto: Warner Bros.

Depressions-Drama "Helen" "Ich wollte die Krankheit aus dem Abseits holen"

Mit der Filmromanze "Bella Martha" wurde sie berühmt, jetzt kommt Sandra Nettelbecks Drama "Helen" über eine schwer depressive Frau ins Kino. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Regisseurin über Tabus im Umgang mit Kranken, die Ohnmacht der Gesunden und die Gefahr von Psychopharmaka.

SPIEGEL ONLINE: Frau Nettelbeck, in Ihrem Filmdrama "Helen" zeigen Sie die Welt der wohlhabenden, kultivierten Mittelschicht. Die Hauptfigur ist Musikprofessorin, sie hat einen liebevollen Mann und eine reizende Tochter. Psychologische Herleitungen der schweren Depression, die plötzlich über Helen hereinbricht, lassen Sie ganz weg.

Sandra Nettelbeck: Darauf habe ich großen Wert gelegt. Eine Depression kann nämlich jeden treffen. Wir neigen dazu, nach Gründen oder Motiven zu suchen. Man fragt sich: Warum? Es liegt aber in der Natur dieser psychischen Erkrankung, dass es diese Gründe nicht geben muss. Ich wollte die Krankheit aus dem gesellschaftlichen Abseits holen und von Menschen erzählen, die sich lieben, die ihre Arbeit mögen und sich in Sicherheit wiegen. Und dann passiert es trotzdem.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Depression, die vollständige geistige und psychische Lähmung, für die gebildete Klasse besonders beschämend?

Nettelbeck: In der Unterschicht ist das vielleicht noch beschämender. Ein Bauarbeiter hat womöglich niemanden, an den er sich mit diesen schrecklichen und befremdenden Symptomen wenden kann, weil er denkt: Das kann ich keinem erzählen. Letztlich zieht sich die Beschämung aber durch alle Schichten.

SPIEGEL ONLINE: Von Helens Ehemann David, einem sehr erfolgreichen Anwalt, heißt es im Film sarkastisch: "Sein Leben kann nicht besser werden. Man sollte ihn verklagen." Die Krankheit seiner Frau droht dann aber auch ihn zu zerstören.

Nettelbeck: Ja, David ist ein Glückskind. Durch seinen privaten und beruflichen Erfolg verfällt er dem Glauben: Mir kann nichts passieren, ich schaffe alles. Solche Menschen sind auf tragische Weise besonders anfällig, weil sie so unvorbereitet sind.

SPIEGEL ONLINE: David reagiert auf die Krankheit seiner Frau mit Aktionismus, am Ende ist er resigniert und zornig. Von ihrer Mitpatientin Mathilda, einer manisch-depressiven Studentin, sagt Helen dagegen: "Sie muss nicht fragen, wie ich mich fühle, sie weiß es." Da bekommt die Krankheit feministisches Potential.

Nettelbeck: Feministisch würde ich das nicht nennen. Ich glaube aber durchaus, dass es unter Kranken und Frauen eine Nähe gibt, die sich unter Gesunden und mit Männern in der Form erstmal nicht herstellen lässt. Man ist als Kranker so isoliert, dass es schwer ist, überhaupt jemanden zu finden, dessen Gegenwart man aushält. Und Helen und Mathilda wissen Dinge voneinander, die sie nicht erklären müssen.

SPIEGEL ONLINE: In einer Szene machen sich die Frauen lustig über die "schlechtesten gut gemeinten Ratschläge".

Nettelbeck: Mach Yoga! Lies ein Buch! Geh Spazieren! Das sind die Dinge, von denen Menschen, die gesund sind und den Kranken von außen betrachten, glauben, es helfe. Das liegt auch an unserem Sprachgebrauch. Wir sagen: Mein Job deprimiert mich. Das Wetter macht mich echt depressiv. Die Grenze ist verschwommen zwischen dem, was ein Krankheitszustand ist und was eine Gemütsschwankung.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Szene auch ein Seitenhieb auf die westliche Selbstoptimierungskultur?

Nettelbeck: Das kann man so sehen. Vor allem der Perfektionismus der Amerikaner ist enorm. Alles ist heilbar, wir kriegen alles in den Griff, und es gibt gegen alles eine Pille. Natürlich sind Medikamente in manchen Fällen unbedingt notwenig. Andererseits ist es enorm gefährlich, jedem pubertierenden Jugendlichen Antidepressiva zu geben, nur weil er sich daneben benimmt.

SPIEGEL ONLINE: Sie laden die Krankheit auch literarisch auf: "Es liegt ein Schritt zwischen mir und dem Nichts", erklärt Helen. Das könnte eine antike Tragödienheldin sagen.

Nettelbeck: Was ist tragischer als der Verlust des Kontakts zum eigenen Kind? Das ist nämlich oft die letzte Station dieses Leidens: die Entfremdung von den Kindern, wie auch der Film sie zeigt. Die Kinder sind das letzte Hoffnungslicht, und wenn das erlischt, wird es wirklich gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie gewinnt man eigentlich einen Produzenten für so einen düsteren Stoff?

Nettelbeck: Ich habe immer gesagt, es sei eine Liebesgeschichte. Denn über eine Depression kann man eigentlich keinen Film machen. Die Depression als solche entzieht sich der Darstellung. Die Kommunikation bricht zusammen, die Krankheit teilt sich nicht mit. Das ist der Feind der Dramaturgie. Deshalb lautete mein Motto: Es ist eine Liebesgeschichte, die sich mit Krankheit befasst.

SPIEGEL ONLINE: Eine Krankheit, die so gar nicht zur Logik des Kinos passt: Warum haben Sie sich dennoch mit dem Sujet beschäftigt?

Nettelbeck: Für mich ist das ein existentielles Thema. Ich habe meine beste Jugendfreundin an die Krankheit verloren. Wir waren wie Schwestern, mit 30 hat sie sich umgebracht. Ich habe damals versucht, für sie da zu sein. Aber ich wusste viel zu wenig über ihre Krankheit. Als ich später, vor elf Jahren, anfing zu recherchieren, musste ich mir alle Literatur aus Amerika besorgen. In Deutschland fand ich nur Bücher im Stil von "Ich bin traurig. Was mache ich?". Bei meiner Freundin frage ich mich bis heute, ob sie richtig behandelt wurde, ob sie wirklich die notwendige und angemessene Hilfe hatte. Ich wünschte, ich hätte mehr gewusst, mehr Informationen gehabt. Man kann nicht jeden retten, aber ich bin sicher, dass wir mit mehr Aufklärung und mehr Offenheit mehr Menschen helfen können.

SPIEGEL ONLINE: "Ich war bereit zu kämpfen", lassen Sie Helen sagen. "Ich war nicht bereit zu verlieren." Andererseits zeigen Sie die große Ohnmacht, die die Krankheit bei allen auslöst. Muss man manchmal nicht bereit sein, aufzugeben?

Nettelbeck: Lieber nicht. Die Frage ist: Will man sich darauf vorbereiten? Kann man sich darauf vorbereiten, dass man jemanden verliert? Ich verlor vor zwei Jahren meinen Vater. Aber wenn jemand an Krebs stirbt und man ihm beistehen kann bis zum Schluss, ist das etwas anderes, als wenn man eines Morgens erfahren muss, dass sich ein geliebter Mensch erhängt hat. All die Gedanken, die man sich macht. Die Fragen. Hätte man nicht doch etwas tun können? Das wird man nicht mehr los.

Das Interview führte Daniel Haas

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